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Elton John:Jener bittersüße Moment zwischen Geborgenheit und Freiheitsrausch

El canante británico Elton John cumple 70 años

In seiner Stimme, aber auch in seinem Klavierspiel lodert echter Soul: Elton John.

(Foto: dpa)

Elton John verpackte Nostalgie in universell gültige Songs und gab seinem Publikum eine emotionale Heimat. Nun wird er 70 Jahre alt.

Es gibt ein paar gute Gründe, warum an diesem Samstag nur wenige altersfeindlich herumhöhnen werden, dass der Sänger und Pianist Elton John jetzt auch schon 70 Jahre alt wird. Zum einen hat sich das mit den Generationenkonflikten in der Popkultur längst erledigt. Der Kampf der Jugend gegen die Eltern begann irgendwann mal in den Fünfzigerjahren. 1968 siegte die Jugend. Seither müssen Rockstars nicht mehr herumpöbeln, dass sie lieber jung ausbrennen, als alt wegdämmern wollen.

Zum anderen waren die Altersgrenzen zwischen Pop- und sonstiger Kultur vor allem ein europäisches Phänomen. Das haben wenige so gut verstanden wie Elton John, der am 25. März 1947 als Reginald Kenneth Dwight im Londoner Vorort Pinner geboren wurde. John hat eigentlich stets Musik für Erwachsene gemacht und damit früh die Zwangsjugendlichkeit seines Berufes überwunden. Deswegen ist er schon früh in seiner Karriere in die USA gegangen.

Mit Kultur hat man dort schon immer mehr Geld verdient als im Rest der Welt. Zwar blieb Elton John streng genommen für seine ersten sieben Alben sogar noch in Europa, zunächst in London. Von 1972 an nahm er dann wie viele britische Stars aus steuerlichen Gründen seine Songs in Frankreich auf. Erst 1974, fünf Jahre nach seinem Debütalbum "Empty Sky", begann er, in den USA im Studio zu arbeiten. Bald kam ein Haus in Los Angeles dazu.

Wie viele andere Pop- und Rockmusiker fand er seine geistige Heimat in Amerika

Musikalisch jedenfalls war Elton John schon 1970 mit dem dritten Album "Tumbleweed Connection" in die innere Emigration nach Amerika ausgewandert. Gemeinsam mit seinem Texter Bernie Taupin hatte er noch in London ein Westernalbum komplett mit Pedal-Steel-Gitarren und Mundharmonikas aufgenommen, das er mit frenetischen Soul-Arrangements durchsetzte. Er hatte wie viele andere Pop- und Rockmusiker in Amerika seine geistige Heimat gefunden, weil es ein Land war, in dem Pop immer schon als Musik für Erwachsene galt. Die Wurzeln des Pop in Blues, Gospel und Country gehörten in den USA zur Geschichte der Nation und nicht ins Unterhaltungsfach.

Wie perfekt Elton John es über die Jahre gelungen ist, Pop aus der Jugendnische zu holen, belegten auch seine alterslosen Superhits wie "Rocket Man", "Candle in the Wind" oder "Nikita". Hinzu kam sein Geschick, amerikanische Nostalgie universell gültig in Songs zu packen, wie zum Beispiel den Rock 'n' Roll in "Crocodile Rock" oder die Hommage an das "Wizard of Oz"-Musical in "Goodbye Yellow Brick Road".

Was das bedeutet, hat der Hollywood-Regisseur Cameron Crowe in seinem Film "Almost Famous" gezeigt. Crowe arbeitete in dem Film Erinnerungen an seine Zeit als minderjähriger Musikjournalist auf. In einer Szene bekommt die Hauptfigur im Tourbus einer Rockband plötzlich furchtbar Heimweh. "Ich will nach Hause", sagt der junge Mann. Doch dann singen Band und Entourage alle zusammen Elton Johns herrlich sentimentale Ballade "Tiny Dancer" und die Muse der Band beruhigt den Jungen: "Du bist zu Hause."

Crowe hatte mit dieser Szene ähnlich wie Elton John in vielen seiner Songs den bittersüßen Moment auf den Punkt gebracht, an dem die Geborgenheitsgefühle der Kindheit und Jugend vom Freiheitsrausch des frühen Erwachsenseins abgelöst werden. Und weil John mit seinem Publikum älter wurde, gab er ihm auch immer wieder aufs Neue eine emotionale Heimat. Keiner scherte sich da um seine Probleme mit Drogen und seinem Coming-out. Selbst sein Schuh- und Brillenfimmel spielte nur eine Nebenrolle.

Hört man den gereiften Elton John in einem Konzert, ist man immer noch erstaunt, mit welcher Kraft er seine Songs singt, die im Radio oft als Hits wegdudeln. Darin liegt sein Geheimnis. In seiner Stimme, aber auch in seinem Klavierspiel lodert echter Soul. Kein Wunder also, dass ihm der europäische Pop rasch zu eng wurde.

© SZ vom 25.03.2017/doer
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