Konzentrationslager Stabile Beziehungen

Selektion an der Rampe des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau Mitglieder der SS-Totenkopfverbände nehmen an der 'Rampe' im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau die sogenannte Selektion der angekommenen Häftlinge vor.

(Foto: SZ Photo)
  • 1945 hat Elmer Luchterhand als US-Soldat KZ-Häftlinge befreit.
  • Wenige Jahre später schrieb der Forscher eine Studie über die Sozialordnung in den Konzentrationslagern, die eine wissenschaftliche Pioniertat darstellt.
  • Erst jetzt wird seine Arbeit veröffentlicht - sie widersprach der lange dominierenden Lehre.
Rezension von Götz Aly

Am 20. April 1945 besetzten US-Soldaten das mittelfränkische Städtchen Hersbruck. Dort stießen sie auf umzäunte Baracken, in den porösen Sandstein getriebene Stollen und Kipploren, zudem auf einen mit Eisenbahnschienen stabilisierten Scheiterhaufen, auf dem jene menschlichen Leiber verascht worden waren, die das Fassungsvermögen des gleichfalls vorhandenen Krematoriums überstiegen hatten.

Ohne es sofort zu wissen, entdeckten die amerikanischen Infanteristen das zweitgrößte Außenlager des KZ-Komplexes Flossenbürg, genannt Doggerwerk.

Seit dem Frühjahr 1944 hatten dort 5000 Häftlinge Höhlen in den Berg gehackt, gesprengt und gegraben, um eine Produktionsstätte für BMW-Flugzeugmotoren zu errichten. Jeder zweite Gefangene war dabei zu Tode geschunden worden.

Zu den amerikanischen Soldaten gehörte auch der Nachrichtenoffizier Elmer Luchterhand (1911 - 1998). Im Verlauf weniger Wochen marschierte seine Einheit durch dieses und sieben weitere befreite Konzentrations- und Zwangsarbeitslager: Ohrdruf, Buchenwald, Gusen, Mauthausen, Dachau, Wanfried und Feldafing.

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Luchterhand interviewte damals 75 Überlebende und deutsche sowie österreichische Zivilisten, die in der Nachbarschaft der Lager wohnten. Er bezeichnete sie später wissenschaftlich streng als co-presents (Anwesende), nicht als bystanders (Zuschauer, Gaffer).

Die Initiative zu den Befragungen ergriff Luchterhand spontan, "um die Verbrechen gegen die gesamte Menschheit zu untersuchen, Verbrechen und Torturen, die nur jene Menschen begreifen können, deren Seelen und Körper sie überlebt haben", wie er am 21. Mai 1945 nach Hause schrieb.

Nach dem Krieg schloss Luchterhand sein Studium der Soziologie ab, wurde später Professor in New York und kam immer wieder auf dieses Thema zurück. Für seine 1953 abgeschlossene Doktorarbeit "Prisoners Behavior and Social System in Nazi Concentration Camps" hatte er in den USA 52 KZ-Überlebende systematisch befragt, darunter den Soziologen Paul Neurath, den trotzkistischen Kommunisten Ernst Federn und den Arzt Vratislav Bušek.

Aber die Ergebnisse des noch unbekannten Soziologen passten nicht zur herrschenden, teils bis heute von den Theorien des Psychoanalytikers Bruno Bettelheim dominierten Lehre. Deshalb blieb die Studie unveröffentlicht.

Hannah Arendt bezeichnete KZ-Häftlinge sehr pauschal als "lebende Leichname"

Nun ist sie erstmals erschienen, und das in deutscher Übersetzung. Für diese späte, höchst anregende Pioniertat ist den auch als Übersetzer tätigen Herausgebern zu danken - sie bewahrten wichtige, bald nach 1945 gewonnene Erkenntnisse vor dem Vergessen.

Bettelheim war 1938/39 selbst in den Konzentrationslagern Dachau und Buchenwald inhaftiert gewesen und konnte dann in die USA emigrieren.

