Encyclopædia Britannica stellt Druck ein Unverkäufliches Wissen

Schluss nach 244 Jahren: Die Encyclopædia Britannica erscheint nicht mehr im Print. Zuletzt waren nur noch 8000 Exemplare der Ausgabe 2010 des renommierten Nachschlagewerks verkauft worden. Doch nicht nur Wikipedia-Mitgründer Larry Sanger wettert gegen den "Anti-Intellektualismus" der Netzkultur.

Von Andrian Kreye

Nach 244 Jahren im Geschäft wird der Lexika-Verlag Encyclopædia Britannica Incorporated in Chicago die Druckausgabe seiner klassischen amerikanischen Enzyklopädie einstellen. Die letzte Ausgabe erschien 2010. Betrachtet man die Zahlen, versteht man auch, warum der Druck nicht fortgesetzt wird. 1990 war mit mehr als 120 000 verkauften Enzyklopädien das erfolgreichste Jahr in der Geschichte des Verlags. Das war fünf Jahre bevor das World Wide Web ans Netz ging. Von der letzten Ausgabe verkauften sich bisher 8000 Stück. 4000 unverkaufte Sätze werden derzeit eingelagert.

In den Vorortsiedlungen der Nachkriegsjahre waren die Buchreihen mit den goldgeprägten Rücken noch sichtbares Zeichen für die Investition in bürgerliche Bildung. Heute werden solche Lederfronten im Regal eher als Relikt digitaler Analphabeten gedeutet.

(Foto: AP)

Es wäre nun ein Leichtes, dem Online-Lexikon Wikipedia die Schuld zuzuschieben. Immerhin hat das digitale Nachschlagewerk das Prinzip des Lexikons auf den Kopf gestellt. Wikipedia hat das Fachwissen der Experten mit der Weisheit der Vielen ersetzt. In der letzten Encyclopædia Britannica erarbeiteten 4000 Wissenschaftler und Spezialisten 32 Bände. Wikipedia gibt an, dass 100 000 freiwillige Autoren regelmäßig mitarbeiten, die 21 Millionen Einträge in 238 Sprachen erstellt haben. Die Encyclopædia Britannica kostet 1395 Dollar. Wikipedia ist gratis.

Die Fehlerquoten wiederum sollen bei beiden ähnlich sein. Die Zeitschrift Nature startete 2005 eine Untersuchung, nach der die durchschnittliche Fehlerzahl pro Eintrag bei Wikipedia bei vier, bei der Encyclopædia Britannica bei drei lag. Weil die vielzitierte Studie aber nur 42 konkurrierende Einträge verglich, galt sie als mangelhaft. Andererseits hat Wikipedia in den letzten Jahren seine Qualitätskontrolle enorm verbessert.

Doch es ist sowieso nicht nur Wikipedia, die dem Standardwerk des Allgemeinwissens zu schaffen macht. Es ist zum einen die ständige Verfügbarkeit von Wissen über Smartphones. Dazu kommt die wachsende Zahl von Enzyklopädien für wissenschaftliche Fachgebiete. Die werden von Institutionen wie Büchereien und Universitäten eher angeschafft als ein mehrbändiges Universallexikon, weil es solches Fachwissen im Netz nur lückenhaft gibt.

Debatte über die Zukunft der Bildung

Außerdem gilt eine Enzyklopädie nicht mehr als Statussymbol. In den Vorortsiedlungen der Nachkriegsjahre waren die Buchreihen mit den goldgeprägten Rücken noch sichtbares Zeichen für die Investition in bürgerliche Bildung. Heute werden solche Lederfronten im Regal eher als Relikt digitaler Analphabeten gedeutet.

Über die Zukunft des amerikanischen Lexika-Verlages muss man sich übrigens keine Sorgen machen. Die Encyclopædia Britannica machte nur weniger als ein Prozent des Gesamtprofits aus. Etwa 85 Prozent verdient die Firma mit Publikationen für den Schul- und Hochschulbetrieb, 15 Prozent mit den mehr als 500 000 Online-Abos für die Datenbanken der Enzyklopädie.

Für die Debatte über die Zukunft der Bildung ist die Einstellung der Printausgabe jedoch bedeutend. Ausgerechnet der Wikipedia-Mitgründer Larry Sanger wetterte vergangenes Jahr in einem Essay über den "Anti-Intellektualismus" der Netzkultur. Wissen sei kein Rohstoff, den man demokratisieren könne. Der Verlust des Respekts vor Bildung und Klugheit sei ein Armutszeugnis.

In Deutschland kündigte Brockhaus übrigens schon 2008 an, die Druckausgabe einzustellen. 2009 übernahm eine Tochterfirma von Bertelsmann die Enzyklopädie. Derzeit wird an einer gedruckten Neuauflage gearbeitet, die 2014 oder 2015 erscheinen soll.