Endlich wieder Oper I:In der Oase des Wahns

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Holger Falk singt nicht nur, er gurrt, fistelt, schnulzt. (Foto: Wilfried Hösl)

Der Abend zur Stunde: Holger Falk singt in München Peter Maxwell Davies' "Eight Songs for a Mad King".

Von Reinhard J. Brembeck

Hygiene muss sein. Also pumpt Holger Falk jede Menge Desinfektionsmittel auf sein weißes Handtuch, spuckt dann - sicher ist sicher - drauf und poliert die Tasten des Cembalos, bevor er drauf einhämmert. Wer weiß, was da für Viren und Bakterien vom Vorgänger hinterlassen wurden. Holger Falk ist kein Cembalist, sondern Sänger, Stimmlage Bariton. Das Dazwischenliegende dieses Fachs, dieses nie klar abgegrenzte Königreich zwischen Tenor und Bass, ist Falks Markenzeichen.

Falk singt durchaus auch das Standardrepertoire, Papageno, Monteverdi-Orfeo, Eisenstein, Rossini-Figaro, Pelléas und Wozzeck. Er singt auch moderne Klassiker wie Henzes Homburg-Prinz, Trojans Enrico, Bernd A. Zimmermanns Stolzius und macht Uraufführungen. Aber, das ergänzt das Portrait dieses Ausnahmesängers zum Ungewöhnlichen hin, er hat auch ein Faible für hemmungslos die Stimme in Achterbahnbewegungen ausbeutende Experimentalstücke, die von legendären Extremsängern wie Spyros Sakkas oder Roy Hart kreiert wurden.

Für letzteren hat Peter Maxwell Davies vor 50 Jahren seine nur dreißigminütigen, aber epochalen "Eight Songs for a Mad King" komponiert, der neben Singen alles von einem Sänger fordert, was ein Sänger üblicherweise nicht macht: Gurren, eine Violine zertrümmern, Fisteln, in die Hose pinkeln, händelsch frohlocken, Pop schnulzen. Diese Wahnsinnslieder sind ein Paradestück Falks, das er jetzt - Corona macht manchmal Wunder möglich - nach dreimonatiger Zwangspause auch im Münchner Nationaltheater exekutieren darf.

Die 50 maskierten Gestalten auf der Bühne, die zu ihren Sitzplätzen wie Strafgefangene zur Hinrichtung eskortiert wurden, bilden das Publikum, das auf die Königsloge schaut, von wo aus einst ein anderer wirrer König seine Wagner-Privat-Sessions verfolgte. Davies hat sich aber nicht den König Ludwig, sondern den dritten George der Engländer als Vorbild genommen. Je länger Holger Falk den Irrsinn lockend und drohend auf seine Zuhörer, die er als seine unmündigen Untertanen verachtet, einsingt, umso unabweislicher wird der Verdacht, dass alle Mächtigen irrsinnig sind, die meisten es aber besser verbergen können als der Britten-George und der Bayern-Ludwig.

Alles zerbricht in diesen Liedern: die Zuversicht, die Liebe, die Gutmütigkeit, die Natur, die Freuden. Regisseur Andreas Weirich und die sechs Opernmusikersolisten unter Olivier Tardy treiben Holger Falk mit Understatement immer tiefer in seine Wahntongebilde. Das Stück ist der passende Kommentar zur Seuche, zu den die Kunst schlimm gängelnden Zwangsmaßnahmen der bayerischen Regierung, zu der wachsenden Verzweiflung angesichts einer Weltlage, die täglich undurchsichtiger und unkalkulierbarer wird.

Falk und sein Hofstaat führen verlockend vor, dass die Flucht aus der Welt ins Gefängnis des eigenen Egos durchaus eine Möglichkeit sein kann, einer tollwütig gewordenen Welt zu entgehen. Schon allein deshalb sollte die Staatsoper diesen Abend ins Repertoire aufnehmen, ihn weiterentwickeln, ergänzen. Er ist ein singuläres Glanzstück.

© SZ vom 15.06.2020 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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