Elias Canetti ist im Jahr 1938 als Exilant aus Wien nach England gekommen. Nun, in den frühen Fünfzigerjahren, hält er seine Begegnung mit dem konservativen Innenminister David Maxwell Fyfe fest. Der hatte es abgelehnt, einen jungen Mann zu begnadigen, der für einen Polizistenmord hingerichtet wurde, den nicht er selbst begangen hatte. Fyfe erscheint Canetti als umgänglicher Mann, gläubiger Christ, kein typischer Machthaber, aber das mache es nur umso schlimmer. Als Mensch, der den Tod eines anderen Menschen hätte verhindern können und müssen, wird er zum Doppelgänger seiner selbst. „Ich war auf das Tiefste empört“, notiert Canetti über seine eigene Reaktion auf die Hinrichtung in seinem Tagebuch.
Elias Canettis unveröffentlichter NachlassDie tiefen und die bösen Gedanken
Lesezeit: 4 Min.

Eine erste Lesung gibt Einblick in die Tagebücher, die Elias Canetti nach seinem Tod drei Jahrzehnte lang für die Öffentlichkeit sperrte. Um seine Zeitgenossen vor seiner spitzen Zunge zu schützen – oder um die Spannung zu erhöhen?
Von Lothar Müller
