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Der Lyriker Erich Fried und der Neonazi Michael Kühnen:Erdrückende Feindesliebe

Erich Fried

"Michael, Deine Arbeit, das sind die Auffassungen eines Menschen, der zu wenig Liebe und Wärme gehabt hat." - Erich Fried (oben im Mai 1968) in einem Brief an Michael Kühnen.

(Foto: Helmut Lohmann/AP)

Der Lyriker Erich Fried wollte vom Glauben an das Gute nicht lassen und unterhielt eine jahrelange Brieffreundschaft mit dem Neonazi Michael Kühnen. Lässt sich daraus heute noch etwas lernen?

Von Willi Winkler

Erich Fried war schon gut, ehe der Gutmensch erfunden war, er war der fleißigste und deshalb zeitweise der bekannteste deutsche Dichter und zugleich berüchtigt für seine Selbstlosigkeit. Helmut Heißenbüttel hat erzählt, wie ihm bei einer gemeinsamen Autofahrt schlecht wurde, und Fried, da der Wagen auf der Autobahn nicht halten konnte, aus der Tasche, in der er sein Geschriebenes mit sich führte, Papier hervorholte, die Gedichte rasch memorierte, und ihm die Blätter dann als Kotztüte reichte.

Für jemanden, dessen Vater als Jude von der Gestapo totgeprügelt wurde, war Fried von einer geradezu übermenschlichen Nächstenliebe beseelt. In seinem Londoner Haus in Hampstead nahm der politische Flüchtling Fried politische Flüchtlinge wie Rudi Dutschke und als Terroristen gesuchte Gewalttäter wie Astrid Proll auf. 1975 verteidigte er sogar Albert Speer, dem Jean Améry vorgeworfen hatte, er bereue "aufs Lukrativste": "Ich glaube außerdem, um Menschlichkeit, Recht und Gerechtigkeit steht es heute in der Bundesrepublik leider nicht so gut, daß wir irgendeinem Menschen raten sollten, nur in Einsamkeit zu bereuen und zu sühnen." Hier jedoch kam Frieds Intervention zu spät: Hitlers Rüstungsminister wurde durch das deutsche Bürgertum rehabilitiert, das ihm seine öffentliche Reue mit hohen Auflagen vergalt.

Frieds erdrückender Feindesliebe entging auch Michael Kühnen nicht. Der bekennende Nazi entfloh seinem bürgerlichen Elternhaus, indem er sich bei der Bundeswehr als Zeitsoldat verpflichtete. Selbst die verkraftete ihn nicht auf Dauer, 1977 wurde er wegen seiner rechtsextremen Propaganda entlassen und gründete, angeleitet vom amerikanischen Neo-Nazi und Auschwitz-Leugner Gary Lauck, eine "Aktionsfront Nationaler Sozialisten". Hitler war für ihn ein "Heros, ein halb göttlicher Mensch, der von besonderen Energien beseelt war und eine spezielle Mission auf dieser Welt hatte".

Die Bekanntschaft begann mit der Ausladung Kühnens aus der Talkshow "3 nach 9" im Januar 1983

Obwohl sich Kühnen redlich um die Nachfolge bemühte, musste er doch zugeben: "Das bin ich nicht." Wegen Volksverhetzung und Verbreitung von NS-Propaganda wurde er zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt und konnte demonstrieren, dass an ihm die "Erziehung nach Auschwitz" vollständig gescheitert war. "Erziehung", hatte Adorno 1966 in seinem berühmten Radiovortrag gefordert, müsse Ernst damit machen, "dass man Angst nicht verdrängen soll". Kühnen, das bestätigen ihm seine Anhänger noch heute, war komplett angstfrei.

Thomas Wagner nennt sein Buch über das Verhältnis zwischen dem "Dichter und dem Neonazi" im Untertitel "eine deutsche Freundschaft", was vielleicht doch ein Ideechen zu großartig ist. Sie duzten und sie schrieben sich, aber insgesamt waren es nur sechzehn Briefe.

