Süddeutsche Zeitung

Erfolgsautor: Dietrich Schwanitz:Verzweifelte Bildungsbemühung

Museum des angestrengten Aufbäumens: Wie Dietrich Schwanitz der Gemeinde Hartheim im Breisgau ein altes Gasthaus als Welttheater herrichtete und dortselbst verschied.

Es muss eine nervöse Hand gewesen sein, die durch das alte, seit Jahren leerstehende Gasthaus von Hartheim im Breisgau fuhr, den alten Putz wegschlug und das Stroh der Dämmung freilegte, die hier ein paar Terracotta-Fliesen auf den Boden klebte, dort ein provisorisches Telefonkabel durch das Treppenhaus zog. Die Hand eines unruhigen, unerfahrenen Heimwerkers mit viel Enthusiasmus und wenig Geduld, der an zwanzig Stellen zugleich mit der Arbeit begann und nichts auch nur halbwegs zu einem Ende brachte - mit einer Ausnahme: Das große Fresko an der Stirnseite des Festsaales ist vollendet, ein Werk von blendender, gleichsam präraffaelitischer Pracht, ein Bild, das viel zu mächtig wirkt für dieses Haus, dieses Dorf, ja, für die ganze Region: eine Huldigung an das Welttheater William Shakespeares und mehr als das. Aber für dieses Werk war der leidenschaftliche Heimwerker nur der Auftraggeber, nicht das ausführende Organ gewesen.

Als der Anglist und Schriftsteller Dietrich Schwanitz im Dezember 2004 starb, hatte er mehr als drei Jahre Arbeit in das Haus investiert, dessen älteste Teile aus dem siebzehnten Jahrhundert stammen und das bis in die neunziger Jahre hinein, immer wieder erweitert und umgebaut, der gesellschaftliche Mittelpunkt des Dorfes Hartheim in der Ebene des Oberrheins war, der Nervenknoten einer ländlicher Kultur. ¸¸Zum Salmen" hieß das Gasthaus an der Hauptstraße, nach dem Lachs, der im Fluss gefangen wurde. Es ist ein großer, verwinkelter Bau. Der Schankraum im Erdgeschoss hätte alleine schon eine ordentliche Gastwirtschaft ausgemacht, auch ohne seinen nördlichen Teil, der zuletzt ein Kurzwarengeschäft beherbergte.

Die eigentliche Attraktion der Wirtschaft aber lag eine Treppe höher, im Obergeschoss: der große Saal, vierzig Meter lang, zwanzig Meter breit. Das gesamte hintere Drittel war (und ist) mit einer hölzernen Konstruktion zur Bühne erhoben und mit der Scheune über ein waghalsiges Trägerwerk verbunden. In diesem Saal wurden die großen Familienfeste gefeiert, die Fasnacht, die Jubiläen der Vereine, wurde, bevor sich erst das Kino, dann das Fernsehen durchsetzte, Theater gespielt. Ganz oben unter dem Dach befinden sich die ehemaligen Fremdenzimmer, zum Hof hinaus liegen die Wirtschafts- und Lagerräume, und irgendwo in einem dieser vielen Winkel wird auch der Wirt mit Frau und Kindern gelebt haben.

Dietrich Schwanitz wusste, dass er unheilbar krank war, als er sich, erst 58 Jahre alt, von seinem Amt als Professor an der Universität Hamburg pensionieren ließ und dieses Haus kaufte - mit einem Teil des vielen Geldes, das er mit seinem Kolportageroman ¸¸Der Campus" (1996) und dann vor allem mit seiner berühmt gewordenen universalen Nachhilfestunde ¸¸Bildung" (1999) verdient hatte, mit Büchern also, die jeweils über Monate die Bestsellerlisten beherrschten. Um selbst darin zu wohnen hatte er den Hof erworben, vor allem aber, um daraus einen eigenen kleinen Campus zu erschaffen, eine private Akademie der abenteuerlichen Gelehrsamkeit, eine anachronistische Insel lebendiger Kultur, wie es, wäre sie vollendet worden, in Deutschland keine zweite gegeben hätte. Die Gegend kannte er gut. Im zwanzig Kilometer entfernten Freiburg hatte er, der bei mennonitischen Bergbauern in der Schweiz aufgewachsen war und bis zum Alter von zehn Jahren keine Schule von innen gesehen hatte, einen Teil seiner Studienzeit verbracht, in Freiburg hatte er seine erste Professur erhalten. Gegenüber vom ¸¸Salmen", auf der anderen Seite der Hauptstraße, hatte er damals gewohnt, die grau verputzte Fassade des langsam an Bedeutung verlierenden Gasthauses täglich im Blick.

