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Erinnerungen:Da kam das Vergangene über mich

Professor Albrecht Schöne wird 80

Albrecht Schöne in seiner Göttinger Bibliothek. Am 17. Juli feiert der Germanist seinen 95. Geburtstag.

(Foto: Wolfgang Weihs/dpa)

Das deutsche Jahrhundert des Germanisten Albrecht Schöne.

Von Gustav Seibt

Die Lebenserinnerungen, die der Literaturwissenschaftler Albrecht Schöne jetzt zu seinem 95. Geburtstag vorlegt, haben eine Mitte, ein Scharnier, das sie in zwei Teile zerlegt. Im Winter 1946/47 arbeitete Schöne im Sauerland als Holzfäller, denn solche Dienste (Bergbau und Trümmerbeseitigung gehörten auch dazu) waren eine Voraussetzung für einen Studienplatz. Eine harte, eintönige und einsame Arbeit. Davor war Schöne Soldat und Kriegsgefangener gewesen. Danach ging es los mit Studium und glanzvoller akademischer Laufbahn, über Freiburg, Münster und Göttingen, wo Schöne dann blieb.

Bei den Waldarbeiten kam, so sagt er, "das Vergangene über mich mit großer Gewalt". Er wurde seiner Verstrickung in Schuld und Verbrechen inne, er begriff mit Sätzen aus dem ersten Buch Mose die in der Natur des Menschen lauernde Unmenschlichkeit: "Denn das Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf." Er denkt nach über das Geschehene, die Millionen Toten, die Zerstörungen und Verfolgungen, ein Nachdenken, das sein Leben fortan begleitete.

In diesen Stunden der Verzweiflung kam ihm ein Neues Testament zu Hilfe, wo er einen Satz im ersten Korintherbrief fand. Paulus schrieb an die Brüder der Gemeinde, sie sollten "weinen, als weineten sie nicht; und die sich freuen, als freueten sie sich nicht; und die da kaufen, als besäßen sie es nicht; und die diese Welt gebrauchen, als gebrauchten sie sie nicht. Denn das Wesen dieser Welt vergeht. Ich wollte aber, dass ihr ohne Sorge wäret." Dieses Haben der Welt, als habe man sie nicht, ließ ihn nie mehr ganz los, es sei lebensbestimmend geworden. "Es fällt mir schwer, mich dabei verständlich zu machen."

Ein amerikanischer Soldat rettete den in der Elbe fast schon Ertrinkenden: "Come on!"

Was man vielleicht versteht, ist, dass Schöne hier eine Distanz der Uneigentlichkeit in sein Leben eingebaut hat, wo Worte und ihre Formen, zum Beispiel Konjunktive (ein späteres Forschungsgebiet), wichtig wurden. Harald Weinrich hat viel später Schönes Methode von der Rezeptionsästhetik des Hans Robert Jauß abgehoben, indem er sie als protestantisch und katholisch charakterisierte: traditionsgeleitet der Konstanzer Papist, hingegen vom Misstrauen gegen die Traditionsgeschichte beseelt, auf dem reinen Wort bestehend die gut lutherische Literaturwissenschaft, die aus Göttingen kam. Der paulinische Nullpunkt im Wald von 1947 hat aus dem jugendlichen Draufgänger einen Wissenschaftler gemacht, bevor er überhaupt zu studieren begonnen hatte.

Schöne kam nicht aus einer nationalsozialistisch kompromittierten Familie. Sein Vater, einarmiger Invalide des Ersten Weltkriegs, verlor nach der Machtergreifung eine Schuldirektorenstelle, weil er das Aufziehen einer Hakenkreuzfahne verhindert hatte. Ein Onkel, zunächst nationalsozialistisch infiziert, bald zynisch enttäuscht, riskierte nach Stalingrad durch Kettenbriefe an Verwandte von Verschollenen sein Leben, er schlug darin unter anderem vor, mit den Judenmassakern aufzuhören, um Erleichterungen für die in der Sowjetunion kriegsgefangenen Deutschen zu erwirken. Ein Militärgericht ließ ihn mit einer milden Strafe davonkommen.

Schöne selbst war beim Jungvolk, sportiv erfolgreich, und wurde ein sehr junger Panzerleutnant, mit all den abenteuerlichen Überlebenszufällen, die solche Kriegserinnerungen unvermeidlich mit sich führen (die Gefallenen können nicht mehr erzählen). Doch anders als Jauß und Günter Grass tat er sich nicht mit besonderem Waffen-SS-Eifer hervor. Am Ende rettete den in der Elbe fast schon Ertrinkenden ein amerikanischer Soldat: "Come on!", lautete der Zuruf, der eine neue Epoche einläutete.

