Englische Literatur Sturm, Wahn und Angst

Der alte Medienmogul und seine schwindende Macht: In seinem neuen Roman "Dunbar und seine Töchter" erfindet der englische Autor Edward St Aubyn einen modernen King Lear und hüllt ihn in die Sprachspiele seines brillanten Stils ein.

Von Franziska Augstein

Dunbar ist eine Stadt im Süden Schottlands. In Schottland liegen bekanntlich auch dann düstere, nebelüberwaberte Gefilde, wenn die Sonne scheint. Shakespeare-Freunde wissen das. Und so hat Edward St Aubyn den achtzig Jahre alten Protagonisten seines neuen Buches Henry Dunbar genannt. Außerdem gibt es die Dunbar-Zahl, benannt nach ihrem Erfinder, der errechnet hat, wie viele Beziehungen zu anderen Menschen ein Individuum gleichzeitig unterhalten kann.

St Aubyn zeigt den Alten als die miese Type, die King Lear vielleicht auch war

Die Ziffer ist mit Liebe mathematisch zusammengebastelt und schwankt zwischen 150 und 250 Personen. St Aubyns Henry Dunbar kennt viele Leute, aber von Beziehungen kann man eigentlich nur insofern reden, als er unwirsch geworden ist, wenn andere nicht ausführten, was er befohlen hatte. Derzeit - so beginnt der Roman - hat Dunbar leider gar nichts mehr zu sagen: Seine zwei bösen Töchter, denen der milliardenschwere Medienmogul, um Steuern zu sparen, seinen Konzern überschrieb, haben ihm - immergierig -Drogen verpassen lassen, so dass die daraus resultierende Paranoia es völlig natürlich erscheinen ließ, Dunbar in einem komfortablen Irrenhaus wegzuschließen. Die Schwestern wollen die Anteile des an der Börse notierten Konzerns zurückkaufen, das Riesenunternehmen verschlanken, dann mit sagenhaftem Gewinn abstoßen und sich fürderhin der Genusssucht und ihren perversen Lüsten widmen.

Dunbar ahnt das. Selbst durch den Schleier der Beruhigungsmittel, die ihm verabreicht werden, weiß er: Er muss aus ausbrechen, muss erreichen, was ihm lebenslang Aufgabe und Ziel gewesen ist, an der Macht bleiben. Auf der anderen Seite des großen Teichs macht seine dritte, die jüngste Tochter sich große Sorgen um den Papa. Sie hat längst schon genug Geld geerbt und von Dunbar geschenkt bekommen, mehr will sie gar nicht. Sie liebt ihren Vater, eine Grüne ist sie auch und im übrigen vor lauter Gutherzigkeit völlig eigenschaftslos. Deshalb ähnelt sie Shakespeares Cordelia im "König Lear".

Edward St Aubyn wurde eingeladen, beim "Hogarth-Projekt" mitzumachen: Namhafte Romanciers schreiben Shakespeares Theaterstücke um, für die Gegenwart. "König Lear" bot sich für St. Aubyn an, weil er als kleiner Junge von seinem - auch pekuniär mächtigen - Vater sexuell missbraucht wurde, was ihm auf der Universität Oxford Heroin als bevorzugtes Präparat erscheinen ließ. Ende der Achtzigerjahre befreite sich der heute 57-Jährige von der Drogensucht. Er wechselte sie ein gegen die Schriftstellerei. Wer ihn fragt, bekommt freilich zu hören, das Schreiben mache ihm Mühe, es sei für ihn Arbeit, kein Trip und keine Therapie.

König Lear: wer ist das? Das ist nicht St Aubyns Vater. Wenn das englische Schulsystem den gehobenen Schichten eines untergerieben hat, dann die Pflicht, das eigene werte Ich nimmer in den Vordergrund zu stellen. Das hat sich schon bei den fünf Büchern über das Schicksal des Patrick Melrose gezeigt. St. Aubyn hat darin seine üble Kindheit ausgeschöpft: Kühl bis ans Herz hinan, distanziert, mit großem Witz und fabelhafter Formulierungskunst hat er die Fährnisse eines jungen, gebildeten, gesellschaftlich gewandten, sehr wohlhabenden jungen Mannes geschildert, der mehr Drogen einnimmt als bloß Heroin.

König Lear, alias Henry Dunbar: St Aubyns Figur ist reicher als die von Shakespeare. St Aubyn füllt ein paar Lücken, die Shakespeare offen gelassen hat. Im 17. Jahrhundert war ein König ein König, im guten Fall ausgestattet mit einem Gewissen. St. Aubyn zeigt Dunbar als die miese Type, die vielleicht auch Shakespeares Lear war. Die Angst, den Verstand zu verlieren, beschert Henry Dunbar Einsichten und Besinnung.

