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Netflix-Serie "Emily in Paris":Mais non, Emily

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Die Netflix-Serie "Emily in Paris" folgt einer jungen Amerikanerin aus Chicago (Lily Collins) an die Seine.

(Foto: Carole Bethuel/Netflix)

Die Pariser sind wild auf eine Serie, in der eine Instagram-Amerikanerin durch ihre Stadt stöckelt. Warum? Um zu meckern. Und um die barbarischen Touristenhorden mit ihrem schönen Geld zu vermissen.

Von Nadia Pantel, Paris

Man muss zur Verteidigung der Pariser sagen, dass es seit zwei Wochen durchregnet und alle Bars geschlossen sind. "Emily in Paris" ist möglicherweise auch deshalb die meistgesehene Netflix-Show des Landes und das dominierende Twitterthema, weil man eben irgendetwas tun muss, wenn man auf dem Sofa bleibt. Nun schauen die Menschen in Frankreich also Emily und wüten im Internet. ("Unrealistisch!", "Welche Frau kann auf solchen Schuhen laufen?") Wer größere Medien zur Verfügung hat, wütet auch dort. "Nichts weiter als "eine effektive Metapher für amerikanischen Imperialismus" schreibt der Guardian. "Ich hasse diese Show", stellt die Paris-Korrespondentin des New Yorker  fest.

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"Emily in Paris" erzählt die Geschichte der Titelheldin Emily, die von Chicago nach Paris zieht, teure und absonderliche Kleidung trägt und dort auf Einheimische trifft, die ebenfalls teure, aber weniger absonderliche Kleidung tragen. Es geht ein bisschen um Sex und Jogging, beides ist irgendwie Sport, erotisch wird es jedenfalls nie. Ansonsten eine Themenauswahl wie am Postkartenstand. Croissants, Eiffelturm, Baskenmützen. Das echte Paris, darauf können sich alle einigen, die der Serie in Hass verbunden sind, sieht null und gar nicht so aus wie das Paris dieser nervtötenden Emily. Die US-amerikanische Autorin Lindsley Tramuta lässt sich vom Parisien dabei filmen, wie sie erklärt, dass in Paris Müll auf der Straße herumliegt. Außerdem seien nicht alle Franzosen so weiß, bourgeois und dünn wie diejenigen, die in der Serie gezeigt werden.

Für das eigene Erwartungsmanagement hilft es zu wissen, dass "Emily in Paris" von Darren Star erfunden wurde. Dem Mann, der um die Jahrtausendwende eine quasi-dokumentarische Serie über das Leben vier weißer, snobistischer, dünner Frauen in New York produziert hat, die ganz nah an den Alltag von Millionen Amerikanerinnen herankam, die sich eins zu eins in einer Frau wiedererkannten, die einmal die Woche eine Kolumne schreibt und davon eine Wohnung in Manhattan und haufenweise 1000-Dollar-Schuhe finanziert.

Wenig spricht dafür, "Emily in Paris" als Werk des Realismus zu betrachten

"Sex and the City" hieß diese Sozialstudie. Anders als die Heldin von "Sex and the City" schreibt Emily keine Kolumne, sondern befüllt einen Instagram-Account. Ansonsten ist Darren Star seiner Grundidee treu geblieben, ihn interessiert nur, was schrill, teuer und auf die bravstmögliche Art provokant ist. Wenig spricht dafür, eine Darren-Star-Serie daran messen zu wollen, wie realistisch sie ist.

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Das Bedürfnis, Paris sauber und märchengleich zu zeigen, ist dabei keine amerikanische Erfindung. 2001 ließ Jean-Pierre Jeunet für "Die wunderbare Welt der Amélie" Graffiti und Werbung von den Mauern der Stadt entfernen, damit nichts seine Retro-Fantasie stören konnte. Seit bald zwei Jahrzehnten wird man in deutschen Studentencafés vom begleitenden Akkordeon-Soundtrack verfolgt.

Es ist also weniger diese Weichzeichnerei, die "Emily in Paris" so amerikanisch macht, sondern die wilde Liebe für "anything french". Es ist eine Liebe, die sich nicht dafür interessiert, wie irgendetwas wirklich ist, sondern die um die eigene Euphorie kreist. "Du behandelst Paris, als wäre es dein Freizeitpark", stellt Emilys französische Chefin fest. Das Bemerkenswerte an dieser Serie ist, dass sie zu einem Zeitpunkt erscheint, in dem der Freizeitpark geschlossen hat.

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Paris im Herbst 2020, das ist ein einziges Vermissen. Es ist ein Vermissen all der Dinge, die in "Emily in Paris" noch zum Alltag gehören. Begrüßungsküsse, in Bars versacken, ohne Maske durch Parks spazieren. Und es ist auch ein Vermissen von all denen, die kommen, um Paris zu lieben. "Emily in Paris" erzählt die alte Geschichte, wie ein Kind der amerikanischen Provinz sein Geld über Frankreichs Hauptstadt ausschüttet. She loves Paris! Und sie will alles kaufen, was ihr ein Gefühl von Zugehörigkeit gibt. Das kann man deprimierend unoriginell finden, aber an Amerikas Paris-Projektionen hängen tatsächlich die Jobs Hunderttausender Franzosen.

Auf jedem Pariser Boulevard fehlt Emily heute. 2019 sind in der ersten Jahreshälfte 23,7 Millionen Touristen nach Paris gereist - von Januar bis Juni 2020 waren es 9,4 Millionen. Das Pariser Fremdenverkehrsamt rechnet damit, dass die Umsätze im Tourismussektor bis Jahresende auf 30 Prozent der Vorjahresgröße schrumpfen werden. Besucher aus den USA stellten 2019 die größte Gruppe, in diesem Jahr dürfen sie nicht mehr einreisen.

Das ist eine Chance für den Neuanfang, predigen die Optimisten, die Massen waren ohnehin Gift. Nur ist Paris nicht Berlin, wo Besucher eh als Zumutung gelten. Paris hatte Jahrhunderte Zeit, sich an die Anbetung zu gewöhnen. Wie eine überlegene Liebhaberin, die ihre Verehrer zwar belächelt, aber dennoch von ihrer Hingabe lebt. Die daran glaubt, dass sie schön ist, weil alle es ihr sagen. Und nun sind die Pariser auf einmal mit sich allein. Kein Amerikaner, Chinese, Japaner oder Russe auf Urlaubs-High ist mehr in der Stadt, von dem man sich abgrenzen könnte.

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Oh wie herrlich, ein Bistrot! Emily (Lily Collins) ist begeistert von Paris - aber Paris nicht von ihr.

(Foto: Stephanie Branchu/Netflix)
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"Wenn es eine Sache gibt, die der Louvre sicherlich nicht braucht, dann sind das mehr Freunde aus Amerika" - Emilys französische Chefin Sylvie ist die Einzige in der Serie, die von den Drehbuchautoren mit Pointen bedacht wurde. Nur konnte Sylvie von Corona nichts ahnen. Geht man heute in den Louvre, kann man sich aussuchen, welchem der verwaisten Ticketverkäufer man die Freude macht, mal wieder eine Besucherin zu sehen. Der Weg zur Mona Lisa führt durch einen Parcours aus Absperrband, der die Massen führen soll und in den sich niemand mehr verirrt. Vor dem Gemälde dann zwei Barrieren aus Holz und eine dicke Glasschicht, Sicherheitsmobiliar so allein gelassen wie die Freibadrutsche im Winter. Und Mona Lisa lächelt ins Leere.

Der wichtigste Rat an die Fremde lautet: nicht immer lächeln, das wirkt dumm

"Emily in Paris" basiert auf zwei Behauptungen. Erstens: Amerikaner sind ständig gut gelaunt und überschätzen sich daher ständig selbst. Zweitens: Pariser sind dauerhaft schlecht gelaunt und verachten deshalb die Amerikaner. "Hör' auf, immer zu lächeln, sonst glauben die Leute, du bist dumm", sagt Sylvie, wer sonst, zu Emily. Für eine Zuschauerin, die weder Amerikanerin noch Französin ist, hört sich das nach einer legitimen Zuspitzung der amerikanisch-französischen Beziehung an. Emmanuel Macron würde schließlich für keinen anderen Präsidenten als für Donald Trump einen Techno-Hit in die Parade des 14. Juli schummeln. So geschehen 2017, als das Militärorchester Daft Punk spielte und Trump als Ehrengast auf der Tribüne saß. Der Amerikaner mag's lustig und unsubtil, das haben sie nicht nur im Élysée verstanden.

In der Pandemie bleiben Amerikaner und Franzosen, beziehungsweise Touristen und Pariser, nun voneinander weggesperrt wie Saufkumpane nach einer Prügelei, die mal runterkommen sollen. Wenn "Emily in Paris" für eines gut ist, dann dafür zu zeigen, wie wenig diese Kumpane voneinander loskommen. Eine weitgehend lieblose Serie, für die sich hier niemand interessiert hätte, würde sich nicht jeder allein unter seiner Glasglocke herumwälzen. Ausgehen, reisen, Fremde knutschen - alles ist verboten. Bleiben Twitter und Netflix und das gemeinsame Schimpfen darauf, dass bei "Emily in Paris" nur Klischees verrührt werden.

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Wobei die Franzosen in ihrem Ärger über die Serie (Le Parisien: "als wären wir alle faule Kettenraucher") eines übersehen: Sie sind die wahren Helden der ersten zehn Folgen. Philippine Leroy-Beaulieu als Agenturchefin Sylvie, die das kalte Grausen bekommt, wenn sie das Wort Social-Media-Kampagne nur hört, ist so lässig und präsent, dass es wirkt, als habe sie einfach ihre eigene Show innerhalb der Serie gestartet.

Was wiederum ein guter Grund ist, sich noch mehr mit Leroy-Beaulieu anzuschauen. Zum Beispiel "Call my Agent", eine Serie, zu sehen auf Amazon Prime, in und über Paris, ganz ohne Baskenmützen, dafür mit Isabelle Huppert, Juliette Binoche, Monica Bellucci, Isabelle Adjani. Wäre man eine von Darren-Star erdachte Figur, käme man nicht umhin, "Oh my God!" zu kreischen.

© SZ vom 10.10.2020/ihe
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