Hartheim hat seine Reize, aber eine liebliche Idylle, die nach guter alter Zeit aussieht, ist es nicht. Hätte Dietrich Schwanitz es ernsthaft mit einer Wiederherstellung des historischen Gasthauses versucht, so hätte ein gewaltiges Projekt vor ihm gelegen: Der Putz hätte heruntergeschlagen, die Fassade wiederhergestellt werden müssen. Die Wandtäfelungen, die Türen, die Fußböden wären von Grund auf zu erneuern gewesen, von Küche, Badezimmern und Toiletten, Elektrizität und Wasserversorgung ganz zu schweigen. Ein Jahr oder mehr hätte ein solches Unternehmen gekostet. Bautrupps wären beschäftigt gewesen, und am Ende, viele hunderttausend Euro und etliche schlaflose Nächte später, hätte vielleicht ein Juwel vor dem Betrachter gelegen, das diesen Teil des Dorfes aus der betonbewehrten Gegenwart im Triumph zurückgeworfen hätte in ein fiktives neunzehntes Jahrhundert.

Dietrich Schwanitz aber muss etwas ganz anderes im Sinn gehabt haben. Wie ein Partisan scheint er vorgegangen zu sein, um sein ¸¸Kulturzentrum" zu errichten, fast ganz auf sich gestellt und so allein, dass selbst die Nachbarn seine Anwesenheit kaum bemerkten und vermuteten, er habe vor allem nachts gearbeitet. Und wie! Der Hoftür ist ein Teil des Rahmens entfernt und ein klassizistisches Profil aufklebt worden, und weil nichts zueinander passte, ist das Ganze dick und fleckig mit roter Acrylfarbe überstrichen. Im ehemaligen Schankraum hat ein richtiger Installateur eine neue Heizung installiert und die kupfernen Rohre über dem Putz verlegt. Darüber aber, über den nackten Rippen der Heizung, sind fünf Reihen weißer Fliesen an die Wand geklebt, in deren Mitte vier Majolika ein Gebinde aus Zitronen zeigen. Darüber ist ¸¸SCHWA", unten ist ¸¸NITZ" in Kachelbuchstaben zu lesen. Die Fugen sind keineswegs sauber verfüllt.

Verzweifelte Bildungsbemühung

Gerahmt wird die Installation von Stücken einer Tapete, wie sie wohl in den siebziger Jahren zur Dekoration von Partykellern benutzt worden sein mag, mit einem Muster aus gelbbraunen Ziegelsteinen. Überhaupt, die Tapetenfetzen. In dieser Gegend sind traditionell viele Tapetenhersteller zu Hause, Dietrich Schwanitz muss regen Verkehr mit ihnen gepflegt haben: Überall im Gebäude finden sich Reste und Proben verklebt. Es sind Hunderte, oft mehrere neben- und übereinander. Sie hängen an Fenstern, an Türen, bilden Bordüren und Rahmen. Manche von ihnen, mit alten, feinen Mustern, mögen als Probierstücke einer künftigen Gestaltung gedacht gewesen sein. Aber die meisten sind doch nur Reste und Ausschuss, von der fahrigen Hand zu üppiger Armseligkeit verbunden. Neben der Treppe ins Dachgeschoss klebt der Ausriss einer Karte von den Weinbaugebieten des Bordelais, in einem Nebenzimmer liegt auf einem Haufen der Kachelofen, der bei dem Versuch einer Restaurierung zusammengebrochen war. Das alles erinnert an den ¸¸Merzbau", in den der Künstler Kurt Schwitters sein Leben hineinwachsen ließ.

Dietrich Schwanitz hat einen Merzbau seiner Bildungsidee hinterlassen. Selbst wenn er noch dreißig Jahre Zeit gehabt hätte - der Bau wäre nicht vollendet worden. Jedenfalls nicht, wenn er mit seiner Technik und seinem Können, in seinem Takt weitergearbeitet hätte. Die Schüler, die Freunde, die Gesinnungsgefährten, mit denen er an einer exemplarischen Wiederkehr der ästhetischen Bildung hätte arbeiten wollen, wären auf Dauer so unbehaust geblieben, wie er selbst auf diesem Hof gelebt haben muss. Oder sie hätten sich gar nicht erst eingestellt. Das ganze Unternehmen wäre also blanker Wahn gewesen, hätte Dietrich Schwanitz nicht selbst gewusst, auf welche Unwahrscheinlichkeit er sich mit diesem Bau eingelassen hatte - auf einen systematischen Irrtum, der hinter dem frappierenden pädagogischen Erfolg seines Buches ¸¸Bildung. Alles was man wissen muss" verschwunden war.

