bedeckt München 25°

Erinnerung:Salatöl oder Salzsäure

Der Schriftsteller Frank Witzel und der Historiker Philipp Felsch blicken zurück auf die alte Bundesrepublik, ein banales Land in provinziellem Leerlauf: "BRD Noir".

Vor fünfzig Jahren erschien bei Kurt Desch "Anatomie eines Adlers. Ein Deutschlandbuch". Von dem großen Ronald Searle stammten die Karikaturen, von dem heute kaum noch gekannten Heinz Huber 20 Kurzessays über Themen wie das gute Zimmer, Preußen oder die Schnellstraße. Die Taschenbuchausgabe (1971 bei dtv) versprach, dass jedes Blatt Searles "ins Abgrundschwarze" treffe. Huber aber schrieb, weniger ausgeleiert, von der Bundesrepublik als einer Plastikflasche, "man kann sie mit Salatöl oder mit Salzsäure füllen". Und damit sind zwei Gesichtspunkte bezeichnet, die sich im Gespräch über unser Land als sehr strapazierfähig gezeigt haben, das Abgründige und das Banale.

Nicht das eigene Böse interessierte, sondern dessen exotische Erscheinungsformen

Mit ihnen operiert auch das schmale Buch "BRD Noir" von Philipp Felsch und Frank Witzel, zwei kurze Essays zu Anfang und Schluss, dazwischen ein langes Gespräch. Die beiden haben zwei der zu recht meistgelobten Bücher des letzten Jahres geschrieben, Felsch den "Langen Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte 1960 - 1990", Witzel den Roman "Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch depressiven Teenager im Sommer 1969", der mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde. Zweimal Rückblick auf die alte Bundesrepublik, nun also zusammengeführt vor allem unter dem Gesichtspunkt des "Noir" - so wie man vom Film noir spricht. Den Begriff hatte der Kritiker Nino Frank 1946 geprägt vor allem für die Kriminalfilme, die nach Kriegsende aus den USA nach Europa kamen. Was Felsch und Witzel daran interessiert: Deren Handlung beginnt in geordneter, ja luxuriöser Welt, gern unter den reichen Leuten Kaliforniens. Der Ermittler, der ein Verbrechen aufzuklären oder zu verhindern hat, entdeckt "vordergründig die Identität eines Täters, aber eigentlich die moralische Korrumpiertheit der Gesellschaft".

Die Parallele zur Bundesrepublik liegt auf der Hand: Unter dem Wirtschaftswunderglanz die Verbrechen des "Dritten Reiches". Doch nicht die Filme dieser Jahre sind schwarz, sondern die Bundesrepublik selbst. Verbrechen wie die des Kindermörders Jürgen Bartsch oder der Fall der Rosemarie Nitribitt, eines Callgirls der höheren Kreise, erregten enormes Aufsehen. Aber anders als die Filme der schwarzen Serie setzten sie die Deutschen nicht auf die Spur des größeren Unrechts, um endlich die Wahrheit ans Licht zu bringen, sondern lenkten ab ins Exotische. Bei Bartsch ist es die individuelle "Perversion", bei der Nitribitt die Sittenlosigkeit der Elite, Sonderfälle, wie geschaffen für wohlige Neugier und freigebige Empörung. Stattdessen hätte man auf ganz andere Untaten stoßen müssen. Fünf bis zehn Prozent der Wehrmachtssoldaten hat an Kriegsverbrechen teilgenommen, schätzt der Historiker Wolfgang Benz - und von den Verbrechen der SS ist da noch nicht die Rede. Wer wie Witzel 1955 geboren wurde, muss Freunde und Klassenkameraden gehabt haben, deren Väter Schlimmes getan hatten. Verbrecher waren etwas Alltägliches, aber die Deutschen interessierten sich nicht für die Banalität des eigenen Bösen, sie schauten lieber auf dessen garantiert fremde Erscheinungsformen.

Das MÑdchen Rosemarie

Nadja Tiller in "Das Mädchen Rosemarie" (1958).

(Foto: dpa)

So hatte Kindheit in Westdeutschland mit der Empfindung und doch "mangelnden Bestätigung des Grauens" zu tun. Damit erklären Witzel und Felsch auch die ganz außerordentliche Bedeutung, die Theodor Adornos "Minima Moralia" in Westdeutschland hatten. Adorno schildert eine untote Welt - das Motto des ersten Teils lautet "Das Leben lebt nicht" -: Was einmal sinnvoll war und Hoffnung auf ein besseres Leben barg, ist am Ende, in "Totenstarre", es wird allenfalls als Ruine zu Reklamezwecken noch bewirtschaftet. Adorno war der Autor derer, die sich in der westdeutschen Aufbaustimmung fremd fühlten. Dass die "Minima Moralia" noch in Kalifornien entstanden waren und auch dort das Übel hinter den Fassaden der Überflussgesellschaft zutage förderten, das fügt sich bestens in die Argumentation von Felsch und Witzel.

