Episches Erzählen Nicht weniger als sieben Leben

Nino Haratischwili will in ihrem neuen Roman "Die Katze und der General" zeigen, was der Krieg aus den Menschen macht. Damit stellt sei sich einer großen Frage - vielleicht erweist sie sich am Ende als zu groß

Von Christiane Lutz

Im Theater, das weiß die Autorin und Regisseurin Nino Haratischwili, können Dramaturgen mächtig nerven. Sie stellen unangenehme Fragen, klopfen Regie-Ideen auf Schlüssigkeit ab und fordern schon mal, eine lieb gewonnene Figur oder Szene komplett zu streichen, weil diese das Gesamtvorhaben unnötig beschwert, unlogisch oder einfach nur langweilig ist.

Ein guter Dramaturg macht allerdings ein Stück besser, vor allem für die Zuschauer. Einen richtig strengen Dramaturgen hätte Haratischwili auch durch ihren neuen Roman "Die Katze und der General" pflügen lassen sollen. Die Geschichte, die sie da auf 760 Seiten ausbreitet, wirkt nämlich mühsam konstruiert, ausufernd, oft unlogisch und leider auch stilistisch nicht ansprechend. Mit dramaturgischer Hilfe wäre der Roman um 300 Seiten leichter und sicher besser geworden.

Was könnte der Plan der Autorin gewesen sein, die erfolgreich Dramen schreibt und 2014 mit "Das achte Leben (Für Brilka)" sehr viele Menschen für ein georgisches Familienepos begeisterte? Vermutlich hatte sie die Idee, eine Geschichte darüber zu schreiben, wie der Krieg Menschen verändert. Wie er aus sanften harte, aus stillen laute, aus unpolitischen politische Charaktere macht. Wie man zum Täter wird, ohne das je gewollt zu haben. Was Schuld bedeutet. Wie der Krieg allen schadet, auch denen, die gar nicht kämpfen und sogar jenen, die noch nicht geboren sind. "Vielleicht war es einfach das Los des Menschen, niemals ungestraft davon kommen zu können, egal, ob man schuldig war oder nicht", heißt es in "Die Katze und der General". Dieses Thema steht also über dem Roman, der zudem als Thriller angelegt ist. Eigentlich ein guter Plan. Nur ist er besser als seine Umsetzung.

Haratischwili erzählt von einem sogenannten russischen "General", der eigentlich Alexander Orlow heißt. Der möchte ein Verbrechen sühnen, das er mit drei Kameraden während des ersten Tschetschenienkriegs 1995 begangen hat. Nur auf das Drängen seiner Mutter hin hatte er sich überhaupt zu einer Ausbildung an der Moskauer Militärakademie eingelassen. Er sollte damit das Erbe seines Vaters, eines überlebensgroßen sowjetischen Kriegshelden, antreten. Und landete schließlich im tschetschenischen Kaukasus, wo nach Stammesgesetzen gelebt wird und der Westen noch viel weiter weg ist als von Moskau aus gesehen. Er lernt dort Nura kennen, ein Mädchen aus dem Dorf, das ihm Hühner verkauft. Der Handel fliegt auf, Nura wird gefoltert, vergewaltigt. Am Ende ist sie tot.

Orlow möchte sich mit dieser Schuld nicht abfinden, kann das Geschehene nicht als Kollateralschaden einer größeren russischen Mission vor sich und der Welt rechtfertigen. Aber niemand will ihn und seine Kameraden wegen des Vorfalls zur Verantwortung ziehen. "Niemand wurde von der russischen Seite wegen Kriegsverbrechen angeklagt", schreibt Haratischwili, "und vor allem nicht wegen eines Kriegsverbrechens in Tschetschenien." Also knickt auch Orlow in letzter Minute ein, sein Schweigen verschafft ihm eine Stellung im russischen Immobiliengeschäft, er kommt zu Macht und Geld. Von jetzt an heißt er "General".

