bedeckt München 11°

Erinnerungen:Schlingensief-Momente

Mit Schlingensief backstage in Bayreuth - und warum man immer besser noch schnell die Wohnung aufräumt, bevor man sie verlässt. Kleine Erinnerungen.

Die Knef ist Master

In der TV-Kurzreihe "Talk 2000", aufgezeichnet in der Kantine der Berliner Volksbühne, sieht man 1997 Christoph Schlingensief als Talkmaster: gedanklich immer viel weiter als sprachlich, fast fahrig. Die erste Runde bestreiten mit Master Schlingensief Sophie Rois, ein falscher Heiner Müller, der als Quetschmaterial auf dem Sofa fungiert, und Hildegard Knef. Schlingensief schlingensiefiert, dass jeder Mensch ein Talkmaster ist. Dann kommt auch schon Sophie Rois. Theaterkantinengeschwätz. Auftritt Hildegard Knef! Schlingensief empfängt sie naturcharmant. Er fragt, ob Knef eine schwere Jugend hatte. Die Schauspielerin, Autorin, Sängerin, Weltstar, antwortet wahrheitsgemäß: Mit 17 viermal ausgebombt, sie lebte von Keller zu Keller. Der Master weiß jetzt nicht weiter und schweigt zäh. Hildegard Knef springt ein und sagt: "Junger Mann, nun verfallen Sie mal nicht in Trübsal!" Applaus. Die Knef ist Chefin im Ring, übernimmt, der Abend ist gerettet. Der Mantel der Geschichte hat kurz gewackelt. Bernd Graff

Die Stadt ist doof

Als Regensburg Kulturhauptstadt Europas werden wollte, kam die glorreiche Idee auf, Christoph Schlingensief zu engagieren. Von ihm ein Stück über die Stadt, das wär's! So sehr sich einige Regensburger auf eine Reflexion im Spiegel ihrer Stadtgeschichte freuten, so bedröppelt waren sie nach der Aufführung des Stücks "Keine Chance Regensburg" im Februar 2005 in der Berliner Volksbühne. Schlingensief ließ die Stadt mitsamt Kirchenmief und Gloria von Thurn und Taxis so doof aussehen, dass der Mut, ihn zu beauftragen, nicht die Bloßstellung durch sein Werk aufgewogen hätte. Am blamabelsten war die Hoffnung, diesen Künstler in irgendeiner Weise vereinnahmen zu können. Nie ist ein solches Bewerbungsprojekt glorreicher gescheitert. Rudolf Neumaier

Der Gral ist im Kral

Wenn man zu einer Premiere der Bayreuther Festspiele zu spät kommt, kann man Glück oder Pech haben. Pech, weil man den ersten Akt verpasst, Glück, weil man, wenn man mitleiderregend dreinschaut, durch die Katakomben des Hauses zu einer Probenbühne geführt wird, kurz mal warten muss, weil eine Horde sehr felliger Menschen auf die Bühne muss und schließlich einen Raum erreicht, in welchem ein Fernseher steht, sehr alt und so tief wie breit, vor dem drei Menschen sitzen. Es war im Sommer 2004, und vor dem Fernseher saß Christoph Schlingensief, Regisseur des "Parsifal". Kaum erkannte er den versprengten Besucher, sprang er auf. Und hüpfte die folgende Stunde vor dem Fernseher herum, auf dem man wegen seiner Altersschwäche kaum etwas erkennen konnte. "Da ist der Kral. Und da kommt der Gral!" Was man sah, waren ein paar Weidenruten, zwischen denen irgendein Ding herumgetragen wurde, keine Ahnung, was. Der Gral halt, von dem ohnehin niemand genau sagen kann, was das ist. Was aber egal war, denn eine Stunde TV-Schlingensief, von Schlingensief selber erklärt, ist viel besser als Schlingensief auf der Bühne. Egbert Tholl

Die Kunst fremdelt

Zum Künstler wurde Christoph Schlingensief spät - stieg aber gleich hoch ein: Vertrag mit der Galerie Hauser & Wirth, Einladung als Vertreter der Bundesrepublik bei der Biennale von Venedig im Jahr 2011, wo er - posthum - mit einem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde. Doch blieb die kurze, steile Karriere gespenstisch folgenlos. Kaum ein Museum, das Schlingensiefs Werke dauerhaft ausstellt, auch zum Todestag sind keine Retrospektiven oder Ausstellungen geplant; die Galerie führt seinen Namen nicht länger im Programm. Aktionskünstler Philipp Ruch hat im Gespräch mit dem SZ-Magazin das Fremdeln der Kunst auf den Punkt gebracht: "Für mich starb er künstlerisch 2004, weil er versuchte, in der bildenden Kunst die Mittel, die das Theater bietet, nachzubilden, was nicht funktionieren kann." Catrin Lorch

Die Rückkehr, später

Für die Spätgeborenen ist Youtube ein Glück als Schlingensief-Archiv mit dem ganzen Irrsinn, der im Streaming von heute noch unvorstellbarer ist als im linearen Fernsehen von damals. Legendär sind die Folgen von "Durch die Nacht mit ...", die er unter anderen mit Jörg Immendorff und Michel Friedman bestritt. Mit einigen Jahren Abstand fällt auf, wie uneitel die Ironie war. Es ging nicht wie heute um Immunisierung, sondern um Öffnung und Verletzlichkeit. Das war ansteckend. Wie andere damit umgingen, war sehr entlarvend. Schlingensief konnte vor der Kamera aus dem Banalsten Großartiges machen. Er räumt die Wohnung auf und meint: "Man weiß ja nie, ob man lebend zurückkommt, und dann soll das ja schön aussehen." Nicolas Freund

© SZ vom 21.08.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite