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"Entlang den Gräben":Manchmal schießt er mit seiner Begeisterung für die deutsche Kultur übers Ziel hinaus

Kermani macht keinen Hehl daraus, dass ihn die Reise in unbekanntes Terrain führt, und manchmal hat sein Abgleichen von Lektüre und Wirklichkeit etwas Entwaffnendes. Dass die Masurische Seenplatte wirklich so aussieht wie bei Siegfried Lenz, und die Krim bei Regen an das Siegerland erinnert - wer hätte das gedacht? Das Staunen dieses Reisenden ist ein durch und durch westdeutsches Staunen, und nie ist es westdeutscher als in Auschwitz, wo er einer deutschsprachigen Reisegruppe zugeordnet wird. Manchmal schießt er mit seiner Begeisterung für die deutsche Kultur auch übers Ziel hinaus. Auf einem Soldatenfriedhof auf der Krim geht ihm plötzlich auf, "wie schön deutsche Namen eigentlich sind: Heinrich, Johann, Albert ...". Heinrich? Im Ernst?

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Aber Kermani ist sich seiner Stellung als, spitz ausgedrückt, offizieller Lieblingsmuslim der Deutschen viel zu bewusst, um es dabei zu lassen. Im georgischen Hotel fragt ihn ein israelischer Tourist nach seiner Herkunft. Kermani überlegt, "welche Antwort die interessantere Reaktion hervorrufen wird", sagt dann "Iran" und lächelt "betont friedfertig", während der andere aufschreit. So spielerisch wurde die oft grobschlächtige Identitätsdebatte selten auf den Stand gebracht.

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Dennoch stellt sich nach und nach ein Unbehagen, ein perspektivischer Mangel ein, der nicht nur mit Kermanis zum Teil drastischen Fehleinschätzungen zu tun hat. Nein, der inzwischen staatenlose georgische Gernegroß Michail Saakaschwili ist keine Hoffnung Europas. Ja, es gab nach dem Zerfall der Sowjetunion auch einen üblen georgischen Nationalismus, der die kleinen Provinzen Russland in die Arme trieb, wo sie - trotz des Krieges, den Saakaschwili vom Zaun gebrochen hatte - bis heute bleiben. Nicht jeder Klassiker hilft, eine fremde Gesellschaft zu verstehen, und wer Leo Tolstois Alterswerk "Hadschi Murat" als Tschetschenien-Exegese begreift und nicht - wie alle russische Kaukasus-Literatur - als indirekten Kommentar zu Russland selbst, der wird immer an der Oberfläche bleiben. Aber Kermani macht um Russland einen Bogen und bei seiner Stippvisite in Moskau beschränkt er sich auf ein eher mechanisches Hantieren mit dem alten Gegensatz von Westlern und Slawophilen, wo doch das Charakteristikum des heutigen Russland gerade darin liegt, dass man beides in einem sein kann - ein iPhone-Hipster in der Putin-Jugend.

Das weit gravierendere Defizit dieser Reise in den Osten liegt darin, dass Kermani nirgends, an keiner Stelle ein Verständnis und historisches Bewusstsein für jenes Gebilde erkennen lässt, das die Region siebzig Jahre zusammengehalten hat: das Menschheitsversprechen und Menschheitsverbrechen der Sowjetunion. Dass Ukrainer und Krimtataren, Weißrussen und Tschetschenen, Armenier und Aserbaidschaner einer Kultur- und Konsumgemeinschaft angehörten, gemeinsamen Idealen anhingen und gemeinsamen Zwängen gehorchten, dass sie "ein Raum" sind, dafür findet Kermani keinen Ausdruck.

Dafür stichelt er hier und dort gegen die Volksbühne und das Regietheater. Er wird doch nicht seine nächste Entdeckungsreise nach Berlin machen?

Navid Kermani: Entlang den Gräben. Eine Reise durch das östliche Europa bis nach Isfahan. C.H. Beck Verlag, München 2018. 442 Seiten, 24,95 Euro. E-Book 19,99 Euro.

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