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Englische Literatur:Wir sind alle Schatten

Rudyard Kipling 1865 1936 From the painting by Sir Philip Burn Jones English author and poet

Rudyard Kipling 1899 an seinem Schreibtisch, gemalt von seinem Verwandten Philip Burne-Jones, dem Sohn des bekannten Präraffaeliten Edward Burne-Jones.

(Foto: imago/United Archives)

Vor 150 Jahren wurde Rudyard Kipling geboren, der Schöpfer der "Dschungelbücher" und des großartigen Indien-Romans "Kim".

Von Harald Eggebrecht

Es muss ein besonderer Zauber alle ergriffen haben, wenn Rudyard Kipling erzählte: "Die ,Just So Stories' im Druck sind eine armselige Angelegenheit verglichen mit dem Hörspaß, wenn sie von Cousin Ruddys tiefer, fester Stimme erzählt wurden. Es gab dabei ein Ritual, jede Redewendung hatte ihre besondere Betonung, die jedesmal genau dieselbe sein musste, und ohne die die Geschichten hohle Hülsen sind. Es gab einen unnachahmlichen Tonfall, einen Nachdruck bei bestimmten Wörtern, eine Übertreibung bei bestimmten Wendungen, eine Art von Intonieren hier und dort, die sein Erzählen unvergesslich machten."

So hat sich Angela Thirkell, geborene Mackail und Lieblingsenkelin des den Präraffaeliten nahestehenden Malers Edward Burne-Jones an Kipling erinnert, der selbst Neffe von Burne-Jones war. Kipling hat in den "Just So Stories" von 1902 typische Kinderfragen so witzig wie komisch beantwortet, also "Wie der Leopard seine Flecken bekam" oder "Wie das Nashorn seine Haut kriegt" und anderes mehr. Da denkt man sofort an die "Dschungelbücher", die den Weltruf Kiplings begründeten. Gerade wird an einer aufwendigen Neuverfilmung gearbeitet - aber man würde doch zu gern hören, wie Kipling wohl den Bären Baloo, den Tiger Shere Khan oder die Schlange Kaa intoniert haben könnte.

Er redet quer durch Indien mit Menschen aller Farben, notiert ihre Dialekte und Stimmen

Vor 150 Jahren, am 30. Dezember 1865, wurde Rudyard Kipling in Bombay (heute Mumbai) geboren, 1936 starb er in London. In den ersten fünf Jahren genießt er die Freiheit eines Kolonialkindes, das mehr indisch als englisch aufwuchs. Dann wird er mit der jüngeren Schwester nach England geschickt, eine traumatische Erfahrung, die Pflegemutter sucht den Knaben mit Prügel und freudloser Strenge zu bändigen. 1877 befreit Alice Kipling ihre Kinder, ein Jahr später kommt Rudyard auf die Militärschule des United Services College.

Weil die Mittel zum Studium nicht reichen, kehrt er 1882 nach Bombay zurück und fährt weiter nach Lahore (heute Pakistan), wo der Vater die Kunstschule und das Museum leitet. Rudyard beginnt bei der örtlichen Zeitung, schreibt Gedichte, Erzählungen und wird bald Korrespondent des Pioneer in Allahabad, bekannt für seinen frischen, frechen, ja, aufsässigen Ton. Er redet quer durch Indien mit Menschen aller Farben und Kasten, notiert ihre Dialekte und Stimmen. Bis 1900 hat er Weltruhm erreicht. Er lebt in den Neunzigerjahren in Vermont, USA, mit seiner Frau, den Töchtern Josephine und Elsie. Hier entstehen die "Dschungelbücher", hier erlebt er die wohl entspanntesten Jahre. Nach Familienstreitigkeiten kehrt er nach England zurück, dort wird sein Sohn John geboren. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs hat sich Kiplings Weltsicht eingedüstert. Er hat schon die heißgeliebte Josephine durch Krankheit verloren, 1915 fällt John, den Kipling massiv ins Soldatsein drängte, trotz einer Sehschwäche, die auch den Vater schon früh prägte. Die Schuldgefühle verdunkeln Kiplings Lebensstimmung. Nach 1918 haben seine Erzählungen weniger Resonanz, auch wenn ihr Autor weiterhin sehr populär ist und weltweit geehrt wird, wobei er Adelstitel ausschlägt und Orden meist verweigert. Mit seiner Frau vernichtet er viele Briefe, Notiz- und Tagebücher: Aus ihm werde man nach dem Tod keinen Affen machen. Tochter Elsie wacht in diesem Sinn über den Nachlass und verbrennt auch noch vieles, nachdem in den Fünfzigerjahren eine von ihr autorisierte Biografie erschienen ist.

