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Ende der Documenta 13:Und dazu Urmusik aus der Geierhöhle

Literatur, Theater, Zoologie: Die Vielfalt der Disziplinen, die bei der 13. Documenta einbezogen wurden, scheint grenzenlos - fast alles war in Kassel ausstellungswürdig. Entwickelt sich die Schau so weiter, könnte sie sich zu einer Expo für Kunst-Schwellenländer degradieren.

Gottfried Knapp

Wenn man die Documenta 13 mit ihren Vorgängerausstellungen vergleicht, kommt man zu dem Schluss, dass die allmähliche Emanzipation der Welt-Kunstschau von den klassischen Idealen der bildenden Künste in diesem Jahr ihren Höhepunkt erreicht hat. Die Vielfalt der geistigen Disziplinen und gesellschaftlichen Erscheinungen, die derzeit in Kassel einer quasi musealen Präsentation unterzogen worden sind, dürfte nur noch schwer zu überbieten sein: Die Schwesterkünste Musik und Literatur, aber auch die benachbarten Medien Theater, Film und deren zeitgenössische Nachfahren mischen sich mächtig ein.

Hermetisch verschlossene Wissenschaften werden herbeizitiert. Und wie beiläufig begegnet man Phänomenen der Botanik, der Zoologie, der Physik, der Chemie. Auch Medizin, Psychologie, Astronomie, Archäologie, Architektur und Mode tauchen in den Arbeiten motivisch auf. Ja wer sich während der 100 Tage auch nur einen andeutenden Überblick über die Orte der Ausstellung und über die zahllosen begleitenden Aktivitäten verschafft hat, der muss den Eindruck bekommen, dass hier nahezu alles, was den Verstand, die Sinne oder die Emotionen anzusprechen vermag, alles, was Neugier oder Leidenschaft erregen kann, hier als ausstellungswürdig empfunden worden ist. Und entsprechend unbelastet von traditionellen Kunst-Vorstellungen und unbehelligt von lähmenden Ansprüchen kann das in Massen strömende Publikum auf die Exponate reagieren.

Die ursprünglichen Gattungen der bildenden Künste - Malerei, Bildhauerei, Graphik - waren schon bei den letzten Documenta-Ausstellungen auf Rudimente reduziert. Für diese Ausgabe, die noch bis zum 16. September läuft, hat die Leiterin nur Malern und Bildhauern Einlass gewährt, die in beträchtlicher räumlicher oder zeitlicher Entfernung vom aktuellen mitteleuropäischen Kunstgeschehen arbeiten, sei es weil sie in einem fernen Winkel der Erde zuhause sind, sei es weil sie ein gewisses Alter erreicht haben oder gar gestorben sind.

Doch solche Einschränkungen müssen, wie die Resonanz des Publikums zeigt, nicht zum Schaden der Besucher sein. Dass die bewegenden autobiografischen Bild- und Text-Reflexionen der in Berlin geborenen Jüdin Charlotte Salomon aus den ersten Jahren der Hitler-Diktatur - Charlotte wurde 1943 im Alter von 26 Jahren in Auschwitz ermordet - nun im Fridericianum mit den vergleichbar spontan hinskizzierten Weltbeobachtungen und Bildassoziationen der 1946 geborenen Ägypterin Anna Boghiguian vereint sind, lässt die vielen jüngeren Arbeiten weiblicher Künstler in der Ausstellung, die vergleichbar dezidiert der eigenen Existenz gewidmet sind, in einem strengeren, historisch erhellten Licht erscheinen.