Sorge und Sorgfalt um Sprache und Vergangenheit wurden die Grundmotive der wissenschaftlichen Arbeit Schönes, die - vor allem der klassische "Faust"-Kommentar - ein breites Publikum erreichte und ihn selbst auf die Höhen von Ruhm und Ehrungen führte. Die Innenansicht dieser wohlbekannten Lebensarbeit zehrt von dem biblischen Ausgangspunkt, der, kaum überraschend, eine lange familiäre Tradition fortsetzte: Bildungsbürger, Pfarrer. Heute in einer Zeit, die von Kongressen und Tagungen geradezu verstellt ist, ist es bewegend zu erfahren, wie wichtig der erste Weltkongress der Germanisten war, den Schöne 1985 in Göttingen ausrichten konnte; die Festlichkeit einer von allen Seiten erlebten Versöhnung schwingt nach in der Erzählung eines doch akademischen Vorgangs. Wie bewegend sind Reisen nach Israel, die Hilfe beim Neuaufbau einer germanistischen Literaturwissenschaft, das Zusammentreffen mit Emigranten wie Gershom Scholem! Schöne hat die Gabe, mit Verknappung und einfachen Schlusssätzen das Gefühlsgewicht solcher Erfahrungen für sich sprechen zu lassen.

Freiburg, Münster, Göttingen, ein Ausflug nach Basel: Die Stationen von Schönes Studium rufen die großen Namen der unmittelbaren Nachkriegszeit in Erinnerung, übrigens mehr Philosophen und Historiker als Germanisten. Die Münsteraner Ritter-Schule, das Historikerdreigestirn Heuss-Schramm-Heimpel in Göttingen, Plessner und Jaspers, sie strahlen bis heute, und man beneidet eine neugierige, vom Krieg zu neuer Lebenslust entlassene Generation, die sich in diesem überreichen Garten bewegen konnte.

Bitter sind die Erinnerungen an 1968 und die Studentenbewegung, die in Göttingen besonders rabiat agierte, bis hin zu physischer Gewalt, Morddrohungen und dem Durchsuchen des Schöneschen Mülleimers zu Denunziationszwecken. Mit Verve bestreitet Schöne, erst damals sei mit der Aufarbeitung der Vergangenheit begonnen worden. Zwar hätte seine Generation als die jüngste mitverstrickte des Dritten Reichs sich zunächst nicht legitimiert gefühlt, den Angepassten und Profiteuren nachzuforschen; aber man wusste es, wenn jemand im Widerstand gewesen war wie der Freiburger Historiker Gerhard Ritter. Den Versuch der niedersächsischen Landesregierung, in den fünfziger Jahren einen offen rechtsradikalen Kultusminister zu etablieren, verhinderte man durch massenhaften Protest, nicht ohne Rückerinnerung an die "Göttinger Sieben". Schönes eigene Beiträge waren Tiefenbohrungen wie die zu den Göttinger Bücherverbrennungen von 1933.

Man lauscht einer Familie, aber als Gast vom Rande aus, als Eingeladener

1964 brachte die Ernennung eines völkischen Germanisten zum Rektor in Bonn jüngere Germanisten in Rage, die nun in einer Erklärung verlangten, auch der dunklen Jahre ohne Scheu zu gedenken, "ebenso frei von ängstlicher Beschönigung wie von moralischer Überheblichkeit", auch als Mahnung, "nicht zu glauben, dass die Stunde der Anfechtung niemals wiederkehren könne". Nun begann, begleitet von dem aus der Emigration zurückgekehrten Germanisten Richard Alewyn, der schon 1949 erklärt hatte "zwischen uns und Weimar liegt Buchenwald", eine Erforschung der Vergangenheit des Faches, deren erster Höhepunkt der Münchner Germanistentag von 1966 war.

Schönes Erinnerungen sind ein Generationenbuch, das man zusammen mit den Selbstzeugnissen seiner Altersgenossen lesen kann, die die Geisteswissenschaft der Bundesrepublik geprägt haben. Doch in diesem öffentlichen Charakter gehen sie nicht auf. Sie beginnen als vertrauliches Buch für Kinder und Enkel mit privaten und familiären Erinnerungen. Bedacht erweitert der Erzähler den Hörerkreis ins Öffentliche. Man lauscht einer Familie, aber als Gast vom Rande aus, als Eingeladener.

Am Schluss zieht sich die Erzählung wieder ins Persönliche und Intime, indem der Verfasser sich selbst bei seiner Vorbereitung auf die letzten Dinge zeigt, wozu ganz nüchtern auch die Wahl einer würdigen Grabstätte gehört. Die Auslegung eines Verses von Paul Celan, der ein Hausfreund gewesen war, nimmt das Sterben selbst in den Blick. Sie beschließt die Erzählungen von vielen Dichterbegegnungen, die das Buch zuvor gezeigt hatte.

Ein Gelehrten- und Weltbuch, abenteuer- und figurenreich, lutherisch, freisinnig, altdeutsch, wie man es kaum noch einmal lesen wird.

Albrecht Schöne: Erinnerungen. Wallstein Verlag, Göttingen 2020. 333 Seiten, 28 Euro.

© SZ vom 06.07.2020

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