Autofiktionen erzeugen in der Regel eine besondere Vorsicht beim kritischen Lesen. Man möchte partout kein Leben rezensieren. Es steht einem moralisch nicht zu. Dieses berufsspezifische Mantra begleitet die Lektüre der meisten Romane von Emmanuel Carrère. Sein neues Buch "Yoga" stellt das Problem in verschärfter Form, weil es sich entlang persönlicher moralischer und existentieller Entscheidungen vorwärtsbewegt. Wie soll ich leben? Bin ich aufrichtig? Auch die Darstellung selbst steht unter moralischem Vorbehalt: Ist sie echt? Ist sie ehrlich? Liegt ihr eine tiefe Selbstanalyse zugrunde? Lesend wird man hineingerissen in den Sog solcher Fragen, die das Schöne und das ethisch Allgemeine ins Individuelle ziehen und einer reflexiven Dauerbearbeitung aussetzen.
Emmanuel Carrères Roman "Yoga"Erlösung vom Ich-Zwang
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Emmanuel Carrère wurde mit Romanen berühmt, die Weltgeschichte als Nabelschau erzählten. In seinem neuen Roman "Yoga" treibt er das Verfahren auf die Spitze.
Von Hubert Winkels