Worte-spuckende Automotoren, satirische Filmschleifchen

Und dass der heute 75-jährige Thomas Bayrle, der mit seinen suggestiven Vervielfältigungen graphischer Elemente schon auf die dritte und die sechste Documenta eingeladen war, nun auf der d 13 den größten Saal der Documenta-Halle zugeteilt bekommen hat, beschert dem Publikum eines der ergiebigsten Fotomotive der Schau: die acht mal dreizehn Meter ausladende Ansicht eines dynamisch kurvenden Flugzeugs; sie ist in sich aus abertausend handtellergroßen Miniausgaben der gleichen Flugzeug-Ansicht zusammengesetzt, die ihrerseits wiederum aus millimeterkleinen Flugzeugbildchen zusammencollagiert sind. Aber auch mit den sieben worte-spuckenden Automobilmotoren in der Halle, mit den anarchisch-satirischen Filmschleifen und den wirbelnden frühen Graphiktrickfilmen gibt Bayrle den Kunstwanderern aus der zeitlichen Entfernung von einigen Jahrzehnten einen Maßstab mit auf den Weg, der nur an wenigen Stellen eingelöst wird.

Auf dem Gebiet des plastischen Gestaltens muss der Argentinier Adrián Villar Rojas den Beweis, dass Skulpturen heutigen Besuchern noch etwas zu sagen haben, fast allein erbringen. Bei dieser herkulischen Arbeit leistet er Beachtliches. Was er auf den ruinös verwilderten alten Weinbergterrassen an hyperrealistisch durchgekneteten Mensch-Tierfiguren, an abstrakt geometrischen oder organisch wuchernden Gebilden zusammenkomponiert hat, kann man als ironisch getönte Anthologie all dessen erleben, was im 20. Jahrhundert zwischen Rodin, Serra und Gormley in den Raum gewuchtet, also auch in Kassel irgendwann gezeigt worden ist.

Einzigartiges Kunstvermischungskonzept

Dem Konzept der Ausstellungsmacher, bei der Auswahl der Künstler in ferngelegene Regionen auszuweichen und gleichzeitig möglichst viele unterschiedliche Wissensgebiete einzugemeinden, entspricht im Kleinräumlichen die Einbeziehung der Kasseler Museen und ihrer Exponate ins Programm der Schau. Immer schon musste die Documenta in bestehenden Museumsgebäuden gastieren, doch erst in diesem Jahr haben sich die Veranstalter um eine Symbiose zwischen dem, was sie in den Museen postieren wollten, und dem, was schon dort ist und für sich spricht, bemüht.

So hätte im Ottoneum, das ein Naturkundemuseum beherbergt und sieben Künstlern ein thematisch korrespondierendes Ambiente bietet, wohl ein gutes Fünftel aller diesjährigen Documenta-Beiträge die passende Nachbarschaft gefunden. Im wunderbaren Brüder-Grimm-Museum hat sich der bulgarische Konzeptkünstler Nedko Solakov zu einer bildnerisch-medialen Totalaufarbeitung eigener Ritterträume und zeitgenössischer Märchenvorstellungen anregen lassen.

In der mustergültig restaurierten Neuen Galerie aber führt der von Beuys 1976 mit Objekten der scheinbar widersprüchlichsten Art eingerichtete zentrale Saal höchst eindrucksvoll vor, wo das Installationswesen, das heute alle großen Kunstschauen der Welt dominiert, seine Anfänge hatte. Und dass man beim Auf und Ab im Südflügel des Kulturbahnhofs ohne Vorwarnung in das seit längerem dort eingerichtete Museum des Komponisten Louis Spohr stolpert, passt bestens ins Kunstvermischungskonzept der Documenta 13.

Im Astronomisch-Physikalischen Kabinett der Orangerie, diesem hoch spezialisierten Museum der Wissenschaftsgeschichte, kann die Documenta eine schöne Pointe setzen: Das von Konrad Zuse entwickelte "mechanische Gehirn", also die Urmaschine, aus der später der Computer entwickelt wurde, ist dort mit den avantgardistisch frechen Architekturaquarellen konfrontiert, die der junge Bauingenieur Zuse in den Zwanzigern gemalt hat, bevor er seine "Erfinderwerkstatt" einrichtete.

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