Versehen mit der Aura der Selbsterfahrung und Zeugenschaft, behauptete er in seiner 1943 erschienenen Studie "Individual and Mass Behavior in Extreme Situations", die Gefangenen würden sich auf die Dauer mit den Wächtern und Folterern identifizieren: "Hatte der Gefangene das Endstadium seiner Anpassung erreicht, so hatte sich seine Persönlichkeit derart verändert, dass er sich nunmehr sogar manche Wertvorstellungen der SS zu eigen gemacht hatte."

Der amerikanische Soziologe Elmer Luchterhand war als Nachrichtenoffizier an der Befreiung von Konzentrationslagern beteiligt.

(Foto: KZ-Gedenkstätte Mauthausen, Sammlung Erika Luchterhand)

Parallel dazu unterstellte Bettelheim den Gefangenen "in infantiles Verhalten zu regredieren". Später übernahmen diese "Theorie" andere einflussreiche Geister und machten sie zur jahrzehntelang herrschenden Lehre: Bettelheim folgend bezeichnete Hannah Arendt KZ-Insassen 1955 sehr pauschal als "lebende Leichname"; Wolfgang Sofsky konstatierte 1993 die vollständige "Zerstörung der Sozialität".

Diesen Behauptungen setzte Luchterhand 1953 seine empirisch gewonnenen Einsichten entgegen. In all diesen Lagern entstanden immer wieder ausgesprochen stabile Paarbeziehungen. Wurden die Paare in Folge von Gewalt- und Willkürakten getrennt, suchten sich die Zurückgebliebenen schnell einen anderen Partner - oftmals einen, der im zivilen Leben als "unmöglich" gegolten hätte -, um mit diesem zu teilen und emotionalen Austausch zu pflegen.

Solche Paare, die auch zu Dreier- oder Vierergruppen anwachsen konnten, lehnten den Suizid ab. Statt Mithäftlinge zu bestehlen, verlegten sie sich häufig auf das "Organisieren" aus den allgemeinen Beständen des Lagers. Derart sozial gebundene Häftlinge verweigerten sich in der Regel spektakulären Aktionen des Widerstands, weil diese oft zu Kollektivbestrafungen führten, förderten jedoch die stille Sabotage.

"Es wäre unmöglich gewesen, ein solches Leben allein auszuhalten"

Einer der Befragten sagte es so: "So schlimm es sein mochte, wie Vieh zusammengetrieben zu werden, so war es doch immerhin gut, unter Mitmenschen zu sein. Es wäre unmöglich gewesen, ein solches Leben allein auszuhalten." Sehr viel schlechter standen nach Luchterhand die "einsamen Wölfe" da, im Lagerjargon auch als Speckjäger bezeichnet.

In seiner Zusammenfassung beklagte Luchterhand die bis heute immer wieder neu gedeihende Illusion, die außergewöhnliche Gewalttätigkeit Nazideutschlands müsse auf ganz außergewöhnliche Ursachen zurückgeführt werden.

Er lehnte die schon 1953 modische "Popularität von Ausnahmeinterpretationen" ausdrücklich als irrig ab, ebenso die sehr früh verbreitete Behauptung, all diese Verbrechen ließen sich auf den "Wahnsinn eines Mannes" oder den "deutschen Nationalcharakter" zurückzuführen. Stattdessen spürte der Autor "kulturellen Kontinuitäten" nach, und er fand auch im Abnormen das Normale.

Wie außerhalb im zivilen Leben dominierte auch innerhalb der Lager "das stabile Paar" als "das häufigste zwischenmenschliche Beziehungsmuster". Derart menschlich gestärkt entgingen die meisten Häftlinge der von Bruno Bettelheim wortreich behaupteten und von den SS-Peinigern gewollten moralischen Selbstzerstörung.

Elmer Luchterhand: Einsame Wölfe und stabile Paare. Verhalten und Sozialordnung in den Häftlingsgesellschaften nationalsozialistischer Konzentrationslager. Hrsg. und eingeleitet von Andreas Kranebitter und Christian Fleck. New Academic Press, Wien 2018. 285 Seiten, 24,90 Euro.

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