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Erkundungen:Auf ins Drachenland

Medienwandel: 1993 führte die Buchmesse einen Ausstellungsbereich Elektronik ein. Sie folgte damit einer Forderung US-amerikanischer Verleger, die gedroht hatten, anderenfalls nicht mehr auszustellen. Zu den ersten Verlagen, die elektronische Produkte auf der Buchmesse ausstellten, gehörte Langenscheidt. Stolz präsentierte er seine Wörterbücher auf CD-ROM.

Die Welt ist bis in den letzten Winkel vermessen. Wie langweilig. Eine Suche in mehreren neuen Büchern nach unentdeckten Ländern, ungewöhnlichen Orten und Phantominseln.

Von Stefan Fischer

Hier gibt es Drachen, war früher mitunter am Rand manch einer Landkarte notiert. Heute teilt einem eine Smartphone-App mit: Hier gibt es einen Flagship-Store von Banana Republic oder Marimekko. Das Reisen ist biederer geworden, seit die Welt vollständig entdeckt und vermessen ist. Und man wilden Kreaturen erst dann begegnet, wenn sie zu einer modischen Handtasche verarbeitet sind.

Der Mensch verhält sich paradox: Er scheut die Drachen, möchte in einer Welt ohne sie jedoch nicht leben. Einerseits sucht er am liebsten Orte auf, die andere bereits getestet, bewertet, geliked haben. Er braucht diese Sicherheit, diese Erwartbarkeit. Andererseits lodert da eine unausrottbare Sehnsucht nach Abenteuern und Entdeckungen. Nach einer noch gar nicht so lange zurückliegenden Zeit, in der eine Reise zu wagen bedeutete, "sich in das Unbekannte aufzumachen", wie Travis Elborough in seinem "Atlas der ungewöhnlichsten Orte" schreibt: "Das Ziel war vage, spekulativ, oft pure Erfindung, und ob der Reisende es je erreichte, war ebenso ungewiss wie seine Rückkehr."

Fremde Regionen zu erforschen, war einmal verheißungsvoll. Heute ist es kurios

Nun lassen sich auf Erden länger schon keine nennenswerten Erst-Entdeckungen mehr machen. Umso mehr löst alles bloß Ungefähre, Spekulative eine immense Faszination aus. Schließlich tötet jede Gewissheit ein Stück Fantasie, und das wird inzwischen durchaus als ein Verlust angesehen. Eine ganze Reihe Autoren geben in ihren Büchern davon Zeugnis. Sei es, dass sie sich mit historischen Fehleinschätzungen oder auch den absichtlichen Täuschungen bei der Kartografierung der Erde befassen - just "mit den Entdeckungsfahrten kamen massenhaft Irrtümer in die frühen Inventare geografischen Wissens", schreibt Dirk Liesemer in seinem "Lexikon der Phantominseln". Andererseits machen sich die Autoren selbst auf die Suche nach dem extrem Fremdartigen, teilweise auch Verstörenden in einer sich dann doch nach wie vor unentwegt verändernden Welt.

Dennis Gastmann hat einen "Atlas der unentdeckten Länder" erstellt, wobei der Titel irreführend ist. Denn das Buch enthält keine Karten. Sondern vielmehr die Schilderungen einiger Reisen an abwegige Orte. So war Gastmann auf Pitcairn Island, wo die Nachfahren der Bounty-Meuterer nebst einigen Zugezogenen leben - eine kleine Gesellschaft von 40 Menschen, durch die ein tiefer Riss läuft, seit einige Frauen sexuellen Missbrauch angeprangert haben. Und die seither radikal ausgegrenzt werden aus der Gemeinschaft. Vier Mal im Jahr landet ein Schiff an, die Claymore, Flugverbindungen gibt es nicht. Allerdings Telefon und zeitweise auch Internet. Überdies waren viele Bewohner bereits in Australien, einige sogar in Europa. Dennoch scheint Pitcairn Island entkoppelt zu sein vom Rest der Welt. Was auch für Transnistrien gilt, jenen sich unabhängig wähnenden östlichen Teil Moldawiens, der sich in seiner eigenen Wahrnehmung nicht jen-, sondern diesseits des Flusses Djnestr befindet und sich als letzte Sowjetrepublik der Erde geriert. Und auch für Karakalpakstan, jene Wüstenei, die der dramatisch geschrumpfte Aralsee in Usbekistan hinterlassen hat.

