Amerikanische Literatur Über Abgründen

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Elizabeth Strout fügt aus den Fragmenten einer Familie einen grandiosen Roman zusammen.

Von Christian Mayer

Flucht ist keine Lösung. Man kann versuchen, vor seiner Vergangenheit davonzulaufen, den Kontakt zu seiner Familie abbrechen und hoffen, dass irgendwann die alten Wunden heilen. Man kann verdrängen, vergessen, sich ins Ausland absetzen und einen zwanzig Jahre jüngeren Liebhaber suchen. Einfach die Löschtaste drücken und von vorne anfangen - danach sehnen sich fast alle Menschen im neuen Roman der 63-jährigen Amerikanerin Elizabeth Strout. Bis sie irgendwann einsehen müssen: Die Wurzeln, also das, was man etwas doppeldeutig Familienbande nennt, kann man nie ganz abtrennen.

"Alles ist möglich" heißt dieses Buch, das aus neun Kapiteln besteht, neun Kurzgeschichten, die eher lose zusammengehalten werden, "Anything is Possible" im amerikanischen Original. Das hat einen leicht bedrohlichen Unterton, man muss jedenfalls mit dem Schlimmsten rechnen. So wie die überwiegend weißen Bewohner eines Ortes irgendwo in Illinois, die sich mehr schlecht als recht in ihren langjährigen Ehen oder, noch öfter, in ihrer Einsamkeit eingerichtet haben.

Der traumatisierte Vietnamveteran Charlie flüchtet in eine Affäre mit einer Prostituierten, aus der eine nicht käufliche Liebesbeziehung werden soll, was gründlich schiefgeht. Die 55-jährige Linda, die aus wohlhabenden Verhältnissen stammt, gefällt sich nur scheinbar in ihrer Rolle als großzügige Kunstmäzenin und tolerante Spielgefährtin ihres Mannes Jay, der sie in ihrer Villa mit fremden Frauen betrügt. Und die auch nicht mehr junge, geschiedene Dottie macht sich einen Spaß daraus, den Übernachtungsgästen in ihrer bescheidenen Pension intimste Geheimnisse zu entlocken und sie heimlich zu belauschen, bis sie das Schlechteste aus ihnen herausgeholt hat. Dabei wirkt sie anfangs wie die nette ältere Lady aus einer Fünfzigerjahre-Filmkomödie.

Eine endemische Boshaftigkeit hat sich in die Biografien der Kleinstädter gefressen, man will es den anderen mit gleicher Münze zurückzahlen. Manchmal scheint es hier, als habe Amerika längst die Mauer hochgezogen, die der amtierende US-Präsident so gerne an der Grenze zu Mexiko errichten würde: Das real existierende Bollwerk ist härter als Stahl und Beton; es besteht aus verloschener Hoffnung, der Abstiegsangst der unteren Mittelklasse und offenem Hass gegenüber jenen, die ganz unten in der Gesellschaft angekommen sind, dem "Gesocks", wie es in der deutschen Übersetzung heißt. Wer dieses Bollwerk überwindet, muss wirklich ein guter Mensch sein.

Es gibt noch so etwas wie Liebe füreinander in dieser Notgemeinschaft der missbrauchten Kinder

Elizabeth Strout, die für ihren Roman "Mit Blick aufs Meer" 2009 den Pulitzer-Preis erhielt, ist eine Meisterin der Andeutung. Sie lässt ihre Figuren über Abgründe schweben und nur wenige wirklich fallen: Manchmal reicht ein Augenzwinkern, ein kurzer Moment des Glücks, um das Leben wieder erträglich zu finden.

Die heimliche Hauptfigur ist Lucy Barton, eine erfolgreiche Schriftstellerin aus New York. Sie hat geschafft, was den anderen nicht gelungen ist - den Absprung in ein vermeintlich besseres Leben. Und so geistert sie als Sehnsuchtsfigur durch die Fantasie ihrer provinziellen Verwandten und früheren Klassenkameraden, manchmal sieht man sie auch im Fernsehen oder im Internet, bei der Vorstellung ihres neuen Buches. Lucy in the Sky, nur ohne Diamanten. Im Kapitel "Schwester" erzählt Strout die Geschichte einer gescheiterten Heimkehr. Lucy besucht ihren Bruder Pete, der im Ort als seltsamer Einsiedler gilt und noch immer das heruntergekommene Elternhaus bewohnt. Seit vielen Jahren hat sich Lucy nicht mehr zu Hause blicken lassen. Anfangs deutet sich eine Art Versöhnung mit der Vergangenheit an, die spindeldürre, ganz in schwarz gekleidete Schriftstellerin wagt sich zurück in die Kammer des Schreckens, ihr Bruder Pete weiß nicht so recht, ob er sich nun freuen oder fürchten soll.

Bis auch noch ihre latent aggressive Schwester Vicky auftaucht, eine Krankenpflegerin mit Geldsorgen und einer verzogenen Teenager-Tochter, die seit Langem auf diesen Tag der Abrechnung gewartet hat. An diesem Nachmittag muss alles raus, das ganze Drama der Barton-Kinder, die unter einem gewalttätigen Vater und einer nicht minder grausamen Mutter zu leiden hatten. Und auf einmal fügen sich die Puzzleteile dieses Romans zusammen. Die Geschichte von Missbrauch, extremer Armut, Gefühlskälte und gesellschaftlicher Ächtung, die man bisher nur von Außenstehenden erzählt bekommen hat, steuert auf ihren Höhepunkt zu.

Ja, es gibt noch so etwas wie Liebe füreinander in dieser Notgemeinschaft der missbrauchten Kinder, auch wenn sie das nicht zeigen können. Einmal hat man das Gefühl, gleich müssten sich die Schwestern um den Hals fallen - aber wie soll das gehen, wenn man als Kind nicht umarmt wurde. Warum sie, anders als ihre Geschwister, alles in sich hineinstopfe, kann Vicky gleich beantworten. Die Eltern haben die Kinder einst gezwungen, ungenießbares Essen, das Vicky, Pete und Lucy heimlich wegwarfen, kniend aus dem Mülleimer oder sogar der Toilette zu holen und aufzuessen. "Ich will ja auch bloß sagen, dass ich verstehen kann, warum euch beiden der Appetit vergangen ist", sagt die stark übergewichtige Vicky, "ich verstehe bloß nicht, warum er mir nicht vergangen ist."

Es spricht für die Autorin, dass sie ihren beschädigten Figuren ihre Würde lässt, einen ganz eigenen widerspenstigen Witz: "Weißt du, Vicky, eigentlich sind wir doch gar nicht so schlecht geraten", sagt Pete nach längerem Schweigen, als die berühmte Schwester schon wieder auf dem Weg in die Großstadt ist.

Elizabeth Strout ist eine grandiose Beobachterin, die in die Gefühlswelt von Menschen vordringt, ohne dass es aufdringlich wirkt, auch wenn sie zu einigen Figuren eher auf Distanz bleibt. Und eine tröstliche Erkenntnis bleibt nach diesem Buch: Selbst sehr traurige Menschen leiden nicht die ganze Zeit. Manchmal gelingt es ihnen, die Mauer zu durchbrechen, die sie von den Mitmenschen trennt.