1907 erhielt Kipling als erster Engländer und bis heute jüngster Autor überhaupt den Nobelpreis, "für seine Beobachtungsgabe, die Ursprünglichkeit seiner Phantasie, die männliche Kraft seiner Ideen, seine hohe Darstellungskunst" - für ein Werk, in dem sich ideologisch Verstörendes, sogar Abstoßendes findet neben grandiosen Erzähl- und Roman-Tableaus. Kipling ist nicht nur der geniale Erfinder amüsant-tiefsinniger Dschungelparabeln, nicht nur der Schöpfer des großen Indien-Romans "Kim", nicht nur der Reporter, der die ganze Welt bereiste und unermüdlich und trotz aller imperialistischen Überzeugungen erstaunlich unbefangen berichtete, sondern auch der auftrumpfende Propagandist des Empire. Das berühmt-berüchtigte Gedicht "The White Man's Burden", das 1899 erschien unter dem Eindruck der Eroberung der Philippinen durch die USA, formuliert diesen Anspruch und die wie schmerzvoll auch immer geartete Kolonisierung von "Eingeborenen" als für sie notwendigen Weg in die Zivilisation.

Damit begrüßte Kipling den amerikanischen Präsidenten Theodore Roosevelt und dessen Expansionismus, während er seine Landsleute im Gedicht "Recessionel" vor Weltmachtdünkel und erlahmender Erneuerungskraft warnte. Der Kipling fast freundschaftlich verbundene Mark Twain avancierte dagegen zum entschiedenen Gegner einer expansionistischen US-Politik. Natürlich darf der bedeutende Lyriker nicht vergessen werden, der dem Empire Lieder und Gassenhauer dichtete, die noch heute im angelsächsischen Raum gesungen werden, auch nicht jener Balladendichter und Poet, den T. S. Eliot lobte - während Oscar Wilde ihn als "vulgär" abtat.

Ein größerer Gegensatz lässt sich schwer denken: hier Kipling, den die Wirklichkeit fesselt und der reales Leben abbildet, der zugleich für Ordnung, Disziplin und Mannesmut von Soldaten, Seeleuten und Ingenieuren schwärmt und militärisches Vorgehen als Herausforderung für Geist und Moral verantwortlicher Männlichkeit versteht. Dort die Jünger der Decadence, des Fin de siècle wie Oscar Wilde, Algernon Charles Swinburne oder Aubrey Beardsley, die im Raffinement erotischer Tabubrüche, im ästhetizistischen Rausch von Sprach- und Geschmacksverfeinerung schwelgen und so gegen den bigott- reaktionären Victorianismus und seine Unempfindlichkeit für Kunst, auch gegen die kapitalistischen Brutalitäten im Pragmatismus des britischen Weltreichs polemisieren. Doch letztlich sind beide Haltungen die zwei Seiten der einen viktorianischen Medaille.

Man kann bei Kipling den schwer erträglichen Männlichkeitstrompeter entdecken, den Deutschenhasser, den problematischen Demokratiebezweifler, den Gegner des Frauenwahlrechts. Das ist die dunkle, zeitverhaftete und damit historisch gewordene Seite seiner Macht. Die helle dagegen, mit Mowgli, Kaa, Kim und anderen Gestalten, die Fähigkeit, genau hinzuschauen und der Wirklichkeit auf der Spur zu sein, sichert seinen bleibenden Ruhm.