All das sind keine verheißungsvollen Orte, vielmehr bedenkliche Merkwürdigkeiten. Ihre besondere Ausprägung verdanken sie dem menschlichen Tun. Hinter dem nicht selten ein - oft fehlgeleiteter - Idealismus steckt. In früheren Jahrhunderten brauchte es nicht einmal Tatkraft, da genügte die schiere Vorstellungskraft, um der Welt Gestalt zu verleihen. So haben unzählige Inseln existiert, die es nie gegeben hat. Breasil, die ihren Namen mehrfach geändert hat, ist sogar fünf Jahrhunderte lang auf Karten verzeichnet geblieben, länger als jede andere Phantominsel. Bei einigen dieser vermeintlichen Inseln, die Dirk Liesemer in seinem "Lexikon der Phantominseln" vorstellt, handelte es sich um Irrtümer. So glaubte man eine Weile, Kalifornien sei eine der amerikanischen Westküste vorgelagerte Insel, und manch polares Eiland war wohl doch nur ein Eisberg, der aufgrund mitgeschleppten Gerölls als Landmasse durchging. Aber es hat auch ideologisch bedingte Entdeckungen gegeben, etwa Antilia, eine Art Paradies auf Erden. Diese "ante-ilha" war gedacht als eine geografische Kopie Portugals, wohin sieben Bischöfe geflohen sind, als die hispanische Halbinsel von "Schurken aus Afrika", mithin den Muslimen, erobert worden war. Christoph Kolumbus nannte die von ihm entdeckten karibischen Inseln Antillen. Die Idee von einem christlichen Utopia hat sich lange gehalten; und dass es als Gegenstück zu Antilia in der Vorstellung der Menschen auch eine Teufelsinsel gegeben hat, ist nur naheliegend.

Einige tatsächlich realisierte Utopien beschreibt Travis Elborough in seinem "Atlas der ungewöhnlichsten Orte" - dieser ist tatsächlich ein Atlas, Alan Horsfield hat Karten dafür gezeichnet. Auroville, eine für 50 000 Menschen ausgelegte, aber nur von 2500 Amerikanern und Europäern bewohnte architektonische und weltanschauliche Mustersiedlung im indischen Bundesstaat Tamil Nadu hat seine Ideologie längst unterminiert aufgrund von Korruption und Unterdrückung. Ähnlich, wenn auch aus anderen Gründen, gilt das für den Freistaat Christiania in Kopenhagen, wo Motorradbanden das soziale Experiment konterkariert haben. Seiner Anziehungskraft als touristische Attraktion hat das keinen Abbruch getan. Eine solche ist auch der Krater von Derweze. Ein Erdgaslager im heutigen Turkmenistan ist 1971 wohl so dilettantisch angebohrt worden, dass der Boden eingebrochen ist und austretende giftige Methangase angezündet worden sind, um die Region nicht zu verseuchen. Das Feuer brennt heute noch, und der Ort wird als ein von Menschen geschaffenes Tor zur Hölle verklärt und lukrativ vermarktet.

Wo ein Paradies ist, kann die Hölle nicht weit sein. Und ihr Eingang lässt sich gewiss finden

Es darf eben schlichtweg nicht sein, dass die Erde enträtselt ist. Sie muss sich Geheimnisse bewahren, muss Mysteriöses bereithalten. Sie muss über Orte verfügen, die die Fantasie anregen, wenn es darum geht, sich ein Bild von ihr zu machen. Nie und nimmer darf sich ein solches alleine auf schnöde Satellitendaten und maßstabsgetreue Zeichnungen stützen.

Denn was sagen die eigentlich aus? Sind sie letztlich nicht mitunter auch phantomhaft? Bei Dirk Liesemer und Travis Elborough klingt eine Frage an, die Francisca Mattéoli ins Zentrum ihres Bandes "Karten. Mythen & Geschichten" stellt: Kann man Karten trauen, auch wenn sie noch so präzise verfasst sind? Schließlich würden Erhebungen und Biegungen einer Landschaft auf ihnen in einer beinahe schon skandalösen Weise geglättet und vereinfacht, so Mattéoli. Karten sind Interpretationen, Weglassungen immanent, Hervorhebungen folgen einer subjektiven Logik. Auf Karten kann man deshalb, so schlussfolgert die Autorin, "lesen wie in einem Roman". Erst dann würden sie richtig interessant.

Travis Elborough, Alan Horsfield: Atlas der ungewöhnlichsten Orte. Eine Reise zu den verwunschenen Plätzen, verlassenen Inseln und geheimnisvollen Labyrinthen. Aus dem Englischen von Barbara Sternthal. Christian Brandstätter Verlag, Wien 2016. 224 Seiten, 29,90 Euro.

Dennis Gastmann: Atlas der unentdeckten Länder. Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2016. 272 Seiten, 19,95 Euro. E-Book 16,99.

Dirk Liesemer: Lexikon der Phantominseln. Mare Verlag, Hamburg 2016. 160 Seiten, 24 Euro.

Francisca Mattéoli: Karten. Mythen & Geschichten. Prestel Verlag, München, London, New York 2016. 176 Seiten, 39,95 Euro.

© SZ vom 18.10.2016
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