Dieser neue Roman St Aubyns ist nicht hoch genug zu preisen, er ist das Werk eines Wortsinn ungeheuerlich guten Schriftstellers. St Aubyn schreibt witzig und unterhaltsam und zugleich psychologisch bedrückend eindrucksvoll. Er ist allem himmelweit überlegen, dem Verlagsgeschäft, der nötigen PR, der Kenntnislosigkeit der Leser, die bloß unterhalten werden wollen. Er unterhält die Leser sogar mit Naturbeschreibungen. Wer es merkt, freut sich daran, dass St Aubyns Darstellungen von Sturm und dem armen Dunbar, der sich nach seinem Ausbruch aus dem Irrenhaus in den Bergen des westenglischen Cumbria verirrt, auf die Romantik zurückgehen, quasi als Anspielungen auf das Dickicht der Kulturgeschichte. Dunbar irrt in den Bergen umher wie Hans Castorp durch den Schneesturm im "Zauberberg". (Und schon diese Szene von Thomas Mann spielte mit der Erinnerung an die Romantik des frühen 19. Jahrhunderts.)

Edward St Aubyns Englisch ist von unglaublicher Schönheit und Prägnanz. Jedes Wort sitzt. Er wechselt Tonlagen wie andere das Hemd. Er ist so komisch-satirisch wie Evelyn Waugh. Er ist psychologisch so einfühlsam wie, sagen wir, Virginia Woolf. Ein solches Buch zu übersetzen ist sehr schwierig. Es beginnt mit den Sprachspielen. Peter Walker, ein seinen Depressionen und dem Alkohol übergebener Komiker, ist Dunbars Nachbar im Irrenhaus. Mit sich selbst kommt er nicht zurecht, seinen TV-Ruhm verdankt er dem Umstand, dass er keine Identität hat, sondern mit vielen Stimmen zu sprechen versteht, mal als John Wayne, mal als Hotel-Rezeptionistin.

Leseprobe

Einen Auszug aus dem Roman stellt der Verlag auf seiner Internetseite zur Verfügung.

Über den Ratgeber Dunbars (auch für diese Figur gibt es in "König Lear" eine Entsprechung) sagt dieser gestrandete Komiker: "He sounds like a sound fellow, he sounds like a man with his meds screwed on, I mean his heads screwed on." "Meds" sind Medikamente, "heads" sind die Köpfe von Dunbars Ratgeber, wobei der depressive, sich in die Nachahmung Anderer rettende Peter Walker sich gar nicht vorstellen mag, jemand könne bloß einen einzigen Kopf haben. Hier wie an anderen Stellen hat der Übersetzer die Fahne gestrichen: "Oh, der gefällt mir (...) klingt nach einem ernstzunehmenden Menschen, nach jemandem mit Sinn für die richtige Dosis, Dosis an Härte und Stärke." Da fehlt alles: das deutsche Wortspiel mit Verweis auf Medikamente ist medioker, und die richtigen Wörter fehlen auch. "A sound fellow" ist viel mehr und zugleich viel weniger als "ein ernstzunehmender Mensch".

Wie seine Figur, der Komiker Peter Walker, kann der Autor blitzschnell den Ton ändern

Das ist die Kunst von Edward St Aubyn: Er schreibt glasklar. Und wie sein Komödiant Peter Walker, der blitzschnell einen anderen Ton aufsetzen kann, wechselt er zwischen Umgangssprache, affektierter Hochsprache, romantischer Beschreibung, schierem Sarkasmus. Das macht sein Buch brillant. Nikolaus Hansen, der es ins Deutsche übersetzt hat, ist nicht zu beneiden. Die deutsche Version ist am Ende irgendwie gelungen, Hansen sind viele originelle, hübsche Vokabeln eingefallen. Freilich, wer Englisch lesen kann, sollte sich das englische Original besorgen.

Henry Dunbar und seine dritte, liebe Tochter Florence (Florence Nightingale lässt grüßen) feiern schließlich das Wiedersehen. Bis dahin finden einige ekelhafte geschäftliche Transaktionen statt und mindestens ein Mord. Und der gebannte Leser merkt, dass Edward St Aubyn, auch wenn er auf den Modus einer Kriminalgeschichte einschwenkt, er selbst bleibt, so komisch, so klug, so gebildet, so einfühlsam, so grandios schreibt, dass die Leser alles mit Freude miterleben. Wir warten auf das nächste Buch.