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Netzkolumne:Wenn man mit Followern bezahlen kann

Derzeit der wertvollste Influencer auf Bitclout: Tesla-Gründer Elon Musk

(Foto: Frederic J. Brown/AFP)

Eine neue Plattform rechnet Reichweite in Kapital um: Jeder Nutzer bekommt einen eigenen Kryptocoin, der Kurs steigt und fällt mit der Beliebtheit.

Von Michael Moorstedt

Wer an sich selbst den Anspruch hat, auf der Höhe der Zeit zu sein, hat es momentan recht schwer im Netz. Die NFT genannte Technik, mit der in den letzten Wochen die Kunstwelt aufgescheucht wurde, ist jedenfalls schon wieder ein alter Hut. Das bedeutet allerdings nicht, dass sich der Hype um Kryptowährungen im Internet langsam wieder einpegeln würde. Im Gegenteil. Seit einiger Zeit kursiert ein neuer Versuch, das digitale Geld immer tiefer in die Gegenwart hineinzuweben.

Social Money nennen die Erfinder das Konzept. Der abstrakte Begriff des sozialen Kapitals, mit dem in der Soziologie das Geflecht persönlicher Beziehungen und die Teilhabe an gesellschaftlichen Netzwerken beschrieben wird, findet nun praktische Anwendung im Krypto-Web des 21. Jahrhunderts. Wie das konkret aussieht, zeigt das Portal Bitclout, das man sich als Mischung von sozialem Netzwerk und Aktienbörse vorstellen kann, auf der mit der Reputation der Nutzer gehandelt wird.

Der Name des Portals ist ein Kofferwort aus Bitcoin und dem englischen clout, was so viel wie Einfluss bedeutet. "Wenn man spekulative Geschäfte mit Social Media vermischt", erzählte der anonyme Gründer vor dem Start der Branchenplattform decrypt.co, "hat man ein fantastisches Produkt, das die Welt verbessern wird." Laut Angaben der Macher haben bereits renommierte Investmentgesellschaften wie Sequoia Capital und Andreessen Horowitz Geld in das Projekt gesteckt, man habe bereits mehr als 160 Millionen Dollar in Form von Bitcoins eingesammelt. Auch andere Dienste wie rally.io oder tryroll.com versuchen sich daran, Social-Media-Persönlichkeiten mit eigenen Währungen auszustatten.

Jede Alltagsinteraktion wird auf virales Potenzial hin abgeklopft

Zumindest zum zweiten Teil des Zitats gibt es jedoch durchaus geteilte Meinungen. Denn um den Start von Bitclout ein bisschen flotter und interessanter zu gestalten, hat man einfach 15000 beliebte Twitter-Profile ausgelesen und als Bitclout-Variante angelegt. Die Tatsache, dass deren Eigentümer dabei nicht um Erlaubnis gefragt wurden, hat schon für ein bisschen Gegenwind gesorgt. Von solch, im Zweifelsfall justiziablen Kontroversen lassen sich die Macher, die schließlich im Namen der Weltverbesserung handeln, aber nicht aufhalten. Jedenfalls findet man auf Bitcloud Kanye West und Justin Bieber, Barack Obama ist genauso dabei wie Donald Trump, Elon Musk und ein ganzer Haufen von Internet-Berühmtheiten. Für jede dieser Personen wurde dann eine eigene Kryptowährung aufgesetzt, sogenannte Creator Coins. Deren Wert steigt und fällt mit der Beliebtheit und dem Einfluss der entsprechenden Profile.

Natürlich kann auch jeder normale Nutzer ein Profil erstellen, und im ersten Moment könnte die Idee tatsächlich für viele verlockend wirken. Immerhin sinniert der moderne Mensch mit Social-Media-Repräsentation ja ohnehin stundenlang über geeignete Bonmots und flotte Sprüche, die zu den besten Zeitpunkten veröffentlicht werden müssen. So gut wie jede Alltagsinteraktion wird auf virales Potenzial und die Gefällt-mir-Eignung abgeklopft.

Nicht nur die Plattformen sollen profitieren, sondern auch die Nutzer selbst

Wer allerdings nicht zum Influencer werden will, hat nur wenig von den paar hunderten, tausenden oder selbst zehntausenden Menschen, die ihm auf den üblichen Plattformen folgen. Außer ein bisschen an die Mitmenschen ausgelagerte Selbstbestätigung und wenig greifbare Networking-Effekte ist da kaum was zu holen. In halbwegs lichten Momenten geistert deshalb schon mal die Frage in den Köpfen, warum, zum Himmel, man sich all den Stress eigentlich antut.

"Was man tun kann, ist, sich selbst zu monetarisieren", so der anonyme Bitclout-Gründer weiter. In der Theorie sind Bitclout und seine Mitbewerber also eine Möglichkeit, all die über die Jahre angehäuften sozialen Ressourcen in echten Wert umzuwandeln. Jeder Gag steigert den eigenen Kurs. Das klingt gewohnt dystopisch, ist aber eine recht altbekannte Idee im sozialen Web. Nicht nur die großen Plattformen wie Twitter und Facebook sollen von den Interaktionen profitieren, sondern auch die Nutzer selbst.

Noch dazu dient die Plattform als dezentrales und zensurfreies soziales Netzwerk, auf dem man wie gewohnt seine Inhalte zum Besten geben kann. Ganz egal, wie gut oder schlecht man sich also benimmt, können Nutzerprofile nicht gesperrt werden, so wie es etwa Donald Trump auf Twitter erging. Das ist dann - je nach eigenem Standpunkt - entweder ein Vor- oder Nachteil.

© SZ/fxs
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