Dieser General ist die wichtigeste und schwierigste Figur des Romans. An ihm dekliniert Haratischwili die These des Buches durch. Ein weichherziger Mensch, den der Krieg zum Täter macht. Einer, der danach versucht, weiter zu leben, aber scheitern muss. In Zeiten, in denen Kriege überall auf der Welt genau jetzt jede Menge Generäle produzieren, eine nachdenklich stimmende Ausgangssituation. Im Roman wird jeder, der mit dem General in Kontakt kommt, entweder zum Mitwisser, zu seinem Verteidiger oder zu seinem Gegenspieler. Wie auf dem Reißbrett arrangiert Haratischwili sämtliche Figuren um ihn herum. Da ist der Journalist Onno Bender, der in Ermangelung eigener traumatischer Erlebnisse denen anderer nachspürt. Da ist des Generals engelsgleiche Tochter Ada, die glauben will, dass ihr Vater kein Kriegsverbrecher ist. Und dann ist da Katze, seine Gegenspielerin, die andere Figur aus dem Titel des Buches. Eine junge Schauspielerin, die mit ihrer Familie vor dem Georgienkrieg nach Deutschland geflohen ist. Katze heißt so, weil sie als Kind geschickt Wände hochklettern konnte.

Sie wird als besonders bedeutend für den großen Gerechtigkeits-Feldzug inszeniert, zu dem sich der General zwanzig Jahre nach dem Verbrechen entschließt: "Ja, ich möchte meinen ganz eigenen Gerichtsprozess. Ich werde die Männer ausfindig machen, die beteiligt waren. Ich werde sie zusammenbringen, und ich werde uns allen ein Urteil fällen", sagt der General. Katze soll, weil sie dem getöteten Mädchen gleicht, ein Video drehen und die Mittäter darin nach Tschetschenien einladen.

So geht das nicht, hätte ein strenger Dramaturg spätestens an dieser Stelle gesagt: Das ist zu unlogisch. Warum wird Katze als so absolut unverzichtbar gezeichnet, obwohl der General sowieso über alle Mittel verfügt, seine drei Mittäter zu erpressen? Und wozu braucht es eigentlich diesen schlaffen Journalisten, der das ganze Unterfangen als Chronist begleitet und als einziger aus der Ich-Perspektive erzählt?

Klar, die Ähnlichkeit zwischen Nura und Katze ist bezeichnend: Dort das tschetschenische Mädchen, das zum Opfer des Krieges wurde, wo es doch raus wollte aus der Enge des Dorfes, Ärztin werden oder Schauspielerin. Hier ein georgisches Mädchen, das dem Krieg entkam und in Deutschland das Leben lebt, das Nura gern gehabt hätte. In Katze (benannt nach einem Tier, dem mehrere Leben nachgesagt werden) wiederholt sich Nuras Schicksal - mit anderem Ausgang. In ihr sieht der General, was Nura genommen wurde. Nur für seinen Vergeltungsfeldzug bräuchte er sie wirklich nicht.

Immer wieder wird bei der Lektüre von "Die Katze und der General" deutlich, dass sich die Autorin zwar jede Menge Gedanken gemacht, aber die Handlung ziemlich wild darum herum gezimmert hat. Sie weiß viel über die Kriege in Tschetschenien und es gelingt ihr passagenweise, dröge Fakten gut lesbar zu vermitteln, jedoch bleibt die Fleißarbeit dahinter sichtbar. Ausgiebig bastelt sie an den psychologischen Motiven der Figuren und doch agieren sie lediglich als Erfüllungsgehilfen ihrer Versuchsanordnung. Die bemühten Metaphern mit Tieren und Spielen, die Verweise auf antike Dramen liegen schwer auf der Geschichte und den hölzernen Dialogen. Was als Thriller angelegt ist, wird kaum spannender als ein Tatort am Sonntagabend. Nebenbei wimmelt der Roman von Phrasen. Da wird "an die Gurgel gesprungen", "zur Salzsäule erstarrt", "brechen Dämme" und werden "Gelegenheiten beim Schopfe" gepackt. Auch hier hätte der strenge Dramaturg straffen können. In Verlagen heißen die Dramaturgen bekanntlich Lektoren. Es ist anzunehmen, dass Haratischwili bei der Frankfurter Verlagsanstalt einen hatte. Aber der hatte wohl keine Lust, einzugreifen.

Für "Das achte Leben" wurde Nino Haratischwili vor vier Jahren mit Isabel Allende verglichen, von vielen Seiten gelobt, ach was, geliebt und ausgezeichnet. Und immerhin, "Die Katze und der General" hat es auf die Longlist für den Deutschen Buchpreis geschafft. Mag sein, dass Haratischwili die Geschichte des Zerfalls der Sowjetunion einfach am Herzen liegt, sie darin ihr Thema gefunden hat. Mag sein, dass ihr das ausgiebige Erschreiben fernster Handlungsufer einfach Freude macht. Wahrscheinlicher ist aber, dass sie dem sich wohl selbst auferlegten Druck, ihren Erfolg von 2014 zu wiederholen, nicht standhalten konnte.