Amerikanische Poesie Der Insekten-Gladiator und die empfindsamen Automobile

Gedankenverloren, besessen und voller Klarheit: Ein Auswahlband der großen amerikanischen Dichterin Elizabeth Bishop.

Von Nico Bleutge

Als die junge Elizabeth Bishop 1934 ihre Dichterkollegin Marianne Moore kennenlernte, entdeckten beide schnell ihre gemeinsame Leidenschaft für den Zirkus. Der erste Besuch führte sie in den berühmten Ringling Bros. and Barnum & Bailey Circus. Moore hatte eine Tüte mit altem Schwarzbrot dabei - "für die Elefanten", wie sie sagte. Doch hinter der vermeintlich selbstlosen Geste stand ein handfestes Interesse. Ihr Bruder hatte ihr einst einen Armreif aus Elefantenhaar geschenkt, dem nun eine Strähne fehlte. Zur "Reparatur" benötigte sie ein paar Haare vom Kopf eines Babyelefanten. Bishops Aufgabe an diesem Tag bestand darin, die erwachsenen Elefanten und die Wärter mit der Fütterungsaktion abzulenken, damit Moore die Haare vom Babykopf abschnippeln konnte. Die großen Elefanten verursachten einen gewaltigen Lärm - doch am Ende hatte Moore, was sie wollte: "Sie öffnete ihre Tasche und zeigte mir drei oder vier derbe, graue Haare in einem Kleenextuch."

Etwas vermeintlich Natürliches in etwas Gemachtes zu verwandeln, die Momente so zu verschmelzen, dass sich das eine vom anderen gar nicht mehr trennen lässt, darin bestand die Kunst der beiden Dichterinnen. Nicht ohne Grund gehören Marianne Moore und Elizabeth Bishop zu den großen Stimmen der amerikanischen Lyrik des letzten Jahrhunderts. Dabei hatte Bishop, die 1911 in Massachusetts geboren wurde, zu ihrer gut 20 Jahre älteren Freundin bei aller Bewunderung durchaus den nötigen Abstand, um sich der Unterschiede bewusst zu sein. Ein leichter Hang zum Abstrakten fiel ihr an den Gedichten der Freundin immer wieder auf, mitunter auch eine gewisse Schrulligkeit. Was beide Dichterinnen aber eint, ist die Lust, Wahrnehmungsszenen durch die Windungen der Einbildungskraft zu jagen, "imaginäre Gärten mit wirklichen Kröten" zu erschaffen, wie Moore es einmal nannte.

Wo Moore in ihren Versen mit Vorliebe über Begriffe wie Anmut, Schönheit oder Stil nachdenkt, setzt Bishop ihrerseits auf die Kraft des konkreten Namens. "Die Karte", "Das Shampoo", "Der Fisch" oder "Die Bucht" lauten Titel ihrer Gedichte, andernorts deutet sie eine Szenerie oder Atmosphäre an: "Paris, früh um sieben" oder "Im Wartezimmer". Ihr Hang zur Inszenierung von sinnlichen Details und zur Markierung von Betrachtungspunkten ("Vom Fenster aus sehe ich", "Schau in den Hof hinab") führte ihre Leser anfangs zu der Ansicht, Bishop sei eine Meisterin gereihter Beobachtungen. Tiernamen, Farben und Pflanzen finden Eingang in ihre Verse, Kielwasser, Kaiwände und die Einzelheiten, aus denen sich ein Strand zusammensetzt, bis hin zu den "Strängen vertrocknender Muscheln".

Doch in gleichem Maß ist ein Bewusstsein für Formen spürbar, für "Fäden", "Linien" und "Kreise", überhaupt für geometrische Strukturen und Metaphern. So fluide wie das Meerwasser und das Wissen, von dem sie immer wieder sprechen, sind auch die Verse selbst, "dunkel (...), klar, strömend, absolut frei". Dabei lassen sich zwei Grundmuster ausmachen: hier der wellengleiche, von Wiederholungen und Variationen lebende Langvers, dort die Strophe aus Kurzversen, die ihre sprachlichen Gegenstände auf ganz eigene Art und Weise ausbalanciert.

In beiden Fällen durchdringen sich erzählerische Momente mit Bildern, die den Lauf der Zeit dehnen. Da hebt Bishop mit einer kleinen Strophe an, als wolle sie ein Bild von Edward Hopper in Sprache verwandeln: "Himmel, ist die schmutzig! / - diese kleine Tankstelle, / ölgetränkt, öldurchdrungen / bis zu einer verstörenden, völlig / schwarzen Lichtdurchlässigkeit". Und endet mit einer gleichsam sprachspielerischen Geste: "Jemand / dreht die aufgereihten Kännchen, / dass sie empfindsamen / Automobilen leise sagen: / ESSO - SO - SO - SO. / Jemand liebt uns alle." Sich weder dem Lager der gerade aufkeimenden Confessional Poetry zuschlagen zu lassen, noch reine Sprachetüden zu schreiben, sondern etwas Drittes zu schaffen, das beide Ansätze vereint und im besten Fall übersteigt - auch das gehört zur Kunst Elizabeth Bishops.

