Ernährungskultur Ein Umdenken muss her

Lesen Sie auf Seite 2: Zehn Gebote für ein neues Lebensmittelbewusstsein

Bei einem großen Essen, an einer schön gedeckten Tafel, werden gern Trinksprüche ausgebracht. Üblicherweise gelten diese den Gästen oder dem Gastgeber. Der Dioxin-Skandal lehrt wieder einmal, wie so viele Nahrungsmittelskandale vor ihm, dass es Zeit dafür ist, Ess- und Trinksprüche auf das Essen selbst auszubringen und zu beherzigen. Erstens: Lebensmittel müssen wieder sein, was ihr Name sagt - Mittel zum Leben.

Zweitens: Es braucht einen neuen Respekt vor dem Essen. Das muss nicht heißen, dass das Essen wieder so teuer werden muss wie einst; aber das Essen muss den Menschen wieder etwas wert sein.

Drittens: Die Esser müssen wissen, was sie essen. Deshalb ist es gut, wenn gentechnisch veränderte Lebensmittel gekennzeichnet werden müssen. Vielleicht ist die Angst vor der Gentechnik übertrieben; aber in dieser Skepsis steckt ein neues Bewusstsein, das Bewusstsein, sich nicht mehr alles vorsetzen zu lassen.

Viertens: Die Verbraucher müssen fragen, woher die Lebensmittel kommen, die wir essen.

Fünftens: Sie dürfen vor den scheußlichen und ekelhaften Produktionsbedingungen von Billiglebensmitteln nicht mehr die Augen verschließen.

Sechstens: Die Verbraucher müssen ihre innere Spaltung beenden. In Umfragen bekennt sich fast jeder zu Bio-Lebensmitteln, doch im Supermarkt kauft er lieber die Billigpizza.

Siebtens: Man sollte der gemeinsamen Mahlzeit wieder mehr Zeit und Raum geben. Eine Mittagspause, in der man am Computer herumhackt und nebenbei etwas hineinschlingt, ist keine Pause.

Achtens: Ess- und Koch-Wissen sollten wieder Eingang finden in den Bildungskanon.

Neuntens: Es geht um ein Andersdenken und Anderskaufen als bisher, um ein Anderskochen und Andersessen: Das ist Mikropolitik, das ist Politik in der Lebenspraxis des Alltags - aber es ist Politik. Verändertes Verbraucherverhalten verändert das Verhalten der Anbieter.

Zehntens: "Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral" - so sagt es Mackie Messer in der Dreigroschenoper. Das stimmt schon so, exakt so. Ein Essen ohne Moral ist ein Fressen, kein Essen. Wenn nicht mehr Tiere, sondern Fleischbatzen gezüchtet werden, wenn ein Besuch in einer Schlachtfabrik zu einem Albtraum wird, wenn die Äcker überzüchtet werden mit Pestiziden und Dünger, wenn kein Respekt vor dem Lebensmittel mehr da ist - dann ist das Essen ein Fressen.

Essen hält Leib und Seele zusammen, sagt das Sprichwort. Man sollte den Zusammenhalt nicht vergiften.