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Erinnerungen:Die Energie der rosaroten Flitterboa

Die glamouröseste Frau auf der Buchmesse: Der Verleger Michael Krüger erinnert sich an Inge Feltrinelli.

Von Michael Krüger

Als vor ein paar Monaten Peter Mayer starb, der legendäre Verleger von Penguin/Viking, war meine erste Reaktion: Und was macht Inge? Als hätte sie meine stumme Frage gehört, rief sie sofort an, denn wenn jemand sich auf "Stimmen" verstand, dann Inge Feltrinelli. Sie war immer einen Tick schneller als die andern. Ihre Karten, Zettel und sogenannten Briefe, mit einer seltsam krakeligen Schrift bis an den Rand (und darüber hinaus) gefüllt, lasen sich wie sehr konkrete Botschaften aus einer anderen Welt. Man musste sie drehen und wenden, um ihren geheimen Sinn zu entschlüsseln.

Die Zeit ihrer Helden war ohnedies vorbei

Inge hatte eine wunderbare Technik erfunden, um bis gestern mit ihren Freunden Kontakt zu halten. Und natürlich war sie die generöseste Gastgeberin. Es war fast unmöglich, sie einmal außer Haus einzuladen, weil immer gerade ein Topf mit Pasta aufgestellt worden war, und ihr Schampus war immer kühl (und auch besser als der eigene).

Als ich sie vor über vierzig Jahren kennenlernte, war sie die schrillste und schönste Frau auf der Frankfurter Buchmesse. Sie kam immer gleich am ersten Tag vorbei, warf die rosarote Flitterboa in die Ecke, zückte den kleinen berühmten Feltrinelli-Block und hörte, so gut es eben ging, zu. Weitschweifige Auslassungen, pedantische Beschreibungen waren nicht ihre Sache. Wer am Gang vorbeischlenderte, blieb oft stehen, um dieses Wunder an grellen Farben zu bestaunen, das in der offensten Weise über das sich ausbreitende Spießertum im deutschen Verlagsleben ausließ.

Die Zeit ihrer Helden - von Ledig-Rowohlt über Roger W. Straus in New York bis zum alten Bonnier - war ohnedies vorbei, wir aus der zweiten Angestellten- Reihe durften ihr durch unser Interesse an den alten Geschichten die Illusion vermitteln, dass es, wenn auch stotternd, noch etwas weiterging, bevor dann die Konzerne überall auf der Welt übernehmen würden. Ich werde nie vergessen, wie sie hohnlachend am Telefon mitteilte: Hast du gehört, dass auch Penguin jetzt ein deutscher Verlag ist?

Aber Inge war nicht nur eine exzentrische Person. Wenn sie erzählte, wie nach einem Besuch beim alten Lampedusa der Wunsch wuchs, eine funktionierende Buchhandelskette aufzubauen, die auch den bildungspolitisch vernachlässigten Süden mit einschließen sollte, dann erhielt man eine Ahnung davon, mit welcher Energie sie dieses aussichtslos erscheinende Unterfangen umgesetzt hat.

Ich habe einmal flapsig behauptet, eine Buchmesse ohne Inge sei keine. Jetzt muss ich natürlich trotzdem hin, um den Sohn und Nachfolger zu trösten.

Michael Krüger, geboren 1943, leitete bis Ende 2013 den Carl Hanser Verlag in München. Ende August erschien sein neuer Roman "Vorübergehende" im Haymon Verlag.

© SZ vom 21.09.2018

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