Süddeutsche Zeitung

Ernst Jünger:Poetik der Fassungen

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Die historisch-kritische Neuausgabe der "Strahlungen"-Tagebücher ist ein Meilenstein der Jünger-Forschung.

Von Steffen Martus

Im November 1941 begutachtete Joseph Goebbels den ersten Band der Tagebücher, die Ernst Jünger später unter dem Titel "Strahlungen" veröffentlichen sollte: Der Autor der "Stahlgewitter" habe "sich vollkommen in eine unfruchtbare Philosophasterei eingesponnen". Sein "Literatentum" werde "auf die Dauer unerträglich".

Das Urteil fiel eindeutig aus, aber selbst der Propagandaminister erlaubte sich nur im Konjunktiv, über Konsequenzen für den hochdekorierten Weltkriegshelden nachzudenken: "Es wäre vielleicht gut, wenn man sich ihn bei Gelegenheit einmal vorknöpfte und ihn neu bestandpunktete. So isoliert er sich immer mehr von den treibenden Kräften der Zeit und läuft Gefahr, zum literarischen Einsiedler zu werden". Für Ernst Jünger verhielt es sich freilich genau andersherum: Nur wer sich den Zeitläuften aussetzt und zugleich größtmöglichen Abstand zu den Tagesereignissen bewahrt, erkennt die "treibenden Kräfte der Zeit".

Genau um diese gefestigte Distanz bemühte sich Jünger in den Tagebüchern des Zweiten Weltkriegs in immer neuen Text-"Fassungen". Bis zur zweiten Werkausgabe der Siebzigerjahre schichtete er Varianten um Varianten aufeinander und "bestandpunktete" sich so selbst immer wieder neu.

Schon von der Erstauflage gibt es zwei unterschiedlichen Versionen

Eine Reihe von literaturwissenschaftlichen Studien hat sich mit den "Fassungen" von Jüngers Werken beschäftigt. Bis vor wenigen Jahren aber, als Helmuth Kiesel die Originaltagebücher des Ersten Weltkriegs komplett edierte und anschließend eine historisch-kritische Ausgabe der "Stahlgewitter" vorlegte, konnte man sich nur im Archiv und durch aufwändige eigene Recherchen einen eigenen Eindruck davon machen, wie es in Jüngers Schreibwerkstatt zugegangen sein mochte. Mit der historisch-kritischen Edition der "Strahlungen", die Kiesel gemeinsam mit Joana van de Löcht und unter Mitarbeit von Friederike Mayer-Lindenberg herausgegeben hat, ist nun ein weiterer großer Schritt getan, um einen philologischen Umgang mit der "reflektierten Authentizität" Jüngers zu ermöglichen.

Die "Strahlungen" der Werkausgabe bestehen aus fünf Tagebüchern mit eigenen (Unter-)Titeln: "Gärten und Straßen" (1939-40), "Das erste Pariser Tagebuch" (1941-42), "Kaukasische Aufzeichnungen" (1942-43), "Das zweite Pariser Tagebuch" (1943-44), "Kirchhorster Blätter" (1944-45) und "Jahre der Okkupation" (bzw. "Die Hütte im Weinberg", 1945-48). Die vorliegende Edition ergänzt die drei bis vier Varianten dieser Textzeugen um die handschriftlichen Fassungen: Ausgewertet wurden zwanzig Tagebücher, die Abschrift im sogenannten "Journal" sowie zahlreiche Notizbücher und diverse Loseblattkonvolute.

Wie kompliziert die Verhältnisse sind, sieht man etwa daran, dass bereits die Erstauflage der "Gärten und Strahlungen" von 1942 zensurbedingt in zwei unterschiedlichen Fassungen vorliegt, oder daran, dass Jünger im Lauf der Zeit den publizierten Text erst aufbaut, dann kürzt und schließlich wieder erweitert. Bearbeitungstendenzen, die einer klaren Entwicklungslogik folgen, lassen sich nur mit Einschränkungen feststellen.

Das Lesevergnügen bei historisch-kritischen Ausgaben ist in der Regel eingetrübt - hier nicht

Änderungen haben teils etwas mit der konkreten Schreibsituation zu tun, teils mit den Publikationsbedingungen, teils mit Jüngers Arbeit an der eigenen Deutungskompetenz, teils mit Fragen der persönlichen Dezenz oder mit stilistischen Verbesserungen und Manierismen. Insgesamt überwiegt der Eindruck eines Schreibprozesses, der sehr unterschiedliche und einander zuwiderlaufende Normen berücksichtigt. Bislang hat man Jünger für die unterschiedlichen Phasen des Werks auf einen Nenner zu bringen versucht. Nun wäre es an der Zeit, auch ihn als Autor zu begreifen, der einen Knotenpunkt spannungsvoller, vielfach selbstgewählter sowie von außen auferlegter Anforderungen bildet.

