Erfolgsautor: Dietrich Schwanitz Verzweifelte Bildungsbemühung

Museum des angestrengten Aufbäumens: Wie Dietrich Schwanitz der Gemeinde Hartheim im Breisgau ein altes Gasthaus als Welttheater herrichtete und dortselbst verschied.

Von THOMAS STEINFELD

Es muss eine nervöse Hand gewesen sein, die durch das alte, seit Jahren leerstehende Gasthaus von Hartheim im Breisgau fuhr, den alten Putz wegschlug und das Stroh der Dämmung freilegte, die hier ein paar Terracotta-Fliesen auf den Boden klebte, dort ein provisorisches Telefonkabel durch das Treppenhaus zog. Die Hand eines unruhigen, unerfahrenen Heimwerkers mit viel Enthusiasmus und wenig Geduld, der an zwanzig Stellen zugleich mit der Arbeit begann und nichts auch nur halbwegs zu einem Ende brachte - mit einer Ausnahme: Das große Fresko an der Stirnseite des Festsaales ist vollendet, ein Werk von blendender, gleichsam präraffaelitischer Pracht, ein Bild, das viel zu mächtig wirkt für dieses Haus, dieses Dorf, ja, für die ganze Region: eine Huldigung an das Welttheater William Shakespeares und mehr als das. Aber für dieses Werk war der leidenschaftliche Heimwerker nur der Auftraggeber, nicht das ausführende Organ gewesen.

Das große Wandgemälde an der Stirnwand des großen Festsaals. Ein Tribut an die Dramen Shakespeares. Der Stifter und die Künstlerin sind an der linken Säule positioniert.

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Als der Anglist und Schriftsteller Dietrich Schwanitz im Dezember 2004 starb, hatte er mehr als drei Jahre Arbeit in das Haus investiert, dessen älteste Teile aus dem siebzehnten Jahrhundert stammen und das bis in die neunziger Jahre hinein, immer wieder erweitert und umgebaut, der gesellschaftliche Mittelpunkt des Dorfes Hartheim in der Ebene des Oberrheins war, der Nervenknoten einer ländlicher Kultur. ¸¸Zum Salmen" hieß das Gasthaus an der Hauptstraße, nach dem Lachs, der im Fluss gefangen wurde. Es ist ein großer, verwinkelter Bau. Der Schankraum im Erdgeschoss hätte alleine schon eine ordentliche Gastwirtschaft ausgemacht, auch ohne seinen nördlichen Teil, der zuletzt ein Kurzwarengeschäft beherbergte.

Die eigentliche Attraktion der Wirtschaft aber lag eine Treppe höher, im Obergeschoss: der große Saal, vierzig Meter lang, zwanzig Meter breit. Das gesamte hintere Drittel war (und ist) mit einer hölzernen Konstruktion zur Bühne erhoben und mit der Scheune über ein waghalsiges Trägerwerk verbunden. In diesem Saal wurden die großen Familienfeste gefeiert, die Fasnacht, die Jubiläen der Vereine, wurde, bevor sich erst das Kino, dann das Fernsehen durchsetzte, Theater gespielt. Ganz oben unter dem Dach befinden sich die ehemaligen Fremdenzimmer, zum Hof hinaus liegen die Wirtschafts- und Lagerräume, und irgendwo in einem dieser vielen Winkel wird auch der Wirt mit Frau und Kindern gelebt haben.

Dietrich Schwanitz wusste, dass er unheilbar krank war, als er sich, erst 58 Jahre alt, von seinem Amt als Professor an der Universität Hamburg pensionieren ließ und dieses Haus kaufte - mit einem Teil des vielen Geldes, das er mit seinem Kolportageroman ¸¸Der Campus" (1996) und dann vor allem mit seiner berühmt gewordenen universalen Nachhilfestunde ¸¸Bildung" (1999) verdient hatte, mit Büchern also, die jeweils über Monate die Bestsellerlisten beherrschten. Um selbst darin zu wohnen hatte er den Hof erworben, vor allem aber, um daraus einen eigenen kleinen Campus zu erschaffen, eine private Akademie der abenteuerlichen Gelehrsamkeit, eine anachronistische Insel lebendiger Kultur, wie es, wäre sie vollendet worden, in Deutschland keine zweite gegeben hätte. Die Gegend kannte er gut. Im zwanzig Kilometer entfernten Freiburg hatte er, der bei mennonitischen Bergbauern in der Schweiz aufgewachsen war und bis zum Alter von zehn Jahren keine Schule von innen gesehen hatte, einen Teil seiner Studienzeit verbracht, in Freiburg hatte er seine erste Professur erhalten. Gegenüber vom ¸¸Salmen", auf der anderen Seite der Hauptstraße, hatte er damals gewohnt, die grau verputzte Fassade des langsam an Bedeutung verlierenden Gasthauses täglich im Blick.

Hartheim hat seine Reize, aber eine liebliche Idylle, die nach guter alter Zeit aussieht, ist es nicht. Hätte Dietrich Schwanitz es ernsthaft mit einer Wiederherstellung des historischen Gasthauses versucht, so hätte ein gewaltiges Projekt vor ihm gelegen: Der Putz hätte heruntergeschlagen, die Fassade wiederhergestellt werden müssen. Die Wandtäfelungen, die Türen, die Fußböden wären von Grund auf zu erneuern gewesen, von Küche, Badezimmern und Toiletten, Elektrizität und Wasserversorgung ganz zu schweigen. Ein Jahr oder mehr hätte ein solches Unternehmen gekostet. Bautrupps wären beschäftigt gewesen, und am Ende, viele hunderttausend Euro und etliche schlaflose Nächte später, hätte vielleicht ein Juwel vor dem Betrachter gelegen, das diesen Teil des Dorfes aus der betonbewehrten Gegenwart im Triumph zurückgeworfen hätte in ein fiktives neunzehntes Jahrhundert.

Dietrich Schwanitz aber muss etwas ganz anderes im Sinn gehabt haben. Wie ein Partisan scheint er vorgegangen zu sein, um sein ¸¸Kulturzentrum" zu errichten, fast ganz auf sich gestellt und so allein, dass selbst die Nachbarn seine Anwesenheit kaum bemerkten und vermuteten, er habe vor allem nachts gearbeitet. Und wie! Der Hoftür ist ein Teil des Rahmens entfernt und ein klassizistisches Profil aufklebt worden, und weil nichts zueinander passte, ist das Ganze dick und fleckig mit roter Acrylfarbe überstrichen. Im ehemaligen Schankraum hat ein richtiger Installateur eine neue Heizung installiert und die kupfernen Rohre über dem Putz verlegt. Darüber aber, über den nackten Rippen der Heizung, sind fünf Reihen weißer Fliesen an die Wand geklebt, in deren Mitte vier Majolika ein Gebinde aus Zitronen zeigen. Darüber ist ¸¸SCHWA", unten ist ¸¸NITZ" in Kachelbuchstaben zu lesen. Die Fugen sind keineswegs sauber verfüllt.