Cover Der Dichter und der Neonazi, Erich Fried und Michael Kühnen, Klett-Cotta

Thomas Wagner: Der Dichter und der Neonazi. Erich Fried und Michael Kühnen - eine deutsche Freundschaft. Klett-Cotta, Stuttgart 2021. 176 Seiten, 20 Euro.

(Foto: Klett-Cotta/Klett-Cotta)

Die Bekanntschaft begann mit der Ausladung Kühnens aus der Talkshow "3 nach 9" im Januar 1983. Da sollte im gepflegten Format die Frage begrübelt werden, ob der aktuelle Faschismus neo oder doch der alte sei. In vorletzter Minute befielen den Programmdirektor Zweifel, der illustriertenbekannte Nazi Kühnen musste leider draußen bleiben. Möglicherweise hat Bernd Neumann, der spätere Liebling der deutschen Filmschaffenden, damals CDU-Fraktionsvorsitzender in der Bremischen Bürgerschaft, ein wenig nachgeholfen. 1977 hatte er sich nämlich blamiert, als er sein Urteil über die Gedichte Frieds nach alter Weise fällte: "So etwas hätte ich lieber verbrannt gesehen."

Erich Fried, ebenfalls eingeladen, sagte in der Sendung, in der dann die Ausladung zum Hauptthema wurde: "Wir trauen uns offenbar nicht, mit so etwas fertig zu werden." In diesem Wir wollte Fried nicht eingeschlossen sein. Die neuerdings wieder Podien und Talkshows vollbeschäftigende Frage, ob man mit Rechten reden solle, war für den guten Fried keine, er musste es einfach tun. Er besuchte Kühnen im Gefängnis und wollte vom Glauben an das Gute auch im Nazi nicht lassen.

Ihr Dialog wurde ein Musterbeispiel des deklamierenden Aneinandervorbeiredens

Der unverbesserliche Menschenfreund gestand auch einem Rechtsradikalen zu, dass er ein Mensch "mit Idealen und seiner eigenen Ehrlichkeit" sein könne, und Kühnen stieg begeistert ein: "Idealisten können sich achten - und wenn nötig ritterlich kämpfen und - wichtiger noch - ritterlich siegen!" Der Dialog wurde ein Musterbeispiel des deklamierenden Aneinandervorbeiredens. Auch wenn Wagner eine "Kameradschaft des Schmerzes" konstatiert (Fried hat eine Krebsoperation, bei Kühnen zeigen sich erste Symptome der Aids-Erkrankung) und von "emotionaler Nähe" spricht, springt bei der Bewertung dieser Beziehung nicht mehr als ein angedeutetes Vater-Sohn-Verhältnis heraus.

Peinlich, wie Fried mit Hinweis auf seine Großmutter, die vergast wurde, Kühnen von dessen Idealismus abzubringen versucht. Unter diesem Druck kann Kühnen das als Einzelfall zugeben, aber an die systematische Ausrottung der Juden, an eine "Endlösung", mag er nicht glauben. Fried gibt nicht auf: "Michael, Deine Arbeit, das sind die Auffassungen eines Menschen, der zu wenig Liebe und Wärme gehabt hat." Kühnen ist diese Wohnküchenpsychologie ein Graus, er haut zurück und sagt Fried, dass verglichen damit (Freud war ja auch schon wieder Jude) das Menschenbild des Nationalsozialismus "doch im Kern idealistisch" sei.

Bereut hat Kühnen nichts, aber dafür hat ihn Fried aus der Einsamkeit herausgeholt. Zu mehr als einem dialektisch aufgeklärten Antisemitismus gelangt er doch nicht, wenn er verspricht, seine Anhänger würden unter seiner Fuchtel nicht "undifferenziert" vorgehen. Kühnen findet sich dann mit Fried "in der Frontstellung", so nennt es Wagner, gegen den "durchschnittlichen, nur an einem bürgerlichen Wohlergehen interessierten BRD-Spießer, der aber vielleicht, weil er keine Türken mag und Angst vor der Zukunft hat, mich einmal wählen wird". Wirklich ein Jammer, dass Kühnen, der 1991 starb, die AfD nicht mehr erleben durfte!

