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Erinnerung:Befreiende Leichtigkeit

Der mittlere Weg: Wie alle "60er", die das Tauwetter erlebten, war Andrej Bitow für immer jung.

Andrej Bitow schließt die traurige Reihe der in letzter Zeit verstorbenen Berühmtheiten seiner Generation ab, der sogenannten 60er. Sie waren von der relativen Freiheit des nach Stalins Tod beginnenden "Tauwetters" bestimmt. Den Abglanz jener Freiheit haben sie für immer behalten können, auch in den tristen spätsowjetischen Zeiten und darüber hinaus. Sie waren frech, witzig, elegant, selbstbewusst.

Bereits Anfang der 1960er konnte Bitow seine ersten Erzählungen publizieren, bald erschienen seine Bücher, 1965 wurde er Mitglied des Schriftstellerverbandes. Die Literatur jener Generation besaß eine befreiende Leichtigkeit, sie emanzipierte sich von den Forderungen des sozialistischen Realismus, widmete sich den zwischenmenschlichen Beziehungen und kämpfte gegen die sowjetische Prüderie. Jemand hat gesagt, die Tauwetter-Kunst habe darin bestanden, dass man plötzlich ein Fahrrad, das auf dem Dachboden vor offenem Fenster steht, habe zeigen dürfen. Das ist viel ernster, als es klingt. Im Totalitarismus ist jede Verletzung der Regeln ein großer Schritt, und sei es bloß das Fahrrad, das statt Sichel & Hammer gezeigt wird. Bei allen Erfolgen konnte Bitow sein 1971 geschriebenes Hauptwerk, den Roman "Das Puschkinhaus", nicht publizieren. Er erschien 1979 in den USA, erst 1987, mit der Perestroika, in Russland und ist ein grandioses Spiel mit Mythen, Träumen und Traumata des 20. Jahrhunderts und ihrer Verbindung mit der vom kommunistischen Regime abgebrochenen Kulturtradition, ein Kaleidoskop der Epoche.

Bitow sagte einmal, es würden von uns keine Zeugnisse bleiben, weder Briefe noch Tagebücher, weil niemand in den Unmengen digitaler Dateien forschen würde. Doch. Seit dem Tod von Oleg Jurjew beschäftige ich mich auch mit dem elektronischen Archiv, und gestern konnte ich mithilfe der Suchfunktion innerhalb weniger Minuten alle Erwähnungen Bitows im E-Mail-Wechsel mit den Kollegen finden und sehen, wie wichtig er war, wie viele gemeinsame Freunde wir hatten.

Bitow war für uns, die letzte literarische Generation der Sowjetunion, eine bedeutende Figur der ersten Nachkriegsgeneration, deren Modelle das literarische Leben - vom völligen Einklang mit dem offiziellen Literaturbetrieb bis zur völligen Verweigerung - bis zum Ende der Sowjetzeit bestimmten. Er nahm den "mittleren Weg", was wir damals ziemlich rigoros sahen, später mit Nachsicht und Verständnis.

Wer von den jungen Autoren der 1960er eine offizielle Karriere machte und wer nicht, versuchte man natürlich zu erklären. Je nach Gesinnung konnten die "Erfolgreichen" des Opportunismus bezichtigt werden oder bei den anderen ein Mangel an Talent vermutet werden. Einige, die es damals "nicht geschafft" hatten, wurden weltberühmt (wie der Nobelpreisträger Joseph Brodsky), einige der damaligen Erfolgsautoren sind bereits vergessen. Aber nicht Andrej Bitow.

2003 haben wir ihn zum letzten Mal gesehen, auf der "russischen" Buchmesse bei seiner gemeinsamen Lesung mit Oleg Jurjew im Frankfurter Literaturhaus. Er war schon von seiner Krankheit gezeichnet und wirkte einerseits alt, andererseits, wie alle "60er", für immer jung, mit einer unwiderstehlichen menschlichen Ausstrahlung. Nun beginnt sein Leben in der Ewigkeit der Literatur, an die er glaubte, für die er lebte. Nicht aus Eitelkeit, sondern aus Ernsthaftigkeit und ja, sogar Verantwortung. Sie waren so, "die 60er". Ich glaube, auch wir waren so. Wir haben mehr von ihnen gelernt und übernommen, als wir dachten. Und wir alle waren eine Gemeinschaft. Die Gemeinsamkeiten sind wichtiger als die Unterschiede, auch über Staatengrenzen hinaus. Ein großer Schriftsteller ist von der ganzen Welt bestimmt und für die ganze Welt bestimmend. Wie Andrej Bitow in einem Interview sagte: "Der Kontakt mit dem Buch bleibt für einen Menschen der wichtigste Kontakt, und Literatur verschwindet nicht, da bin ich mir sicher. Und der Mensch, der nicht mehr lesen wird, wird verwildern."

Olga Martynova, 1962 geboren, wuchs in Leningrad auf. In diesem Jahr erschien ihr Essayband "Die Dummheit der Stunde" im S. Fischer Verlag.

© SZ vom 05.12.2018

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