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Enthüllung aus dem Archiv:Es zählen nur "Die Buddenbrooks"

UNTERWEGS ZUR FAMILIE MANN: DIE KINDER DES ZAUBERERS (1/3)

Die Manns 1927 am Strand von Kampen auf Sylt. Wenige Jahre später kam Adolf Hitler an die Macht, Thomas Mann wählte den Gang ins Exil. Die Nationalsozialisten bürgerten Mann aus.

(Foto: OBS)

Der letzte Teil der Formulierung ist wahrscheinlich als Kritik am "Zauberberg" zu verstehen (den der Text schweigend übergeht), sowie an allen modernistischen und experimentellen Tendenzen der Gegenwartsliteratur, denen die Akademie, in ihrer damaligen Konstellation meistens geneigt, Publikumswirksames zu preisen, nicht viel abgewinnen konnte.

Hallström rundet das Gutachten damit ab, dass er Thomas Manns übrige Produktion, aus der er keinen Titel nennt, als "uneinheitlich" bezeichnet; gleichwohl betont er, dass das, was in der Stellungnahme erwähnt worden sei, "als hinreichend angesehen werden dürfte, um einen Nobelpreis für ihn zu rechtfertigen". Die Komiteemitglieder sprachen sich daraufhin - "mit mehr oder weniger Wärme einhellig" - für Mann als Preisträger aus, jedoch "unter der Voraussetzung, dass die Auszeichnung sich auf seine früheren Werke beziehen soll, vor allem auf den Roman ,Buddenbrooks'".

Erik Axel Karlfeldt ließ im Protokoll festhalten, dass er sein Votum "voller Zweifel" abgegeben habe, mit der Begründung, erstens seien schon achtundzwanzig Jahre vergangen, "seit Manns hervorragendstes Werk, ,Buddenbrooks', herauskam", und zweitens erscheine ihm "die neueste größere Arbeit des Autors, ,Der Zauberberg'" nicht geeignet, "dessen Tauglichkeit für einen Nobelpreis zu stärken".

Die Mehrheit der Schwedischen Akademie entschied sich, dem Urteil des Nobelkomitees zu folgen, und ehrte Thomas Mann mit dem Preis des Jahres 1929, "vornehmlich für seinen großen Roman ,Buddenbrooks', der im Laufe der Jahre immer mehr bleibende Anerkennung als eines der klassischen Werke der zeitgenössischen Literatur gefunden hat", wie die Begründung lautete. Man kann, wie das amtierende Akademiemitglied Kjell Espmark in seinem Buch "Der Nobelpreis für Literatur. Prinzipien und Bewertungen hinter den Entscheidungen", zweifellos von einer "sensationellen Abstrafung" sprechen, was den ,Zauberberg' betrifft, Thomas Manns in literarischer Hinsicht bedeutendsten und inzwischen am meisten gefeierten Roman, der zugleich dasjenige unter all seinen Werken ist, das er selbst am höchsten schätzte.

Dieser Fehlgriff - der in der Preisbegründung auch noch öffentlich bekräftigt wurde - musste die Freude des Preisträgers natürlich trüben. Da hatte er erst vor wenigen Jahren den Roman seines Lebens vollendet, einen Meilenstein der deutschen Literaturgeschichte - und die Schwedische Akademie ließ es sich einfallen, ihm den Nobelpreis für seinen Debütroman zuzuerkennen, der fast drei Jahrzehnte zuvor publiziert worden war!

Der falsche Ton in der Prozedur blieb auch der Akademie selbst nicht lange verborgen, sodass die Idee eines zweiten Nobelpreises zu kursieren begann. Dass Thomas Mann im Jahr 1948 tatsächlich nochmals nominiert wurde, lässt sich gewiss zum Teil mit seinem starken antinazistischen Engagement während des Krieges erklären, als er sich im amerikanischen Exil befand, und mit seiner sowohl selbstgewählten als auch von außen ihm aufgedrängten Rolle als "Gewissen der Nation". Bei der Nominierung fiel sicher auch die Reihe bedeutender Werke ins Gewicht, die er nach 1929 veröffentlicht hatte: "Joseph und seine Brüder" (1933-43), "Lotte in Weimar" (1939) und vielleicht besonders "Doktor Faustus" (1947).

Das Nobelkomitee, mit dem Lyriker und Übersetzer Anders Österling als neu gewähltem Vorsitzenden, war jedoch nicht sonderlich daran interessiert, Thomas Mann einen zweiten Nobelpreis zukommen zu lassen. Österling schrieb: "Da die Akademie sich zu der Frage, ob es angebracht sei, ein und dieselbe Person mit einem weiteren Preis auszuzeichnen, prinzipiell abratend geäußert hat, sieht das Komitee seinerseits gänzlich von der Prüfung dieses Vorschlags ab, der unter anderen Umständen natürlich als höchst ehrenvoll beurteilt werden müsste."

Deutsch von Kristina Maidt-Zinke

© SZ vom 07.12.2011/rela/gr
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