Zum Jubiläum gibt es Neuausgaben der "Dschungelbücher" und von "Kim", beide glänzend in ihrer Polyfonie übersetzt von Andreas Nohl. Erstmals sind auch die Reportagen "Von Ozean zu Ozean" aus den 1890er-Jahren auf Deutsch erschienen, herausgegeben und übertragen von Alexander Pechmann. Und der Kipling-erfahrene Gisbert Haefs hat sich späte Erzählungen vorgenommen und erstmals ins Deutsche überführt. Außerdem hat Stefan Welz eine etwas schlampig lektorierte, trotzdem lesenswerte Biografie gewagt.

Die späten Erzählungen wirken bei aller Könnerschaft doch etwas kauzig-trocken, ihr Witz manchmal bemüht: etwa die Geschichte der Fälschung eines Chaucer-Textes oder die virtuose Erzählung um den Trüffelhund Vicomte Bouvier de Brie. Dagegen strotzen die Berichte des jungen Reporters aus Indien, Asien und Amerika vor Vitalität, Neugier, Beobachtungsfrische. Kipling verachtet den touristischen Blick und macht sich über den Typ des englischen Weltenbummlers lustig, der durchs Leben schreitet, "ohne dass ihm irgendetwas nicht ,sehr gefallen' würde". Dazu kommen Legenden, Anekdoten, Historisches und Tagespolitisches in kessem Nebeneinander und oft gewolltem Durcheinander. Am Ende interviewt er dann seinen "Meister" Mark Twain, voller Verehrung und doch immer voll fröhlicher Dreistigkeit.

Sein "Kim" ist ein Weltbuch, das, wo auch immer aufgeschlagen, sofort in Bann zieht

Will man aber jemanden unheilbar für Kipling gewinnen, dann mit dem indischen Kosmos, den er im Wunderroman "Kim" entrollt. Ein Weltbuch, das, wo auch immer aufgeschlagen, sofort in Bann zieht, weil die Dichte des Geschehens, der Gestalten- und Geschichtenreichtum so gehaltvoll wie leichtfüßig sich entfaltet. Außerdem wird sich wohl niemand dem Zauber des Straßenjungen Kim und der Weisheit des alten Lama entziehen können und wollen. Den Mann, der all das so farbintensiv und präzise erzählen konnte, und seinen untrüglichen Blick hat der Schriftstellerkollege Hugh Walpole unvergesslich porträtiert: "Er spaziert durch den Garten, wobei allein seine Augenbrauen richtig zu sehen sind. Sein Körper ist nichts, aber seine Augen sind unglaublich, funkelnd, freundlich, sanftmütig und ausgesprochen stolz. Er ist gütig zu uns allen und wir sind alle Schatten für ihn."

Rudyard Kipling: Das Dschungelbuch 1 und 2. A. d. Englischen übersetzt von Andreas Nohl. Steidl Verlag, Göttingen 2015. 528 Seiten, 28 Euro.

-: Kim. A.d. Englischen von Andreas Nohl. Hanser Verlag, München 2015. 512 Seiten, 29,90 Euro.

-: Von Ozean zu Ozean. Unterwegs in Indien, Asien und Amerika. A. d. Englischen hrsg. und übersetzt von Alexander Pechmann. mareverlag, Hamburg 2015. 796 Seiten, 48 Euro.

-: Die späten Erzählungen. A.d. Englischen von Gisbert Haefs. S. Fischer Verlag, Frankfurt/M. 2015, 462 Seiten, 19,99 Euro.

Stefan Welz: Rudyard Kipling. Im Dschungel des Lebens. Lambert Schneider Verlag, Darmstadt 2015. 272 Seiten, 29,95 Euro.

© SZ vom 28.12.2015

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