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Englische Literatur:Der Atem des Vergessens

In seinem Roman "Der begrabene Riese" begibt sich Kazuo Ishiguro in die mittelalterliche Welt keltischer Ritter, Prinzessinnen und Drachen. Zurück kommt er mit einem eigenständigen Stück Literatur.

Das Land, in dem wir zu Hause sind und das wir so gut zu kennen meinen, hat nicht immer so ausgesehen wie heute. "Nach den kurvenreichen Sträßchen und beschaulichen Wiesen, für die England später berühmt wurde", so lautet der erste Satz dieses Buchs, "hättet ihr lange gesucht. Gefunden hättet ihr stattdessen endlose Weiten, ödes unbestelltes Land, hier und dort einen Saumpfad über felsiges Bergland, durch karges Moor." Aus dem Heimeligen springt unversehens das Unheimliche hervor; und ehe er noch weiß, was jetzt gleich anheben wird, fühlt sich der Leser in dieser Vorzeit schon gefangen. Das Holde und das Schreckliche fließen wie einst in der Kindheit untrennbar zusammen.

So ist das immer in den Büchern von Kazuo Ishiguro, der 1954 in Nagasaki geboren wurde und im Alter von fünf Jahren mit seiner Familie von Japan nach England kam: Als ob etwas Grauenhaftes, das über Hilflose herfiel, sich im Blick des Erzählers zu einer gedämpften Trauer ermäßigt und nur manchmal in die Tiefe aufreißt wie der Nachthimmel hinter den Wolken. So war es in seinem fünften Roman, "Als wir Waisen waren", worin ein nunmehr erwachsener Brite in China während des Kriegs mit Japan nach seinen lang verschollenen Eltern sucht, und mehr im noch im sechsten, "Alles, was wir geben mussten" - da erweist sich ein typisch englisches Internat als Anstalt, in dem die Jugendlichen, wie sie nur allmählich begreifen, Klone sind, gezüchtet einzig als Organbanken.

Excalibur Mordred

Der Film, hier John Boormans "Excalibur", hat die Ritter fest im Griff: Kazuo Ishiguro holt sie auf ganz eigene Weise in den Roman.

(Foto: Orion Pictures)

Nun also liegt der siebte Roman des inzwischen sechzigjährigen Ishiguro vor, der einhellig zu den bedeutendsten lebenden Autoren englischer Sprache gezählt wird: "Der begrabene Riese". Trotz seiner märchenhaften Züge lässt er sich mit einiger Gewissheit in der Zeit des keltisch-sächsischen Konflikts verorten, ein zwischen den Epochen schwebendes 5. oder 6. Jahrhundert. Lang schon sind die Römer aus England abgezogen und mit ihnen aller Sinn für historischen Zusammenhang; ihre noch erkennbaren Straßen und eingestürzten Landhäuser fallen heim an die Sage. König Artus ist bereits tot, aber lebt fort in der Erinnerung - das heißt, soweit sich überhaupt noch jemand erinnern kann. Denn eben damit, dass sich offenbar niemand mehr die schlichtesten, nächsten Fakten ins Gedächtnis zu rufen vermag, nimmt das Buch seinen Anfang.

Zwei Menschen allerdings gibt es, Axl und Beatrice, ein älteres Paar in einem britischen, das heißt keltischen Dorf, die sich mit einiger Bestürzung immerhin erinnern, wie viel sie vergessen haben. Ihnen fällt die Rolle eines Sokrates der Geschichte zu: Sie wissen, dass sie nichts mehr wissen, und machen sich in dieser dunklen Welt dadurch alles andere als beliebt. Nicht einmal eine Kerze will ihnen die Missgunst ihrer dumpfen Nachbarn lassen; der Pfarrer entreißt sie ihnen mit eigenen Händen, denn diese Briten sind, im Gegensatz zu ihren sächsischen Widersachern, zum Christentum bekehrt (nicht als ob davon viel Licht ausginge). Da fasst das Paar einen in seiner Vagheit verzweifelten Plan: Sie wollen ihren Sohn suchen gehen, den es doch wohl einmal gegeben hat und der bloß ein paar Dörfer weiter wohnen kann - wobei auch diese scheinbar kurze Strecke in dünn bevölkerter, kleingekammerten Gegend schon ihre abenteuerlichen Gefahren bereithält.

Kazuo Ishiguro: Der begrabene Riese. Roman. Aus dem Englischen von Barbara Schaden. Blessing Verlag, München 2015. 416 Seiten, 22,99 Euro. E-Book 18,99 Euro.