Denn aus der Lektüre von Konversationslexika gehen ja keine gebildeten Menschen hervor, sondern bestenfalls Leute, die sich ein paar fragmentarische Kenntnisse der Kulturgeschichte erworben haben und so vielleicht in Günter Jauchs Fragestunde in die dritte oder vierte Runde kommen könnten, mit Hilfe von Zettelwissen, mit den Tapetenresten einer vermeintlich menschenfreundlicheren, von universaler Bildung geprägten Vergangenheit. Aber - besteht nicht der größte Teil von Bildung in solchen Fragmenten oder, genauer noch, im Wissen um das grundsätzlich Fragmentarische aller Anstrengung zur Bildung? Dietrich Schwanitz, dem ironischen Geist, dürfte dieses Wissen nicht fremd gewesen sein. Womöglich zielte sein großes Vorhaben von vornherein weiter als nur auf ein ¸¸Kulturzentrum", eine ¸¸Schreibwerkstatt" oder ein ¸¸freies Theater", womöglich hätte es zugleich der Vergeblichkeit all solcher Bemühungen Ausdruck gegeben, und vermutlich hätte der große Gasthof von Hartheim am Ende beides sein sollen: Ort des Enthusiasmus für die Kultur und Monument ihres Scheiterns, leuchtendes Beispiel und Mausoleum zugleich.

Aber dann gibt es im Gasthaus von Hartheim noch das Theater. Es kündigt sich an in einem kleinen, runden Deckenfresko im ehemaligen Schankraum im Erdgeschoss, auf dem drei Gestalten des italienischen Rokoko einen Krug umfassen und auf eine Stelle niedersehen, auf der früher die Bauern des Dorfes gesessen haben mögen, um ihre Schoppen zu kippen. Es setzt sich fort in dem riesigen Wandgemälde auf der Rückseite der Bühne, dessen plötzlicher Anblick den in den Saal Tretenden überfällt wie ein Schlag mit dem Donnerblech. Paolo Veroneses ¸¸Gastmahl bei Gregor dem Großen" aus dem Jahr 1572 ist hier, ein wenig bunter und gröber als im Original und größtenteils von der Darstellung der Architektur befreit, von der Malerin Andrea Berthel-Duffing in William Shakespeares Welt hineinkopiert worden. Neunhundert Stunden arbeitete sie an diesem Bild, neunmal musste sie die Desdemona malen, denn der Professor, im wirklichen Leben selbst ein Mensch auch des Theaters, ging mit den Figuren auf dem Bild und deren Malerin um wie ein Regisseur mit seinen Schauspielern.

In der Mitte, an der Stelle Gregors, thront Elisabeth I. von England. Ihr zur Rechten sitzt der Dramatiker, eine der bevorzugten Figuren des Wissenschaftlers und Theaterliebhabers Dietrich Schwanitz. Um sie herum gruppieren sich Figuren aus William Shakespeares Dramen: Hamlet, Othello, Desdemona, Romeo und Julia. Auf der linken Seite, schalkhaft durch eine Säule verdeckt, aber mit ernster Miene, ist der Stifter selber zu erkennen, wie er in der einen Hand ein Glas Rotwein hält, während die andere auf einem aufgeschlagenen Buch ruht. Dietrich Schwanitz, der Autor des Schlüsselromans ¸¸Campus" und eines enzyklopädischen Werkes über Bildung - da sitzt er, als leibhaftige Schlüsselfigur einer theatralischen Sendung.

Bis an den Rand der Bühne setzt sich diese hoch artifizielle Kulisse fort, mit gemalten Säulen und einer Scheintür, durch die eine gemalte Dienerin gemalte frische Leckerbissen trägt. Dann beginnt die Welt der Tapetenschnipsel, aber dem Betrachter kann kaum entgehen, dass auf der Rückseite der Bühne auch ein letztes Abendmahl inszeniert wurde - ¸¸nehmet und esset alle davon, denn dies ist das Brot der Bildung, das ich für euch hingegeben habe". Das Welttheater William Shakespeares erscheint hier als an dieselbe Stelle gerückt, in der in der christlichen Überlieferung das Versprechen der Einheit mit Gott steht.

