Englische Literatur Sturmhöhen der Fantasie

Emily Brontë (1818 – 1848).

(Foto: imago/Leemage)

"Wuthering Heights" blieb ihr einziger Roman, aber die Geschichte einer wilden Liebe wurde zum Klassiker: Vor 200 Jahren wurde Emily Brontë geboren.

Von Susan Vahabzadeh

Im März dieses Jahres hat die New York Times ihre "Overlooked Orbituaries" veröffentlicht, Nachrufe auf große Frauen, von denen zu ihrer Zeit kaum einer Notiz nahm. Charlotte Brontë, die "Jane Eyre" geschrieben hat und die langlebigste und produktivste der drei Brontë-Schwestern war, stand auf dieser Liste. Emily, die Autorin von "Sturmhöhe", kam nicht darauf vor. Emily, die vor 200 Jahren, am 30. Juli 1818 geboren wurde, ist dafür drei Jahre zu früh gestorben - die New-York-Times-Liste setzt erst 1851 ein. Hätte es diesen Nachruf gegeben, so hätte er ohnehin einem Schriftsteller namens Ellis Bell gegolten. Der stand als Autor in der ersten Ausgabe von "Sturmhöhe".

1846 hatten die drei erstmals einen Gedichtband veröffentlicht, als Ellis, Acton und Currer Bell - das waren die männlichen Pseudonyme, die Emily, Anne und Charlotte benutzten. "Wir wollten uns nicht als Frauen erklären", schrieb Charlotte später, nach dem Tod ihrer Schwester, "weil wir den vagen Eindruck hatten - ohne unsere Werke zu diesem Zeitpunkt als feminin zu empfinden -, Autorinnen würden wohl mit einigem Vorurteil betrachtet werden." Sie schrieb das 1850, im Vorwort zur zweiten Ausgabe von "Sturmhöhe", dort enthüllte sie die wahre Autorenschaft aller bis dahin von den Bell-Brüdern verfassten Werke. Nicht einmal ihr Vater, der als Reverend Brunty aus Irland nach Yorkshire gekommen war, wusste, dass sich hinter den Bell-Brüdern seine eigenen Töchter verbargen.

Nicht einmal der Vater wusste, dass sich hinter den Bell-Brüdern seine Töchter verbargen

Der Reverend Patrick Brontë hat auf andere Art dazu beigetragen, dass die Werke seiner Töchter heute Klassiker sind, in England jedes Schulkind "Sturmhöhe" gelesen haben muss oder eine der Verfilmungen gesehen oder das Lied "Wuthering Heights" von Kate Bush gehört hat - das abgeschiedene Leben, zu dem er sie verdonnerte, war der Fantasie der Mädchen wohl sehr förderlich. Emily erträumte sich, rund um eine abgelegene Farm in der Nähe des Pfarrhauses ihr Anwesen Wuthering Heights. "Sturmhöhe" wurde zunächst nicht sehr freundlich aufgenommen - zu wild und animalisch war diese düstere Liebesgeschichte, die auf einem abgelegenen Farmhaus beginnt, als ein Mann einen Jungen mit dunklen Augen mit nach Hause bringt, der entweder ein Prinz aus der Ferne ist oder ein kleiner Zigeuner. Die kleine Catherine Earnshaw und dieser Junge, Heathcliff, sind bald unzertrennlich, und als sie dann einen anderen heiratet und stirbt, verwendet er sein Leben darauf, allen das Leben zur Hölle zu machen, die daran schuld sind, bis ihn seine Catherine endlich holt, das Irrlicht auf dem Moor.

Die übersinnlichen Motive, die in "Sturmhöhe" auftauchen, sind für den frühen Feminismus nicht ungewöhnlich - es ist aber kein Wunder, dass das niemand damals so sah, und das ohnehin nur noch mehr Verdruss erzeugt hätte. England wird zwar von 1837 an von einer Königin regiert, Victoria, aber die hält nicht viel von Frauenrechten. Ganz im Gegenteil.

"Sturmhöhe" ist zu einem Klassiker geworden, ja - und doch, beobachtete der Guardian unlängst, bleiben in der Verehrung für Emily Brontë, bei den Ausstellungen rund um den Ort Haworth, in dem sie gelebt hat, in der Forschung, in der Kunst, die "Sturmhöhe" feiert, die Frauen bis heute unter sich. "Sturmhöhe" ist eben irgendwie, wie Charlotte sagen würde, doch "feminin". Hätte ein Mann tatsächlich einen anderen so beschrieben, wie Emily Brontë ihren düsteren Helden Heathcliff? Der rachsüchtige, grüblerische Heathcliff gilt als "Byronic hero" - aber Heathcliff ist in seiner Vielschichtigkeit auch als Bösewicht keine eindeutige Besetzung; vor allem aber ist er, in seiner unbeirrbaren Liebe zu Catherine, eine romantische Frauenfantasie, ein Vorfahr von Charlottes Mr. Rochester in "Jane Eyre" und Serge Gainsbourg oder Johnny Depp als Sexsymbol, gar Vampir Edward aus der "Twilight"-Reihe: unwiderstehlich als Fantasie, unausstehlich in der Realität. Viel zu schwierig.

Wie Kate Bush sang in "Wuthering Heights": "My one dream, my only master". Die selbst im Tod noch unbezähmbare Catherine kannte keinen Herrn, höchstens in Gedanken.