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Englische Literatur:Ein schmerzhafter Medusenbiss

Eine ungreifbare Krankheit als Waffe: Die britische Autorin Deborah Levy seziert in ihrem neuen Roman "Heiße Milch" eine Mutter-Tochter-Verstrickung.

Von Ulrich Rüdenauer

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Keine Angst vor Löwenköpfen: Die britische Autorin Deborah Levy, geboren 1959 in Südafrika.

(Foto: B. Cannarsa/Opale/laif)

Schon auf der ersten Seite wird dem Leser das ganze Ausmaß einer Ich-Auflösung drastisch vor Augen geführt. Ein Notebook liegt auf dem Boden, das Display zersprungen. Dieser Laptop enthält, so sind die Zeiten, das gesamte Leben. Wo früher splitternde Spiegel die Gebrochenheit literarischer Helden ins Bild setzten, werden nun Flüssigkristallbildschirme zu tausendfach verästelten Rätselbildern. Identität - ein einziges Trümmerfeld.

Die Besitzerin des noch funktionstüchtigen, aber von Rissen gezeichneten Notebooks heißt Sofia. Ihre Doktorarbeit in Anthropologie hat die Mittzwanzigerin mehr oder minder abgebrochen; sie jobbt in einem Café in London, aber die eigentliche Lebensaufgabe wächst ihr durch Mutter Rose zu, die einst von ihrem griechischen Mann verlassen wurde. Sie ist eine Leidende vor dem Herrn, die Beine versagen ihr seit Jahren den Dienst, obwohl die halbe Fachärzteschaft des Königreichs kein körperliches Gebrechen zu diagnostizieren vermag. Sie schluckt täglich eine ganze Batterie Tabletten und klammert sich an ihre undefinierbare Krankheit wie an einen Strohhalm, der sie vorm endgültigen Untergang bewahrt. Rose scheint in ihrem durch ihr Symptom ein geeignetes Instrument gefunden zu haben, die Tochter an sich zu binden. Und Sofia ist es umgekehrt nicht gegeben, sich von der mütterlichen Inbesitznahme zu lösen. Ein klassischer Fall von Co-Abhängigkeit.

Deborah Levy: Heiße Milch. Roman. Aus dem Englischen von Barbara Schaden. Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln 2018. 288 Seiten, 20 Euro. E-Book 16,99 Euro.

Die britische Autorin Deborah Levy hat ein Faible für solche psychologisch verwickelten Beziehungs- und Emanzipationsdilemmata. Ihre Heldinnen sind nicht selten konfrontiert mit Fragen, von denen sie ahnen, dass Antworten größtes Unbehagen auslösen könnten. Die 1959 in Südafrika geborene, seit den späten Sechzigern in England lebende Levy schickt ihre Figuren deshalb gerne auf Reisen, reißt sie aus ihren gewohnten Zusammenhängen, aus ihrer "Komfortzone", wie sie sagt. In der Fremde kann man sich eben besser auf die Schliche kommen. In dem Roman "Heim schwimmen" aus dem Jahr 2013 versetzte sie ihre englischen Protagonisten in ein Landhaus in Südfrankreich; die Erzählungen von "Black Vodka" (2014) fügen sich zu einer Art Roadmovie zusammen, in dem die Figuren oft halt- und rastlos wirken. Und der Essay "Was ich nicht wissen will" (2015) beginnt mit einer Frau in London, die ihr Ziel aus den Augen verloren hat und nach Mallorca fliegt, um sich über Existenzielles Klarheit zu verschaffen.

Auch in ihrem neuesten, 2016 im Original erschienenen Roman "Heiße Milch" ist das nicht anders: Das Mutter-Tochter-Pärchen Rose und Sofia unternimmt eine Art "Wallfahrt" von London nach Andalusien, in eine Spezialklinik - die beiden sehen darin die letzte Chance auf Heilung. Dr. Gómez heißt der vermeintliche Wunderarzt, in den die schwindenden Hoffnungen gesetzt werden. Hier, fern von zu Hause, beginnt die Geschichte. Und hier vollzieht sich auch eine Wandlung. Denn das brüchige Ich Sofias setzt sich auf gewisse Weise unter der Sonne Spaniens neu zusammen; erotische Begegnungen am Strand erwecken in ihr zunehmend renitente Gefühle, während die Mutter mindestens ebenso renitent den weihevollen, wenngleich medizinisch eher bescheidenen Ausführungen von Dr. Goméz folgt.

Die Stimmung des Romans ist flirrend wie in einem Film von François Ozon, die sonnenbeschienene Kulisse wie bei Pedro Almodóvar, und man befürchtet immerzu, dass sich irgendwo ein Buñuelscher Abgrund auftut. Das Licht ist grell. Ein angeketteter Schäferhund bellt unaufhörlich, und Sofia wünscht sich sehnlichst, ihn aus seiner Gefangenschaft zu befreien, wie sie es für sich selbst nur zaghaft vermag. Die Szenerie ist künstlich und von natürlicher Anmut zugleich. Die Zeit steht still, überall lauern Symbole.

Gern verwandeln sich in diesem Roman die Figuren in mythische Wesen

Die Marmorkuppel der Gómez-Klinik - - ein "mütterlicher Leuchtturm" - ähnelt des Nachts einer geisterhaften weiblichen Brust. Sofia wird beim Schwimmen im Meer von Quallen gepeinigt, wie ein Kainsmal trägt sie den "Medusenbiss" an der Schulter. Die Zufallsbekanntschaft Ingrid, die Sofias Liebhaberin wird, hat etwas Amazonenhaftes, "aufrecht und hochgewachsen wie eine Soldatin" steht sie plötzlich neben der Erzählerin im Café.

Leseprobe

Eine Leseprobe stellt der Verlag auf seiner Webseite zur Verfügung.

Überhaupt verwandeln sich hier Menschen gerne in mythische Wesen. Doch trotz der aufgeladenen Atmosphäre bleibt die Sprache Deborah Levys ganz einfach und wirkt dadurch umso suggestiver. Sie verbirgt mehr, als sie offenlegt. "Alles Zugedeckte", heißt es einmal, sei interessant.

So sollten wir uns auch nicht täuschen lassen: Levys lesenswerter Roman handelt nur vordergründig von Krankheit und Tod. Am puren Dasein, und wie es sich trotz aller Widrigkeiten gestalten ließe, entzündet sich das eigentliche Leiden der Figuren. Ihre Mutter, erkennt Dr. Goméz, sei Sofias Schutzschild gegen die Notwendigkeit, ein eigenes Leben zu führen. Umgekehrt freilich gilt das genauso. Und am Ende täuschen allzu offenkundige Symptome über das eigentliche Drama doch immer hinweg. Auch das lässt sich aus diesem klugen Roman lernen.

© SZ vom 13.03.2018

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