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Kulturkritik:Und doch sagt viel, wer Nähe sagt

Elisabeth von Thadden: Die berührungslose Gesellschaft. Verlag C.H.Beck, München 2018. 205 Seiten, 16,95 Euro.

Besorgt: Elisabeth von Thadden fühlt der "berührungslosen Gesellschaft" den Puls. Droht eine Zukunft mit dauerhaftem Liebesentzug, eine Welt voller Technologie, aber ohne Umarmungen?

In ihrem neuen Buch "Die berührungslose Gesellschaft" überliefert Elisabeth von Thadden eine Anekdote. "Usedom im Frühling, Literaturtage am Ostseestrand, der Himmel öffnet sich hell, die Stimmung im Urlaubspublikum: sorgenlos. Der Philosoph Peter Sloterdijk ist zu Gast, sein neues Buch wird bald erscheinen, er gerät ein wenig ins Plaudern." Dabei kommt heraus, dass Sloterdijk, der alleine lebt, immer eine Lampe anknipst, bevor er das Haus verlässt. Kehre er dann abends in die leere Wohnung zurück, fühle es sich so an, als erwarte ihn jemand.

Man stellt sich den Philosophen nun als eine Art Urgroßvater des "Blade Runner" vor, jene Mensch-Maschine, die Ryan Gosling in dem gleichnamigen Film vor zwei Jahren spielte: Der kommt im Jahr 2049 abends in seine Single-Butze in Los Angeles und schaltet erst einmal eine attraktive, unterwürfige Hologramm-Frau ein, die aus einer Art Pod entspringt. Die Gesellschaft, die sie ihm simuliert, ist freilich deutlich stimulierender als jede Gelehrtenfunzel. In einer unvergesslichen Szene kommt es sogar zur erotischen Vereinigung, allerdings mit einer Prostituierten, die als Körpermedium eingesetzt wird. Die Maschine wollte es so!

Droht eine Zukunft mit dauerhaftem Liebesentzug, eine Welt ohne Umarmungen?

"Blade Runner" ist nur eine von vielen Erzählungen, in der die Zukunft als Dauer-Liebesentzug ausgemalt wird. Es ist ein Kennzeichen der Moderne, dass sich der Mensch mit immer mehr Gerätschaften umgibt, die ihm Arbeit und Leben erleichtern und Gesellschaft leisten sollen - aber spätestens seit E.T.A. Hoffmanns Erzählungen sind ein weiteres Kennzeichen die kulturellen und intellektuellen Vorbehalte gegen genau diese Entwicklung.

In dieser Tradition steht auch "Die berührungslose Gesellschaft". Ist der moderne Mensch dabei, sich eine Welt zu errichten, in der Kontakt und Nähe in erster Linie von elektrifizierten Gerätschaften geliefert werden? Befinden wir uns auf dem Weg in ein Körperverständnis, das die Freiheit zur Selbstbestimmung mit einem Zwang zur körperlichen Selbstgenügsamkeit eng führt? Warum scheint es für immer mehr Menschen permanent zu viel und zu wenig Nähe zu anderen zu geben - und was hat das mit Einsamkeit zu tun? Solchen und ähnlichen interessanten Fragen will Elisabeth von Thadden, die seit vielen Jahren im Feuilleton der Zeit arbeitet, in ihrem zumindest seitenmäßig kurz und knackig gehaltenen Band nachgehen.

Ihre These formuliert sie gleich zu Anfang: "Unsere Gesellschaft spürt beunruhigt, dass selbst die perfektesten Körper verwundbar sind, und dass sie doch notwendig der Nähe und Berührung bedürfen. Jeder trägt den Zwiespalt, Nähe zu brauchen und doch in seiner Verletzbarkeit vor unfreiwilliger Nähe geschützt sein zu wollen, am eigenen Leibe aus." Diesen Zwiespalt untersucht die Autorin. Ihr Grundgedanke ist einleuchtend, auch wenn er bereits in den Siebzigerjahren von Michel Foucault so ähnlich geltend gemacht wurde: Alles, was sich an zwischenmenschlichen Verhältnissen in den letzten 300 Jahren verbessert hat, lässt sich darauf zurück führen, dass der Mensch als "leib-seelisch verletzbar" anerkannt wurde. Dass die Obrigkeit nicht mehr willkürlich über den Körper seiner Bürger verfügen und diesen etwa per Folter bestrafen solle, gehört zu den tragenden Überzeugungen der Aufklärung und des Jahrhunderts der europäischen Revolutionen.

