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Elton John auf Tour:Schwuler Rockstar im homophoben Russland

Elton John in Berliner Waldbühne

Elton John am 5. September in der Berliner Waldbühne

(Foto: dpa)

Elton John war in Russland immer gern gesehener Gast. Sein geplantes Konzert am kommenden Freitag aber wird kontrovers diskutiert - weil der Musiker schwul ist.

War das eine Aufregung, eine kulturhistorische Revolution, als zum ersten Mal Elton John in die alte Zarenstadt kam. St. Petersburg hieß noch Leningrad, der Eiserne Vorhang hing stabil, und der britische Musiker trug unter der rot-weiß-karierten Mütze eine Matte, die bis zu den Schultern reichte. Die kleine Sowjettour des britischen Pop-Sängers im Jahr 1979 war für die sowjetischen Funktionäre ein Experiment; es war die erste Konzertreihe eines Künstlers aus dem Reich der Dekadenz, und sicherheitshalber besetzten die kommunistischen Apparatschiks die ersten Reihen. Elton John ist danach ein vertrauter Stammgast in Russland geworden, der kam, sang und wieder ging. Aber jetzt, 34 Jahre nach der Premiere, ist sein Auftritt wieder ein Aufreger.

Nicht, weil er angeblich für seine Künstlergarderobe einen Paradiesgarten bestellt hat mit zwei Meter hohen Bäumen, gefüllt mit dekorativen Vögeln, und eigens aus Südamerika, Indien und den Philippinen eingeflogenen exotischen Früchten. Sondern, weil Elton John schwul ist und ein paar kryptische Andeutungen über seinen bevorstehenden Auftritt in Moskau gemacht hat. Jetzt rätselt Russland, ob er dem Land eine Szene macht.

Homophobes Gesetz verlangt nach klarer Haltung

Bisher ist der 66-Jährige eher selten als singender Rebell aufgefallen. Aber das umstrittene russische Gesetz, das die "Propaganda von nichttraditioneller sexueller Orientierung" unter Strafe stellt, zwingt auch ihn zu einer klaren Haltung. All die Jahre habe er eine gute Zeit in Russland gehabt, sagte er dem Sender CNN, aber "das, was dort jetzt geschieht, ist furchtbar". Er werde sicher nicht hingehen und sagen, "bloody Putin hier, bloody Putin da". Er sei ja nur ein verdammter Rockstar. Aber irgendetwas werde er auf der Bühne schon sagen. Ja, was nur? Die Plakate für Johns Auftritt in der Moskauer Crocus-City-Halle am Freitag kleben schon seit dem Sommer in der Hauptstadt. Doch nach einem Bericht der Zeitung Twoj Djen sinnieren die russischen Behörden nun sogar über eine mögliche Absage des Konzerts.

So weit wird es nicht kommen. Elton John ist bei den Russen extrem beliebt, und er wird vorsichtig genug sein, um einen Eklat in einem der großen Musikmärkte Europas zu vermeiden. Aber einen Zusammenprall der Kulturen erlebt er wie schon lange nicht mehr auf seiner jahrzehntelangen Russlandreise. In Kasan, wo John am Samstag gastiert, meldete sich scharfzüngig der Imam zu Wort und rief zu einem Boykott des Konzerts auf. Es verbreite nur die Sünde, erklärte der Imam: "Und dieses Konzert ist nur der Anfang."

Doch Elton John, seit acht Jahren mit seinem Partner David Furnish verheiratet, mit dem er zwei Kinder großzieht, fühlt sich den Schwulen und Lesben verpflichtet - denen in Russland nun erst recht. "Würde ich nicht anreisen und sie unterstützen, ließe ich diese Menschen allein", sagte er. "Ich muss da hin." Und die Russen werden genau hinhören, ob er den richtigen Ton trifft.

© SZ vom 03.12.2013/mkoh
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