Kaum noch jemand kann sich in England zu Beginn des Romans an König Artus erinnern

Mit einigem Erstaunen stellt der Leser fest, dass sich Ishiguro, dieser bedächtig und in großen Abständen publizierende Autor, damit den Formgesetzen des möglicherweise fruchtbarsten aller gegenwärtigen Groß-Genres unterworfen hat: des frühmittelalterlichen Quest. Er tritt mit ihm in Wettstreit wie ein einzelner Recke, der das hohe Ross der Literatur reitet, gegen eine ganze Armee von Kämpfern zu Fuß - und auch die sind inzwischen literarisch ziemlich gut trainiert, wie man feststellen kann, wenn man etwa "Das Lied des Blutes" liest.

Und doch hat Ishiguro etwas, das sein Buch hervorhebt und ihm Einzigartigkeit verleiht. Es liegt nicht im Plot, nicht im Personal, noch nicht einmal unzweideutig in der Sprache, der erzählenden wie dem Dialog - in den Bereichen also, die einem einzufallen pflegen, wenn man die literarischen Verdienste eines Romans abwägt. Es hat zu tun mit einer Qualität des Emotionalen, die stark zu spüren und schwer zu greifen ist. Auf allen Akteuren, sie mögen noch so verschieden sein, lastet ein Schmerz, den sie nicht eingestehen, ja nicht einmal benennen können. Unter seiner Bürde betragen sie sich dennoch mit Großmut, Anstand und Respekt, auch wo sie einander als Feinde verdächtigen - und das müssen sie ständig, denn undurchsichtig ist der Auftrag eines jeden. Auch Gegner reden einander immer als "Herr" an, und der Mann seine nicht mehr junge Ehefrau als "Prinzessin", ganz ohne Ironie. Die Welt ist voller Gewalt; aber ein tumbes Gemetzel an Kreaturen, die ja doch bloß Orks sind, wäre hier niemals denkbar.

Leseprobe

Einen Auszug des Romans stellt der Verlag hier zur Verfügung.

Ja, selbst die Tiere haben Teil an dieser Haltung, das treue Schlachtross Horaz ebenso wie die Monster, die in die halb wache Menschenwelt hereinreichen wie ein schwerer Traum. "Was vor ihnen stand, sah aus wie ein großes gehäutetes Tier: Eine halb durchsichtige Membran, ähnlich der Wand eines Schafsmagens, spannte sich straff über Sehnen und Gelenke. Im Wechselspiel aus Mondlicht und Schatten schien er ungefähr die Größe und Gestalt eines Stiers zu haben, sein Kopf aber war eindeutig wolfsähnlich und von dunklerer Färbung als der Rest - aber auch hier hatte man eher den Eindruck, dass die Schwärzung durch Feuer zustande gekommen war, als dass das Fell oder Fleisch von Natur aus dunkler gewesen wäre. Der Kiefer war wuchtig, die Augen reptilienähnlich."

Aufrecht stehen sie, obwohl alles sie zu Boden drückt und viele von ihnen sterben. Das gibt ihnen ihre spezifische Würde, dem Ungeheuer eine ungeheuerliche, der Frau eine weibliche, dem Krieger die kriegerische und dem Ritter die ritterliche (denn zwischen diesen beiden Typen, Ritter und Krieger, wird sorgsam unterschieden). Den Ritter Gawain, der als letzter Überhälter der versprengten Tafelrunde seit vielen Jahren umherirrt, um die Drachin Querig zu erlegen, hält man mit seinem langen dürren Leib und seiner verrosteten Rüstung erst für eine komische Figur; dann erkennt man das Hochherzige in ihm, als wäre er ein Bruder des Don Quijote; und spät erst erschließt sich in der scheinbaren Narretei, über den Ritter aus der Mancha hinauswachsend, eine Weisheit, die nichts dabei findet, sich zu demütigen. Für sein menschenfreundliches Werk zieht er in den letzten Kampf, den er nicht gewinnen kann.

Um die Drachin Querig geht es zuletzt; ihr allgegenwärtiger Nebelatem ist es gewesen, der Vergessen über die Menschen gebracht hat. Er schien der Fluch, den abzuschütteln die Kräfte des Guten zusammenwirken müssen. Aber ist es nicht manchmal ein Segen, wenn die Menschen vergessen? Man kann diesen Roman auf vielerlei Weise lesen: als Quest im klassischen Sinn, der sich als ein Buch voll Spannung und erfundenem Altertum vor den Kollegen im Genre keineswegs verstecken muss; als ein Werk der Literatur im engen Sinn; oder auch als eine geschichtsphilosophische Allegorie. Ganz mit ihr hat es jedenfalls der titelgebende begrabene Riese zu tun.

Muss man erwähnen, dass die beiden, Axl und Beatrice, von ihrem Sohn zuletzt nur ein Grabmal finden? Wenn der Nebel des Vergessens zerrinnt, kommt nicht nur Erfreuliches zum Vorschein. Wird ihre langjährige Liebe solch jähe Erinnerung überstehen? Darauf gibt Ishiguro, der nicht an Lösungen glaubt, wie üblich keine eindeutige Antwort.