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Entdeckung im Berlinale-Panorama:Feine Erschütterungen

In toxischer Umgebung – Julia Garner spielt „The Assistant“ im gleichnamigen Film von Kitty Green.

(Foto: Verleih/Berlinale)

"The Assistant" von Kitty Green lässt an Harvey Weinstein denken.

Von Anke Sterneborg

Am sehr frühen, fast noch nächtlichen Morgen wird eine junge Frau von einem Fahrer zuhause abgeholt und an einem Bürogebäude abgesetzt. Sie betritt die noch dunklen Büroräume, knipst die Lichter an, legt Jacke und Schal in eine Schublade in ihrem Schreibtisch, beginnt Akten zurechtzulegen, die Gläser vom Vortag abzuräumen, Krümel zu entfernen, und andere Spuren auf dem Sofa, denen sie mit Gummihandschuhen und Desinfektionsspray beikommt.

Jane ist die Assistentin des Chefs im New Yorker Büro einer großen Filmproduktionsfirma. Doch nichts deutet hier auf den Glamour von Hollywood hin. Oder auf das große Drama Machtmissbrauch, das Kitty Greens "The Assistant" auf bemerkenswert diskrete Weise eingekreist. So wenig sensationsheischend der Film ist, so gut passt seine Programmierung in der Sektion Panorama doch zu den Nachrichten, die von der Verurteilung Harvey Weinsteins über die Berlinale geistern.

Die Räume, in denen Jane arbeitet, sind nüchtern eingerichtet und in fahles Licht getaucht, die Geschäftigkeit, die sich langsam einstellt, würde in jeder anderen Branche ähnlich aussehen. Es geht hier ganz entschieden nicht um einen konkreten Fall, sondern um ein System. Ein sehr lautes Thema geht dieser Film mit größter Ruhe, Stille und Konzentration an. Jane arbeitet mit der Aufmerksamkeit einer beflissenen jungen Frau, die nach dem Studienabschluss gerade mal fünf Wochen in der Firma angestellt ist und alles richtig machen will. Und mit der Zurückhaltung von jemandem, der nicht auffallen will, sich einpassen will.

Der Big Boss, das Raubtier, ist hier eine anonyme Größe, ein Name, der nie ausgesprochen wird, ein Mann, den man nie zu sehen bekommt. Nur gelegentlich ist seine einschüchternde Stimme am Telefon zu hören, wenn er die Assistentin zur Schnecke macht. Trotzdem ist er allgegenwärtig in der Wirkung, die er auf die Angestellten hat, nicht nur auf Jane, sondern durchaus auch auf ihre beiden männlichen Kollegen, die im selben Raum arbeiten. Auch ohne physische Anwesenheit hängt die übermächtige Aura des Chefs in den Räumen, die Angst vor Demütigung oder Entlassung.

Eine große Hollywood-Produktionsfirma, das Büro in New York, die allgegenwärtige Einschüchterung: Natürlich kann man kaum anders, als an Harvey Weinstein zu denken. Doch Kitty Green geht es eher um die Strukturen von Schweigen, Scham und Angst, die solche Taten ermöglichen, solche Täter schützen. Bekannt geworden ist die Australierin mit zwei Dokumentationen, "Ukraine is not a brothel" über die Femen-Bewegung, und "Casting JonBenet" über den ungelösten Tod einer sechsjährigen Schönheitskönigin. Auch in ihrem ersten Spielfilm arbeitet sie mit dokumentarischen Mitteln.

Rund 100 Gespräche hat sie geführt, mit betroffenen Frauen, aber auch mit Männern, in Amerika, Australien und Kanada, um das toxische System wirklich zu durchdringen. Der Film, der daraus entstanden ist, nimmt einem immer wieder den Atem - und ist doch weniger Anklage als Analyse. Um den Zuschauer ganz nah heranzuholen, ihm eine unmittelbare Identifikation zu ermöglichen, nutzt Kitty Green die Möglichkeiten des Spielfilms, die Inszenierung, die Verdichtung, das Schauspiel. In Kamera, Licht, Ausstattung und Kostümen übernimmt der Film die nüchterne und beherrschte Zurückhaltung seiner unauffälligen Titelheldin, die nur ein kleines Rädchen im mächtigen System ist. Sie beobachtet und registriert alles, was passiert, ohne sich ihre Reaktionen anmerken zu lassen. Doch zunehmend breiten sich in der banalen Routine des Arbeitsalltags seismische Erschütterungen aus.

Hier ein Ohrring auf dem Boden neben der Besetzungscouch, dort die immer vorrätigen Medikamente zur Potenzsteigerung, das feixende Tuscheln der Kollegen, das Erscheinen einer neuen, jungen Assistentin, die sie ins Hotel bringen soll, die Ehefrau, die ihre Wut an Jane auslässt, und dann der Ärger mit dem Boss, weil ihre nichtssagend ausweichenden Antworten schon zu viel waren. Viele kleine Beobachtungen verdichten sich zu einer Geschichte von Machtmissbrauch, zu einem Fall von "Me Too", in dem Jane nur Beobachterin, nicht Betroffene ist. Die Schauspielerin Julia Garner scheint eine Maske zu tragen, die alle Gefühle herausfiltert, nur um dann Nuancen von Empörung durch die Poren schimmern zu lassen, hier ein kleines Beben ihrer Nasenflügel oder Mundwinkel, dort ein nervöses Zittern ihrer Lider, ein leicht geweiteter Blick.

Anders als alle anderen in der Firma will sie nicht schweigen, spricht mit dem Personalchef, dem Matthew Macfadyen eine vergiftete Freundlichkeit verleiht. Der Teufel steckt immer wieder im Detail, in der Art, in der dieser Mann Hilfsbereitschaft signalisiert, dann aber bezweifelt, ob hier überhaupt etwas Berichtenswertes vorliege, wie er vieldeutig fragt, ob sie denn ihren Job behalten wolle, und sie schließlich beim Gehen beruhigt: "Keine Sorge, Sie sind nicht sein Typ". In ihrer Not sucht Jane Trost bei ihren Eltern, findet aber auch am Telefon nicht die richtigen Worte. Auch davon erzählt "The Assistant": Wie schwer solche Systeme zu besiegen waren - und sind.

© SZ vom 26.02.2020

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