Das Theater hätte also die Instanz sein sollen, in der sich die Kultur und ihr voraussichtliches Scheitern hätten verbinden sollen: in einer Kunst des vitalen, verrauschenden Augenblicks, der sinnlichen, körperlichen Gegenwart und der in einem Moment lebendigen, im nächsten aber schon verstaubenden Requisiten. Das Drama wäre die Instanz gewesen, in der sich Bildung und Tapetenreste, Elfenbeinturm und Jahrmarkt, Gelehrtheit und Reklame hätten verbinden können, zu einem einzigen, gigantischen Kulturprogramm. Das Gasthaus von Hartheim war als seriöser Theatercoup angelegt gewesen, als ernsthafte Überraschungsangriff aus der Kulisse, als Überwältigung des Lebens durch die Illusion, und wenn sich Dietrich Schwanitz auch so innig um deren Beständigkeit bemühte, dass er auf der Bühne, in William Shakespeares Gesellschaft, sogar schlief, so überdeutlich ist hier, wie sehr sich das Engagement für diesen Gasthof dem dramaturgischen Prinzip des Einfalls, der plötzlichen Wendung der Intrige verdankte.

Dietrich Schwanitz hatte geplant, alle Wände des Saals mit Illusionsmalereien füllen zu lassen. Ein Blick auf London zur Zeit Shakespeares, ein Treppenhaus wie von Piranisi hätten es zumindest noch sein sollen. Sein Theatersaal, das wünschte er sich, solle eines Tages dem Maskensaal im Schoss der Familie Schwarzenberg im böhmischen Cesk Im Spätsommer 2002 feierte Dietrich Schwanitz Einweihung im Gasthaus von Hartheim. Doch wurde nicht der Abschluss der Bauarbeiten zelebriert, sondern nur die Fertigstellung des Freskos. Die Dorfbevölkerung war geladen, die Stimmung soll gut, die Veranstaltung freilich ein wenig bizarr gewesen sein. Anstatt eines großen Schauspiels wurde eine Lesung des Stifters selbst gegeben, unterbrochen von dramatischen Einlagen, die sich gegen seine Präsenz und Vitalität allerdings nicht recht haben behaupten können sollen.

Das Markgräfler Bürgerblatt berichtete damals, der Professor habe einen Festvortrag über den ¸¸Vakuumismus" gehalten, hinter einem Rednerpult aus zwei übereinander gestellten Drahtkörben stehend. In der Darstellung dieser neuen, zutiefst illusionären Kunstgattung, sei es dabei vor allem um ein Gemälde mit dem Titel ¸¸Weißer Strich auf weißem Grund" gegangen, das der Redner durch eine leere Leinwand auf einer Staffelei illustrierte. Auch fielen die schmutzigen Hosen und ungepflegten Schuhe des Professors auf. Dietrich Schwanitz, so scheint es, war damals schon ein wenig zu tief in die Kulisse des ehemaligen Gasthauses eingezogen, tief genug jedenfalls, um als Sonderling erscheinen zu können. Als er dann in der Woche vor Weihnachten 2004 an Unterkühlung starb, weil er sich, nach einem Sturz vielleicht, möglicherweise aber auch nach einer Attacke seiner Krankheit, nicht mehr hatte erheben können, dauerte es Tage, bis ein Besucher kam und seine Leiche fand.

Im vergangenen Jahr kaufte die Gemeinde Hartheim den ehemaligen Gasthof ¸¸Zum Salmen" von den Erben. Man habe verhindern wollen, heißt es im Gemeinderat, dass ein Gebäude, das in seiner Architektur wie durch seine Geschichte den Ort geprägt habe, von Projektentwicklern gekauft werde, die es - das Haus steht nicht unter Denkmalschutz - abrissen und durch den gewöhnlichen modernen Wohnungsbau ersetzten. Dietrich Schwanitz selber hatte noch gemeint, sein Verlag, der doch Millionen mit seinen Büchern verdient habe, würde vielleicht eines Tages Stipendien für Studenten und Schriftsteller einrichten, damit sie hier arbeiten könnten. Doch dazu wird es nicht kommen. Auf die große, traurige Tat von Dietrich Schwanitz aber kann und darf die Gemeinde nicht verzichten, auf das Fresko nicht und auf die Majolika nicht, und auch ein Teil der Tapetenwirtschaft sollte erhalten bleiben: Ein neuer Wirt müsste zu diesem Zweck her, einer, der die Mitte des Dorfes neu beleben könnte, einer, der wüsste, dass er sein Gasthaus in einem Museum der Bildung einzurichten und dass er dessen Ressourcen, vor allem das Theater, neu zu beleben hätte.

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Quelle: Süddeutsche Zeitung Nr.91, Donnerstag, den 20. April 2006
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