Thadden vermutet, dass das Recht, nicht verletzt zu werden, ein immer zwanghafteres Streben nach Unverletztlichkeit gebiert. Dies äußert sich in einem kulturellen Unbehagen, das sie anhand verschiedener Filme, Jugendromane, der Videotelefonie und Pflegeroboter darzustellen versucht. Dabei tappt sie zielgenau in die Falle, die hinter allen soziokulturellen Diagnosen von "Unbehagen", "Beunruhigung" und eben "Zwiespalt" lauert: Selten lässt sich darüber viel mehr sagen, als dass sie der Fall sind.

Dabei hat Thadden sich große Mühe gegeben, den Verdacht der metaphysischen Spekulation zu entkräften: Sie hat zum Beispiel die bekannte Sozialpsychologin Vera King befragt, die erforscht, wie die körperlose Anwesenheit anderer Menschen durch Skype auf Kinder wirkt. Sie beginnt das Buch mit einem interessanten Kapitel über den Tastsinn-Experten Martin Grunewald, der sich besorgt zeigt über Menschen, die ihre Touch-Screens und Tastaturen häufiger und möglicherweise auch zugewandter berühren als die Haut anderer Menschen: Er "nimmt eine Gesellschaft wahr, in der es leichter ist, sich im Netz einen Sexualpartner zu organisieren, als einen vertrauten Menschen zu finden, den man immer wieder umarmen kann."

Das klingt kleinstädtischer als es vermutlich gemeint ist, ruft aber zumindest einen Einwand hervor. War es denn nicht schon immer etwas einfacher, Sexualpartner zu finden, als ein liebendes, vertrautes Gegenüber? Und selbst, wenn nicht: Lässt es sich nicht als Fortschritt im Sinne der Bedürfnisbefriedigung verstehen, wenn sich Menschen immerhin freiwilligen Genitalkontakt organisieren können, auch wenn es nicht zur regelmäßigen Umarmung reicht?

Überhaupt, Sex ist ein Thema, das in diesem Buch zwar ab und an auftaucht. Aber in einem Buch, das sich als Plädoyer für Nähe und Körpervertrauen ausgibt, müssten Sex, Säuglingspflege, Alter, Krankheit spürbarer werden. Thadden hat ein erschöpfendes Literaturverzeichnis und massenhaft Fußnoten erstellt. Sie liefert ein ganzes Kapitel, in dem sie Hartmut Rosas Theorie der Resonanz referiert, die inhaltlich passt, aber mit der sich eben einfach nur noch eine weitere Theorie-Schicht auf das ohnehin so theoretisch gehaltene Thema legt. So beeindruckend gelehrig dieser Text daher kommt, so lebensarm wirkt er an vielen Stellen.

Das hat auch formale Gründe: Thadden thematisiert im Text allzu deutlich ihre Spurensuche, bei der aber wenig passiert: "Aufgehorcht, Notizen gemacht", heißt es an einer Stelle, das soll wohl Leichtigkeit und Unmittelbarkeit suggerieren. Es ragen einem aber zu oft solche Sätze aus dem Text entgegen, aus denen man keinen anderen Inhalt gewinnt neben der Mitteilung, dass hier, Achtung, ein Essay stattfindet!

Im Schlusswort wiederholt die Autorin ihre Thesen vom Anfang, sie bringt sogar die selben Beispiele. Zurück bleibt der Eindruck einer intellektuellen Fingerübung. Dennoch: Wer sich für die Natur unseres Kontaktverhaltens interessiert, wer über Einsamkeit und die Frage, was Nähe wirklich ist, nachdenken will, wird in diesem Buch viele Anregungen zum Weiter-Denken finden.

© SZ vom 09.10.2018

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