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Emanzipation:"Ich denke, dass der Konkurrenzkampf, der lange unter uns geschürt wurde, verschwindet"

In "Tiger Girl" und "Ellbogen" regiert das Gesetz der Stärkeren. Vanilla, die an der Aufnahmeprüfung der Polizei scheitert, und Hazal, die keinen Ausbildungsplatz findet, verlieren alle Hemmungen und erleben ein neues Machtgefühl.

Maria Dragus, die Vanilla spielt, findet den Spaß, den ihre Figur an der Erniedrigung anderer hat, zwar abstoßend. Gleichzeitig ist Vanilla ihr oft sympathisch - bis zu dem Zeitpunkt, wo es für die Gewaltausbrüche keine nachvollziehbaren Gründe mehr gibt. Bis dahin besitzt Vanilla ein Durchsetzungsvermögen, von dem bedrängte Frauen im wahren Leben nur träumen können. Das macht Mut, mehr auf die eigenen Kräfte zu vertrauen. "Es ist doch eigentlich eine großartige Message, dass Frauen gleich stark sein können", sagt die 1994 geborene Schauspielerin.

Der Anblick von Vanillas Rachefeldzug verschafft außerdem Genugtuung. Wenn man schon nicht selbst zuschlagen darf, ist es wohltuend, wenn eine Filmheldin das für einen erledigt. Und der Moment, in dem die eine der anderen in der U-Bahn-Station zur Hilfe eilt, steht für eine Solidarität, die nach Maria Dragus' Meinung unter jungen Frauen gerade wächst. "Ich denke, dass der Konkurrenzkampf, der lange unter uns geschürt wurde, verschwindet - und das potenziert natürlich die weibliche Energie." Deshalb hätten Vanilla und Tiger das Potenzial, befreiend zu wirken - wie sie aus vielen Reaktionen der Zuschauerinnen auf der Berlinale schon weiß.

Es geht keineswegs nur ums Zuschlagen

Auch Hazal, die als sozial schwache Frau aus einer Einwandererfamilie dreifach ausgestoßen ist, widerspricht dem Stereotyp: "Natürlich ist es befreiend, nicht immer dasselbe Bild der Frau als Opfer reproduziert zu bekommen", sagt Fatma Aydemir.

Und es geht keineswegs nur ums Zuschlagen. Ende Januar ist das zweite Album der Hamburger Band Schnipo Schranke erschienen: "Rare", was so viel wie "blutig" heißt, wenn man ein Steak bestellt. Die 1988 geborene Daniela Reis und ihre ein Jahr jüngere Bandkollegin Fritzi Ernst singen über psychische Probleme, exzessiven Drogenkonsum und unschöne Sexmomente in einer drastischen, vulgären Sprache, wie sie von deutschsprachigen Musikerinnen selten zu hören ist. In "Pimmelreiter" geht es um ein Leben zwischen Billigschuhe-Shoppen im Internet und Perspektivlosigkeit: "Ich reit' durch Pipi, Sperma und so weiter und durch knöcheltiefen Eiter." Ein Alltag, der aus einer Aneinanderreihung frustrierender Erlebnisse besteht, die zur passiven Aggression führen: Die Katze kriegt nichts mehr zu fressen und verhungert.

Ihre Songs sind von Gangsta-Rappern wie Sido beeinflusst, den sie nicht frauenverachtend, sondern provozierend und ironisch finden, weshalb sie kein Problem damit haben, ähnlich erbarmungslos über Männer zu schreiben: "Wenn wir einen Song machen, der drastisch werden soll, schreiben wir auch, dass wir den Typen unterdrücken oder hauen."

Um die "dunklen" Seiten des weiblichen Geschlechts geht es auch Anna Fries, Laura Naumann, Marielle Schavan und Sophia Schroth vom Theaterkollektiv Henrike Iglesias. In ihrer Performance "Grrrrrl", die im Frühling 2016 Premiere feierte, wird im Stehen gepinkelt und sich gegenseitig in schwanger aussehende Bäuche geboxt.

Für Marielle Schavan herrscht immer noch eine merkwürdige Doppelmoral, was die Geschlechter betrifft. "Wenn es um körperliche Gewalt geht, ist es relativ eindeutig. Die wird gleichermaßen missbilligt." Insgesamt werde Frauen aber viel schneller vorgeworfen, dass sie eine Grenze überschreiten, sagt die 25-Jährige. "Bei uns fällt es stärker ins Gewicht, wenn wir ungestylt sind, nicht lächeln, ohne Rücksicht auf andere für unsere Interessen kämpfen, wenn wir keine Kinder kriegen oder nicht mit Männern schlafen wollen."

Es geht auch gegen die "starke Frau", wie sie im Mainstream-Entertainment dominiert - die sich zwar von den Männern nichts gefallen lässt, aber auf alle Zumutungen grundsätzlich rational reagiert: freundlich, gewaltfrei, wohlüberlegt. Dazu selbstoptimiert, erfolgreich in Beruf und Privatleben, der Inbegriff der Emanzipation. Auch diesen inhumanen Perfektionismus gilt es zu dekonstruieren.

Die radikalen neuen Frauen erzählen deshalb in aller Offenheit davon, was es heißt, keinem Ideal mehr zu entsprechen, in keine vorgefertigte Schublade mehr zu passen. "Wenn ich nicht offen über mich sprechen darf, wird es immer weniger, was ich sein kann", sagt die Theatermacherin Schavan. "Grenzüberschreitungen führen dazu, dass wir Frauen als vollständigere Menschen wahrgenommen werden."

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