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Entscheidung bei der Berlinale 2016:Preis für Superlativ der Länge

Als weit weniger kurzweilig erwies sich bei dieser Berlinale Lav Diaz' Monumentalfilm "A Lullaby to the Sorrowful Mystery" über die Revolution auf den Philippinen im ausgehenden 19. Jahrhundert, dem die Jury einen Silbernen Bären (Alfred-Bauer-Preis) zuerkannte.

Allegorisch ist auch "A Lullaby", doch es drängte sich der Eindruck auf, dass Diaz die Auszeichnung nur bekam, um die Berlinale-Macher zu rehabilitieren. Die hatten großen Mut damit bewiesen, das achtstündige Epos des eigenwilligen Filmemachers in den Wettbewerb zu hieven.

Harte Realität im privaten Bereich

Als Superlativ in den Medien ("Längster Wettbewerbsfilm aller Zeiten") funktionierte das auch. Aber Jurys sollten sich von solchen Coups nicht beeinflussen lassen. Das extrem langatmige Werk von Diaz über das Trauma des philippinischen Befreiungskampfes, das ein Außenseiter kaum nachvollziehen kann, hatte keinen Preis verdient, aber medial verwertbare Höchstleistungen (acht Stunden) zählen eben auch bei Filmfestivals.

Der politischen Dimension der Berlinale als politischstes der drei Großfestivals neben Cannes und Venedig entsprach die Jury mit den Vergaben der drei wichtigsten Preise so einmal mehr.

Der Fokus des Wettbewerbs hatte in diesem Jahr allerdings auf der harten Realität im privaten Bereich gelegen - und die weiteren Preise gingen vornehmlich an Filme, die dieses Kernthema adressierten.

Neue Leere, neue Freiheit

Mia Hansen-Løve, steigender Stern des französischen Arthouse-Kinos, holte sich im Berlinale-Palast den Silbernen Bären für die beste Regie ab - auch das war verdient. Denn ihr neuer Film "L'avenir" ("Die Zukunft") über eine Frau aus dem gehobenen Bürgertum, die von ihrem Mann nach dem Übersteigen der Lebensmitte wegen einer Jüngeren verlassen wird, interpretiert diesen Verlust auf hoffnungsvoll pragmatische Weise: So schmerzhaft die überraschend eingetretene Leere für die Philosophie-Lehrerin Nathalie ist, so sehr kann die neue Freiheit ihr Leben auf andere Weise erfüllen.

Isabelle Huppert, die Nathalie sehr überzeugend verkörpert, hätte dafür den Silbernen Darstellerinnen-Bären ebenso verdient gehabt wie Hansen-Løve ihre Auszeichnung als Regisseurin des Films.

Doch auch Trine Dyrholm, die den Silbernen Bären als beste Schauspielerin des Wettbewerbs erhielt, war die erwartet würdige Preisträgerin. Ihre Darstellung der Weltverbessererin Anna, die in Thomas Vinterbergs Film "Die Kommune" an ihrem Idealismus zerbricht, zeigt den elementaren Widerspruch auf, den jeder Mensch als Individuum und als soziales Wesen in sich trägt.

Scheitern in der neuen Rolle

Anna stellt sich dem Dilemma bis zu einem Punkt, der ihre geistige Gesundheit ruiniert - was Dyrholm ergreifend zeigt.

Überraschend fiel die Entscheidung der Jury hingegen beim Silbernen Bären für den besten Darsteller aus: Majd Mastoura spielt in dem tunesischen Wettbewerbsbeitrag "Hedi" einen jungen Mann, der den Zwängen und Konventionen eines vorbestimmten Lebens in einer traditionellen tunesischen Familie zu entfliehen versucht.

Mastoura zeigt den Ausbruchsversuch zwar in herzerweichender Weise auf, doch auch Bjarne Mädel verkörperte in "24 Wochen", dem einzigen deutschen Wettbewerbsbeitrag dieses Berlinale-Jahrgangs, überzeugend einen modernen Mann mit neuem Rollenverständnis - doch der Film ging vollkommen leer aus.

Als klar wird, dass das von ihm und seiner Frau erwartete Kind schwerbehindert sein wird, setzt er sich ohne Rücksicht auf Verluste für das Leben des Kindes ein, doch ähnlich wie Hedi scheitert auch er.

Die westliche Welt steht vor neuen Herausforderungen - im Konflikt etwa mit den arabischen Ländern, der Hilfe für Flüchtlinge oder der modernen Medizin, die dem Menschen ganz neue moralische Bewertungen abverlangt. Lösungsansätze gibt es oftmals keine - doch womöglich liegt der erste Schritt darin, sich das zunächst einzugestehen. Gianfranco Rosi hat diese Haltung in diesem Jahr einen Goldenen Bären eingebracht.

© SZ.de/jasch
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