Das Lesevergnügen historisch-kritischer Ausgaben ist bei komplizierten Überlieferungslagen in der Regel eingetrübt. Eigenwillige Zeichenarsenale, die die Textgenese nachvollziehbar machen sollen, aufwändige Variantenapparate, die von Spezialisten für Spezialisten gemacht sind, oder nur schwer nachvollziehbare Seitenbilder erschweren eine flüssige Lektüre.

Hier verhält es sich anders. Die Editoren haben die Zeichen für Erweiterungen oder Kürzungen auf das notwendige Minimum reduziert. Die Zuordnung von Passagen zu unterschiedlichen Quellen erfolgt durch Textfarben. Marginalien erlauben zudem eine schnelle Orientierung über Prozesse des Hinzufügens oder Streichens. Ein Variantenapparat gibt weitere Detailauskünfte. Sachfragen werden im Kommentar präzise und mit großer Kennerschaft geklärt.

Für den schnellen Zugriff auf einzelne Stellen wäre eine Zeilenzählung wie in der "Stahlgewitter"-Edition praktisch gewesen. Eine Legende mit Siglen, Zeichen- und Farberläuterungen, die man bei der Lektüre neben das Buch legen kann, würde den Zugang erleichtern. Mit ein wenig Übung liest sich die Ausgabe aber auch so erstaunlich flüssig, erlaubt ganz nach Bedarf Versenkung ins Detail oder eine kontinuierliche Lektüre.

Die "Strahlungen" standen im Zentrum der Debatten darum, ob und inwiefern Jünger eine "Wandlung" durchgemacht habe

Bedauerlich ist der gänzliche Verzicht auf Abbildungen, die eine genauere Vorstellung von der Papierarbeit und zumindest einen vermittelten Eindruck von der Materialästhetik ermöglichen würden. Das schmälert freilich nicht die überaus eindrucksvolle editorische und verlegerische Leistung, die für Jünger-Liebhaber wie für die Jünger-Philologie einen Meilenstein bedeutet.

Orientiert am jeweils frühesten überlieferten handschriftlichen Dokument konstruiert die historisch-kritischen Ausgabe der "Strahlungen" die maximale Ausdehnung eines gewichtigen Teils von Jüngers Tagebüchern mit allen relevanten Hinzufügungen, gestrichenen Passagen und Umarbeitungen. Anders als zuvor müssen nun die jeweiligen Fassungen, die einer spezifischen Schreib- und Publikationsgelegenheit geschuldet sind, aus dem Textzusammenhang extrahiert und rekonstruiert werden.

Es ist die Aufgabe einer größer angelegten und vor allem auch digital aufbereiteten Edition, die doppelte Optik einer sowohl prozessorientierten als auch situationsinteressierten Wahrnehmung von Jüngers Werken mit demselben Komfort zu ermöglichen. Hier wäre dann auch genauer die Wanderungsbewegung von Textauszügen in Zeitschriften, Sammelbänden und in Jüngers Werk selbst zu dokumentieren - wenn man so will: das publizistische Netzwerk, das Jünger mit seinen Tagebüchern gesponnen hat und in das er eingesponnen wurde. Für den werkpolitischen Status des Tagebuchs ist es etwa bezeichnend, dass Jünger einige Notate aus den Nachkriegstagebüchern in den Band "Sgraffiti" überführt hat, einer Fortsetzung des "Abenteuerlichen Herzens", also jenes Werks, in dem er sich literarisch bleibend "bestandpunktet" hat.

Die "Strahlungen" standen im Zentrum der Debatten darum, ob und inwiefern Jünger eine "Wandlung" durchgemacht habe. Peter de Mendelssohn, der schärfste und scharfsinnigste Kritiker der Tagebücher, bemerkte zur Erstausgabe 1949: "Nirgends finde ich in diesen sechshundert Seiten auch nur einen Hinweis darauf, dass Jünger den Zweiten Weltkrieg als eine von Hitler willentlich begangene Untat sieht". Auf Grundlage der gesamten Textgeschichte wird man vielleicht nicht zu freundlicheren, aber in jedem Fall zu weniger klaren inhaltlichen Urteilen gelangen.

Zugleich rückt die historisch-kritische Edition einen anderen Aspekt in den Vordergrund, den Goebbels bei seinem nur inhaltlichen Verdikt der "unfruchtbaren Philosophasterei" und des "Literatentums" von Jünger verfehlt. Dass dieser die "Strahlungen" als seinen "geistigen Beitrag zum zweiten Weltkrieg" auffasste, "soweit ihn die Feder leistet", ist hintersinnig formuliert. Jünger begriff nämlich seine Poetik der "Fassungen" als eine Art literarische Mobilmachung, mit der er in eine Textschlacht zog: in einen "Kampf mit dem Papier", wie er es "anläßlich der ersten Gesamtausgabe" ausdrückte. Jünger mochte durch jene moderne "technische Welt", die er 1932 in seiner Epochendiagnose "Der Arbeiter" für sich auf den Punkt gebracht hat, "hindurchgegangen" sein "wie durch die großen Schlachten". Nun kann man überprüfen, wie er sich als Textarbeiter dazu verhielt.

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