Die "Katze Erinnerung", wie Uwe Johnson es nannte, kannte sie genauso wie die Tricks der Erinnerung. Bisweilen erscheinen die Bruchstücke der Vergangenheit in ihren Gedichten splittrig und doch narrativ umfasst, bisweilen aber auch als "Geheimnis" im Johnson'schen Sinne: "stumm und verlockend wie eine mächtige graue Katze hinter Fensterscheiben, sehr tief von unten gesehen wie mit Kinderaugen." Dazu gehören tatsächliche Kindheitserinnerungen: die Einsamkeit des jungen Mädchens, das vor dem Hintergrund des Ersten Weltkriegs aufwuchs, erst bei den Großeltern in Nova Scotia, dann in der Familie der Mutter in Worcester. Später kommen die intellektuellen Erfahrungen am berühmten Vassar-College hinzu und das Unterwegssein.

Wie so viele amerikanische Schriftsteller dieser Zeit ging sie nach Paris, zwar nicht auf Dauer, aber doch für zwei längere Reisen, die sie zu wichtigen Gedichten anregten. Immer wieder war sie in New York und Florida - und mehr als 15 Jahre lang lebte sie in Brasilien, wo sie ihre konfliktreiche Beziehung zu der Architektin Lota de Macedo Soares in ein zumindest halbwegs lebbares Leben verwandeln konnte. Das Schreiben durchzieht alle diese Zeiten wie ein glimmender Faden.

An ihren Versen arbeitete Elizabeth Bishop stets lange und genau. Gerade vier Gedichtbände hat sie zu Lebzeiten veröffentlicht, der letzte, "Geography III", erschien 1976, drei Jahre vor ihrem Tod. Auf Deutsch kannte man Bishop bislang vor allem aus kleineren Sammlungen, in den Übersetzungen von Margitt Lehbert und Klaus Martens.

Der Dichter Steffen Popp hat nun eine schöne Ausgabe zusammengestellt, die nicht nur viele der Gedichte aus Bishops vier Bänden enthält, sondern auch Verstreutes und Gedichte aus dem Nachlass. Popp hat sie übersetzt, motivisch komponiert, mit hilfreichen Anmerkungen und einem klugen Nachwort versehen. Eine Leseausgabe im besten Sinne ist so entstanden, die dazu einlädt, die Dichterin Elizabeth Bishop kennenzulernen.

(Foto: Verlag)

"Ihre Rhythmen, Wendungen, Bilder, der Bau ihrer Strophen schienen aus einem späteren Jahrhundert zu stammen", schrieb ihr Freund Robert Lowell einmal. Das meint auch, dass alle diese Elemente auf raffinierte Art miteinander verschränkt sind. Bishop benutzt nicht nur immer wieder Endreime, gerne unsauber und gerne bewusst verschleppt, sondern viele Gedichte enthalten ganze Klanggeflechte aus Binnenreimen und Assonanzen. Etwa das frühe Gedicht "The Imaginary Iceberg", in dem die O-Laute der Versenden ("rock", "snow", "for") mit O-Lauten im Versinneren korrespondieren ("stood", "stock", "own", "solemn", "floating"). Das alles lässt sich kaum in einer anderen Sprache nachbilden.

Steffen Popp hat sich in seinen Übersetzungen für ein Verfahren der Nuancierung entschieden, mal hebt er eher den Ton hervor, mal die Bildwelt, mal die Reime. Das Sympathische daran ist: Er wirft nicht einfach das Metaphernmaschinchen an, sondern er versucht, Bishop gerecht zu werden. Das Gedicht "Das Unkraut" zum Beispiel, das im Original jambisch ausgerichtet ist, lebt in der Übersetzung von einer rhythmischen Mixtur. So wird es tatsächlich verwandelt, in der anderen Sprache neu aufgefaltet. Popp verzichtet hier auf Bishops Ton, kommt aber der Struktur eines wuchernden Unkrauts näher als das Original. Manchmal biegt er die Semantik um des Reimes willen ein wenig zu stark, manchmal lässt er auch eine Partizipialkonstruktion zu viel stehen. Insgesamt aber folgt man den Übersetzungen gerne.

Eines ihrer intensivsten Gedichte hat Elizabeth Bishop dem Strandläufer gewidmet, jenem Vogel, der sich am liebsten im Zwischenreich von Land und Wasser aufhält. Hektisch läuft er über den Sand, ohne dass er doch wüsste, wie ihm eigentlich geschieht. Eben noch ist die Welt ein Nebel, schon ist sie "mikrofein, riesig und klar". In seiner Widersprüchlichkeit ist der Strandläufer auch ein Bild der großen Sprachsuchenden Elizabeth Bishop, die zwischen Klarheit und Leere, Erkenntnis und Skepsis ihre Gedichte schrieb, "gedankenverloren", "besessen". Wer ihr folgt, kann im glücklichsten Fall Wesen wie dem "Insekten-Gladiator" begegnen - oder einfach an der Decke eines Zimmers schlafen.