Erich Kästner fand 1956: "Wir leben im motorisierten Biedermeier"

Dem trüben Thema zum Trotz haben die beiden ein sehr munteres Buch fabriziert. Die Form des Gesprächs haben sie zu vielen Abschweifungen genutzt, es geht um Drogen, die längere "sexuelle Latenz" in den 60er- und frühen 70er-Jahren und ihre Vorzüge, um Pop, den Gegensatz von evangelisch und katholisch, die RAF natürlich und vieles andere mehr. Gelegenheiten, einen Schwung schöner Beobachtungen auszubreiten. Witzel berichtet, wie er Unverständlichkeit in der Literatur als Verheißung wahrnahm, als den Schritt vom Jugendbuch zum "erwachsenen Lesen", den jeder einmal machen müsse - wobei man sich fragt, wie stark solch ein Empfinden ferner Größe heute noch wirkt. Plausibel der Gedanke über Ordnung und Kultur. Die Aneignung großer Werke gehe fast unvermeidlich mit innerer (oder sogar äußerer) Bürokratie einher: erst dies, dann das, weiter mit jenem. Der Rang der Gegenstände diszipliniert.

Allerdings hängt die Munterkeit des Gesprächs auch an dem ungehemmten Vergnügen, den eigenen Idiosynkrasien nachzugehen. Mit 13 Jahren komme man nicht auf die Idee, es könnte woanders interessanter sein als zu Hause? Am Niederrhein zum Beispiel konnte man leicht auf diese Idee kommen, wie der Rezensent (gleichfalls Jahrgang 55) versichern kann. Auch der Glaube, erst die Bandmanager des Pop hätten das Geschäftliche an der Musik offengelegt, anders als das in der E-Musik je geschehen wäre, ist fromm, aber falsch. Die Namen der Plattenproduzenten Walter Legge und John Culshaw waren jedem bekannt, der sich für klassische Musik interessierte. Als Solti die erste Plattenaufnahme des Wagnerschen Rings einspielte, schrieb John Culshaw ein Buch darüber, geschäftliche Überlegungen eingeschlossen. Adorno als Gegner des Gefühls in der Musik? Aber gerade darum, um die Rettung der Subjektivität geht es ihm doch!

Philipp Felsch, Frank Witzel: BRD Noir. Matthes & Seitz, Berlin 2016. (Fröhliche Wissenschaft 087.) 174 Seiten, 12 Euro. E-Book 9,99 Euro.

Aber so genau kommt es auch nicht darauf an, wenn man erst einmal im "Weißt du noch?" steckt. Als Vaters Bart noch rot war, als Mutters Haar noch blond war, als wir überhaupt noch Haare hatten und nicht nur Bärte, da war noch was los!

Die Bundesrepublik wird allmählich historisch. Das kann heißen, in ihr die endlich gute Wendung der deutschen Geschichte zu erkennen, das Einschwenken auf den westlichen Weg der liberalen Demokratien. Ohne dem zu widersprechen, halten Felsch und Witzel es eher mit der anderen Sicht: ein hässliches, banales Land in "provinziellem Leerlauf".

Das allerdings, das Biedermeierliche, der Mangel an Zukunft, Hoffnung, Utopie, ist schon früh beklagt worden. Erich Kästner fand 1956 "Wir leben im motorisierten Biedermeier", und Peter Rühmkorf klagte über das Land, in dem es immer nur aufwärts, aber nie vorwärts gehe. Lüge, Stagnation, Hässlichkeit, Gewöhnlichkeit sind feste Muster der Zeitkritik seit dem 19. Jahrhundert, nicht nur in Deutschland. Auch das "Noir" ist ein Muster, das seit den 1940er-Jahren überall in der westlichen Hemisphäre einen Nerv trifft.

Am Grund der Bundesrepublik jedoch liegen Verbrechen, die etwas anderes sind als die Korruption oder Grundstücksspekulation amerikanischer Metropolen. Hat dieses moralisch Spezifische einen spezifischen Ausdruck hervorgebracht? Merkwürdig, wie knapp Felsch und Witzel, doch gewiss Männer von Kunstverstand, darüber sprechen. Kurz werden als Beispiele Fassbinder und Brinkmann erwähnt oder die Serie "Derrick", dann geht es schon weiter. Das Spezifische ist offenbar die Verdrängung, deshalb auch die Bedeutung - auch am Buchmarkt! - der "Minima Moralia".

Ja, manches ist bekannt. Aber was den Autoren die Sympathie des Lesers, auch wo er ihnen widersprechen will, immer wieder sichert, das ist ihre Bereitschaft, sich jederzeit geistig selbst in den Rücken zu fallen. 1973? "Eines dieser vielen Jahre, in denen irgendwie die Gegenwart losgeht."

© SZ vom 31.03.2016

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite