Emil Nolde in Berlin Der Wendehals

Emil Noldes Ölgemälde "Verlorenes Paradies" von 1921

(Foto: Nolde Stiftung Seebüll, Foto: Fotowerkstatt Elke Walford, Hamburg, und Dirk Dunkelberg, Berlin)
  • Die Ausstellung "Emil Nolde. Eine deutsche Legende" dekonstruiert den langlebigen Nachkriegsmythos vom Künstler in der inneren Emigration.
  • Die Berliner Schau macht klar, dass man Emil Nolde zukünftig nicht mehr Nazi nennen kann, sondern muss.
Von Till Briegleb

Vielleicht ist es der irrste Gedankengang unter vielen irren, die Emil Nolde während des Dritten Reichs gedacht und in die Tat umgesetzt hat. Nach der Machtergreifung der Nazis in Deutschland, die er und seine Frau Ada begeistert begrüßen, beschließt der fast Siebzigjährige, von den biblischen Motiven, die ihn berühmt gemacht haben, in Zukunft abzusehen. Offensichtlich, weil er keine Juden mehr malen möchte, stellt Nolde mit seinem Eintritt in die Partei 1934 diese zentrale Motivlinie ein und malt stattdessen vermehrt Wikinger, Krieger und mythische Szenen.

Nachdem Nolde bereits 1933 für Hitler einen "Entjudungsplan" entworfen hat, der vorsah, diese in ein eigenes "Reich in einem gesunden, fruchtbaren Erdteil" umzusiedeln, wo sie keinen schädlichen Einfluss mehr auf die nordische Rasse nehmen können, zeigt sich seine absolute Hinwendung zur NS-Ideologie nun in der "Entjudung" seines eigenen künstlerischen Schaffens. Der langlebige Nachkriegsmythos vom Künstler in der inneren Emigration, der trotz "Malverbot" sein Werk unbeirrt und widerständig im Geheimen fortsetzte, ist leider "Eine deutsche Legende", wie die große Schau der Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof Berlin treffend heißt. Noldes Leben im deutschen Faschismus ist vielmehr der zwölfjährige Kampf eines glühenden, sich verkannt fühlenden Hitler-Verehrers, der unbedingt als NS-Staatskünstler anerkannt werden möchte.

Kunst Zementierte Gewissheiten
Künstler Emil Nolde

Zementierte Gewissheiten

Emil Noldes Vergangenheit wurde bis vor Kurzem gerne verdrängt. Auch, weil Museen lange Zeit darauf setzten, dass ihr Bestand nicht hinterfragt wird.   Kommentar von Catrin Lorch

Bereits diese wenigen Ergebnisse aus dem großen Forschungsprojekt von Aya Soika und Bernhard Fulda über die braune Gesinnung Emil Noldes, die nun vollumfänglich mit einer zweibändigen Publikation sowie dieser großen Ausstellung präsentiert werden, reichen aus, um eine ganz einfache Feststellung zu treffen: dass man Emil Nolde zukünftig nicht mehr Nazi nennen kann, sondern muss. War es seit 1945 in Deutschland Usus, Noldes Gesinnung erst zu vertuschen und dann, als seine NSDAP-Mitgliedschaft nicht mehr zu leugnen war, diese als Nebenaspekt eines genialen Künstlertums ins Anekdotische zu verbannen, ist mit dieser Präsentation von Dokumenten endlich und sehr spät eine Zäsur erbracht.

"Ab heute kann niemand mehr behaupten, er hätte von nichts gewusst."

Wie Christian Ring, der Direktor der Emil und Ada Nolde-Stiftung in Seebüll zur Eröffnung der Ausstellung in Richtung der vielen Kuratoren bemerkte, die Noldes "widerlichen Antisemitismus" bisher ignoriert oder zur Randnotiz verflüchtigt haben, um den Publikumserfolg unaufgeklärter Nolde-Begeisterung nicht zu gefährden, ist die Lage nun eine andere: "Ab heute kann niemand mehr behaupten, er hätte von nichts gewusst."

