Erfinder des Plattencovers Der Verhüllungskünstler

Vor 70 Jahren hatte der Designer Alex Steinweiss eine geniale Idee: Er erfand das Plattencover - bis heute prägt er die Musikindustrie.

Von Christian Mayer

Manchmal ist eine gute Idee so naheliegend, dass keiner drauf kommt. Wenn die Idee dann in der Welt ist, fragen sich alle erstaunt: Warum haben wir das nicht früher gemacht? Schnell setzt sie sich in den Köpfen fest, bis der Geistesblitz, der geniale Moment, tausendfach kopiert zum Allgemeingut wird und in Vergessenheit gerät.

Die Kunst, ein Cover mit Leben zu füllen: Steinweiss' grafische Interpretation von Rachmaninoffs Symphonie No. 2. (Aus dem Buch "Alex Steinweiss: The Inventor of the Modern Album Cover", Taschen, 422 Seiten, 350 Euro.)

(Foto: Foto: Steinweiss)

Ganz ähnlich verhält sich die Sache auch mit Alex Steinweiss. Der Designer aus Brooklyn ist 23 Jahren alt, als er zum Art Director der Plattenfirma Columbia Records befördert wird. Die Amerikaner, die gerade die schlimmste Wirtschaftskrise ihrer Geschichte hinter sich haben, lieben das Kino. Die Menschen hören viel Radio, sie kaufen viele Platten: Klassik, Jazz, Blues, Musicals, ganz egal, in jeder Kleinstadt stehen die Leute vor den Musikregalen Schlange. Die Industrie hat sich längst auf den Massengeschmack eingestellt, doch die rasch rotierenden Schellack-Scheiben stecken noch gebündelt in langweiligen, grauen, gleichförmigen Pappdeckeln.

Auch der junge Alex Steinweiss, Sohn armer Einwanderer aus Osteuropa, liebte die Musik. Als Junge hatte er stundenlang auf dem Sofa zugebracht, um die Übertragungen der New Yorker Philharmoniker zu verfolgen. "Ich fürchte, ich habe alles gehört, was es auf dem Markt gab", sagt der 92-Jährige, der heute mit seiner Frau schon lange in Florida lebt. Gerne erinnert er sich an das Jahr 1940, als er in einem düsteren Büro arbeitete, im Hauptsitz von CBS Records in Bridgeport, Connecticut. Dort hatte er die Idee seines Lebens: Wie wäre es, wenn die Platten statt der "Grabstein"-Verpackungen ein Gesicht bekommen würden? Ein farbiges, künstlerisch gestaltetes, individuelles Cover? Der Designer macht sich an die Arbeit, und weil er sehr gut zeichnen kann und viel von Grafik, Farbkompositionen und Schrifttypen versteht, liegen bald die ersten Entwürfe auf dem Tisch.

Die allererste 78er-Scheibe, die bei ihm Gestalt annimmt, ist eine Einspielung der Songwriter Richard Rodgers und Lorenz Hart, zwei Broadway-Legenden. Alex Steinweiss erzählt, wie er damals zu Werke ging: "Ich fuhr mit einem Fotografen zum New Yorker Imperial Theater an der 45. Straße - und überredete den Besitzer, die Leuchttafel eine Stunde lang so einzustellen, dass wir den Schriftzug ,Rodgers & Hart' fotografieren konnten. Später fügte ich dem Bild die stilisierten Rillen der Schellackplatten hinzu - fertig war der Erstling."

Auf diesen Geniestreich folgen unzählige Cover, denn seine Chefs sind begeistert: Die Firma Columbia kann Anfang der vierziger Jahre den Verkauf seiner Platten dank Steinweiss um ein Vielfaches steigern. Seine Art, die Plakatkunst und Typografie kreativ zu nutzen, macht Schule, seine eigenen Entwürfe aber bleiben unverwechelbar. Für Gershwins "Rhapsody in Blue" taucht er eine Stadtlandschaft in tiefes Blau, im Vordergrund steht ein einsamer, vom gelben Licht der Straßenlampe angestrahlter Flügel. Immer ist da ein Symbol, ein versteckter Hinweis auf die Musik: Das kann die Brille eines Jazzkomponisten sein, das Kleid einer Tänzerin, ein Motiv aus dem Märchen. Für Schostakowitschs fünfte Symphonie, die bei ihrer Uraufführung 1937 eine Dreiviertelstunde beklatscht wurde, verwendet er in Anspielung auf das triumphale Ende eine in die Höhe gereckte Faust. Seine Interpretation von Beethovens Klavierkonzert Nummer fünf war sogar so stilprägend, dass die Band Pink Floyd später bei ihrem Album "Dark Side of the Moon" auf das Prisma-Motiv der Regenbogenfarben zurückgriff.

"Ich wollte", erzählt Steinweiss am Telefon, "dass die Leute das Cover sehen und dabei sofort die Musik hören." Bis in die sechziger Jahre arbeitete der vielfach ausgezeichnete Designer für die Plattenindustrie, danach wandte er sich, als seine geistreiche Verhüllungskunst mehr und mehr von PR-Fotos abgelöst wurden, anderen Branchen zu. Nun kann man erstmals auch in Deutschland sein Werk in einer Hand halten: Der Taschen-Verlag hat ihm einen opulenten, sehr gewichtigen Band mit den schönsten Covern gewidmet, über den sich Steinweiss freut: "Die Leute haben mich offenbar nicht vergessen." Musik hört er auch mit 92 fast täglich - "aber nur noch Klassik".

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