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Éric Plamondon: "Taqawan":Das Leben der Lachse

Cover für das Literatur Spezial

Éric Plamondon: Taqawan. Aus dem Französischen von Anne Thomas. Lenos Verlag, Basel 2020. 208 Seiten, 22 Euro.

Éric Plamondon verbindet in seinem Kolonialismus-Thriller Erdgeschichte, Weltgeschichte und kanadische Geschichte mit der Geschichte der klugen Océane, die an ihrem 15. Geburtstag von drei Polizisten vergewaltigt wird.

Von Jörg Häntzschel

Wann beginnt die Geschichte? Am 11. Juni 1981, als die Québecer Polizei in das Indianerreservat Restigouche einmarschiert und die Netze der Mi'gmaq zerstört, mit denen sie dort wie seit Urzeiten Lachse fangen? 1496, als John Cabot im Auftrag des englischen Königs an der kanadischen Küste landete? Oder vor zehntausend Jahren, als die ersten Hominiden über die Beringstraße die Halbinsel Gaspésie erreichten und beschlossen, zu bleiben, weil es dort mehr Fisch zu fangen gab, als sie essen konnten?

In Éric Plamondons Roman "Taqawan" gilt jede dieser Zeitrechnungen: Erdgeschichte, Weltgeschichte, kanadische Geschichte und die Geschichte von Océane, die an jenem 11. Juni 15 Jahre alt wird, zusehen muss, wie die Polizei ihren Vater verhaftet und die dann von drei Polizisten vergewaltigt wird.

Plamondon liegt es fern, dieses Verbrechen symbolisch aufzuladen. Er hält ohnehin nichts von Effekten. Es dient ihm nur dazu, die verschiedenen historischen Fäden zu verknüpfen - und die Leben seiner Protagonisten: das der klugen Océane, das des Rangers Yves Leclerc, der sie in einem Sumpf findet, das seines Nachbarn William, der ebenfalls Indianer ist, aber fern von seinem Volk lebt. Und schließlich das der jungen französischen Lehrerin Caroline, die es für ein Schuljahr in diese kalte Wildnis und frühere Kolonie ihres Heimatlands verschlagen hat.

Der Kolonialismus, die Unterdrückung eines Volks durch ein anderes, ist in aller ihrer Leben präsent. Nicht als historisches Ereignis, sondern als nicht abzuschüttelnder Begleiter des Lebens, wie der Wind oder die Kälte im kanadischen Winter. Nur betrifft er jeden anders. Leclerc, ein Anhänger der Québecer Unabhängigkeitsbewegung, gibt nach dem brutalen Einsatz der Polizei wütend seine Uniform ab, weniger aus Abscheu über den Umgang mit den Indianern als aus Hass auf die Regierung in Ottawa. Océane hat das Glück, einen Lehrer gefunden zu haben, der sie fördert. Ratlos-arglos gibt er ihr Geschichten von Jack London zu lesen, "weil es darin um Indianer geht".

Nach und nach zeichnet sich ein Thrillerplot ab, doch Plamondon hat es damit nicht eilig. Anders als an den FBI-Pinnwänden mit ihren Fotos von Verdächtigen, Schauplätzen, Tatwaffen arrangiert Plamondon rund um das Verbrechen Exkurse über das Leben der Lachse, den ersten Fernsehauftritt von Céline Dion oder erläutert, wie die Mi'gmaq Elche zur Strecke bringen. Lose fädelt er diese Fragmente auf, entschlossen, das große Bild nicht aus dem Blick zu verlieren, ohne das ein solcher Fall nicht zu lösen ist.

Gegen Ende kann der Historiker und Anthropologe in Plamondon die Dinge nicht mehr bremsen. Motorboote krachen ineinander, Reifen rollen über Körper, ein Haus steht in Flammen. Doch ihm erscheint ein anderes Ereignis aufregender: die Verfassungsreform von 1982, mit denen die Hoffnungen der Québecer Nationalisten enttäuscht, die Indianer aber endlich als eigene Völker anerkannt wurden.

© SZ vom 13.10.2020

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