Ring kommt eine entscheidende Rolle bei der Entschleierung zu, denn er hat die jahrzehntelange Vertuschungspolitik der Stiftung, die von ihren 25 000 Dokumenten nur die unverfänglichen der Forschung zur Verfügung gestellt hat, konsequent beendet. Unter seiner Direktion wurde den beiden Wissenschaftlern seit 2013 nicht nur unzensierter Zugang zu allen Materialien gewährt. Erstmals unterstützte die Nachlassverwaltung Forscher in ihrem Unterfangen, den Mythos von Nolde als NS-Opfer zu korrigieren, der zu einem der zentralen Narrative der Bundesrepublik von der "guten deutschen Kunst" wurde.

Viele die Nachkriegszeit prägende Intellektuelle haben an diesem Weichbild absichtlich oder irrtümlich mitgewischt, das Nolde als friedvoll beseelten Gegenkünstler zu den monumentalen Körperpanzern der Parteipropaganda stilisierte. Siegfried Lenz' "Deutschstunde", in der er Nolde als aufrechten Dissidenten beim geheimen Tuschen von "Ungemalten Bildern" porträtierte, oder Walter Jens, der 1967 angesichts der wachsenden Quellenzitate über Noldes Antisemitismus das Diktum ausgab, man müsse sein Werk "vor dem gefährlichsten Zugriff, der Eigen-Deutung" schützen, spielen hier eine zentrale Rolle.

Aber Ausgangspunkt der Opfererzählung ist ein anderer Mann, der - wie auch Walter Jens - sehr darum bemüht war, die eigene NSDAP-Mitgliedschaft zu verheimlichen, indem er nach Kriegsende vehement für die verfemten (allerdings eher deutschen als jüdischen) Künstler das Wort führte: Werner Haftmann, erster Direktor der Nationalgalerie in Berlin und Arnold Bodes wichtigster Berater für die ersten drei Documentas in Kassel, schrieb auch das erste Standardwerk über Nolde. Wider besseren Wissens und auf ausdrückliche Bitte des damaligen Stiftungsvorstands Joachim von Lepel, verschwieg der 1937 in die NSDAP eingetretene Haftmann die komplette Wahrheit über Noldes Hitlertreue und seinen Judenhass. Stattdessen erfand und propagierte er die zähe Legende vom Künstler im Untergrund, der heimlich in der "Waschküche" malte.

In Wirklichkeit wehte über Noldes Haus in Seebüll gleich 1933 die Hakenkreuzfahne, lud ihn Himmler persönlich ein, an den Feierlichkeiten zum zehnten Jubiläum des "Hitler-Putsches" teilzunehmen, korrespondierte Nolde mit Goebbels, Hitler und niederen Parteigrößen über die Aufhebung seines Berufsverbots und seinen drängenden Wunsch, als großer NS-Künstler gewürdigt zu werden, wobei er energisch auf seine "Vorreiterrolle" im Kampf gegen den jüdischen Kulturbolschewismus und für die "reinliche Scheidung zwischen jüdischer und deutscher Kunst" verwies. In diesem Geiste denunzierte er auch einen Kollegen, Max Pechstein, als "Jude" bei den Machthabern.

Nolde war außerdem lange der bestverdienenende Künstler im Dritten Reich, und es gelang ihm dank guter Kontakte zur NS-Prominenz ebenfalls, dass seine Bilder, die anfänglich in der Schau "Entartete Kunst" hingen, schnell daraus wieder entfernt wurden, schließlich war er "P.g.", Parteigenosse. Seine später so eindeutig erscheinende Hauptrolle für den NS-Kunst-Pranger stellt sich bei sachlicher Betrachtung ganz anders dar. Nolde war der prominenteste Wackelkandidat eines innerparteilichen Richtungskampfes, ob der Expressionismus nun kern- oder undeutsch sei, bei der Noldes Parteigänger gegen Hitlers Klassizismusgeschmack verloren.

Die Berliner Ausstellung präsentiert nun - ergänzt um zahlreiche Gemälde und Aquarelle zu entscheidenden Thesen der Schau - vielfältige Dokumente, die Noldes Antisemitismus mindestens seit 1911 belegen und die ständige Radikalisierung des Malers und seiner Frau aus den verbliebenen Dokumenten rekonstruieren. Dass dies doch recht lückenlos gelingt, ist umso erstaunlicher, als Nolde nach dem Zusammenbruch des Dritten Reichs sofort versuchte, Tabula rasa zu machen. Blitzschnell begriff der wendige Opportunist, dem es sein Leben lang vor allem darum ging, als singuläres deutsches Genie anerkannt zu werden, dass er sich nun als verfolgter Künstler darzustellen hatte.