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Zu mehr als einem dialektisch aufgeklärten Antisemitismus brachte ihn Fried nicht: Michael Kuehnen bei einer Neonazi-Kundgebung 1983 in Mainz.

(Foto: Rolf Boehm/AP)

Erich Fried wäre in diesem Jahr 100 geworden, eine ernsthafte Überprüfung der circa zwei Milliarden Fried-Gedichte auf ihren Karat würde wahrscheinlich auch den geduldigsten Philologen überfordern. Wagner beschränkt sich auf den etwas unterbelichteten Satz, Frieds "einst hell leuchtender Stern am Literaturhimmel" sei 1983 "bereits ein wenig verblasst".

Mag sein. Frieds kunstlose, oft willkürlich gebrochene Zeilen eigneten sich für jede Nachrüstung und taugten auch für alle Liebesunfälle. Seine Stärke war die Brecht'sche Dialektik: "Zweifle nicht / an dem / der dir sagt / er hat Angst // aber hab Angst / vor dem / der dir sagt / er kennt keinen Zweifel". "Hier", schrieb Peter Rühmkorf 1967 nach dem Erscheinen des Bandes "und Vietnam und", "kann das von den Meinungstrusts zum Analphabeten zweiten Grades herabgewürdigte Landeskind zum zweiten Male das Lesen lernen".

"Ich hoffe, dieses Gedicht macht dir ein wenig Freude!"

Alle Dialektik lässt Fried auffälligerweise in einem Gedicht fahren, das er "M.K." widmet und den Adressaten, dem im Knast eingesperrten Korrespondenzpartner Kühnen, darauf hinweist, dass er neben einem Fried-Werk in der Überschrift "Um Klarheit" auch noch ein Hölderlin-Zitat geschenkt bekommt. "Ich hoffe, dieses Gedicht macht dir ein wenig Freude!"

"Aber am Steilrand der Hoffnungslosigkeit", beginnt das Gedicht, von dem Fried hofft, dass es seinem Brieffreund "ein wenig Freude" macht, "lebt noch das Andere weiter / und kann leuchten / nun da es Abend wird / sogar durch Mauern und Gitter / vielleicht auch aus denen / die irren / verwirrt von der Zeit / die aber den Blick ins Weite / und ihren Hunger nach Schönheit / und ihre Liebe / nicht ganz von sich abgetan haben / und auch nicht vergessen im Taumel / die gute Sehnsucht / zu bejahen das Bejahende / auch als Gejagte / auch als Gefangene nicht".

Auch dieser hohe Ton hat nicht viel erreicht. Im Januar 1989, zehn Wochen nach dem Tod Erich Frieds, erreichten die Republikaner, die im Wahlkampf mit dem Aussterben des deutschen Volkes gemenetekelt hatten, zur überschäumenden Freude Kühnens bei den Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus 7,5 Prozent der Stimmen. Kühnen wird vom Magazin Tempo im besten fascist chic in schwarzem Leder fotografiert und erklärt, wie sein Idealismus zu verstehen ist: "Wir sind nicht tolerant. Der Nationalsozialismus schließt alle anderen Ideen aus, denn er ist die einzige lebensbejahende Weltanschauung." Fried wird das Kompliment nachgereicht, er sei "fair und aufrichtig" gewesen. "Ein Ausnahmejude." Der 2019 verstorbene Wiglaf Droste, der sich leider in keine Talkshow mehr einladen lässt, hat einmal völlig richtig erkannt, dass man die Rechten nicht unbedingt verstehen muss, schließlich müsse man auch nicht "an jeder Mülltonne schnuppern".

© SZ/crab
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