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Elfriede Jelinek zum 70.:Vom Wunderkind zur Wutfrau

Austrian writer and Nobel Literature Laureate Jelinek listens in her house in Vienna

Elfriede Jelinek lebt zurückgezogen in ihrem Haus im Randbezirk von Wien. Dieses Foto stammt aus dem Jahr 2004, als sie den Literaturnobelpreis erhielt.

(Foto: Leonhard Foegger/Reuters)

Ob Terroranschläge, Banken- oder Flüchtlingskrise: Elfriede Jelinek ist meist die Erste, die über akute Themen schreibt. Nun wird die österreichische Literaturnobelpreisträgerin 70.

Von Verena Mayer

Das letzte Mal, dass Elfriede Jelinek die Öffentlichkeit aufsuchte, war bei der Verleihung des Nobelpreises 2004. Und da war die Autorin nicht physisch anwesend, sondern sprach von einer Leinwand. Diese Dankesrede sollte der Auftakt werden für alles, was danach kam. Sie trug den Titel "Im Abseits", ein poetologisches Manifest über die Sprache. Darüber, was sie ist und welche Kraft sie hat. Wie Sprache die Wirklichkeit ordnet und einem auch dann bleibt, wenn man selbst in dieser Wirklichkeit keinen Platz mehr hat.

Elfriede Jelinek, die damals aus gesundheitlichen Gründen nicht nach Stockholm fuhr, hat sich vollkommen zurückgezogen. Sie gibt keine Interviews, tritt nirgends auf. Ihr Lebensmittelpunkt ist der waldumsäumte Wiener Randbezirk, in dem sie seit ihrer Gymnasialzeit wohnt. Und hin und wieder sieht man sie durch München spazieren, wo ihr Ehemann lebt, mit dem sie seit mehr als vierzig Jahren verheiratet ist. Eine bis zu den Haarspitzen elegante Erscheinung, die sich nahtlos in die Münchner Innenstadt einfügt.

Im Gegensatz zum Verschwinden der öffentlichen Person Jelinek steht ihre Präsenz als Schriftstellerin, die sich inzwischen ganz auf das Theater verlagert hat, ihr Roman "Gier" liegt 16 Jahre zurück, "Neid" erschien in Fortsetzungen nur auf ihrer Homepage. Ganz anders verhält es sich mit Jelineks Bühnenpräsenz. Ihr Stück "Wut", uraufgeführt im April, gibt es in bald mehr als 15 Inszenierungen. Jelinek umkreist darin in einer vielstimmigen Suada die Anschläge auf das Satiremagazin Charlie Hebdo und einen jüdischen Supermarkt in Paris. Ihr Stück "Die Schutzbefohlenen" hilft mit immer neuen Zusatztexten den Theatern, die Flüchtlingskrise szenisch zu bewältigen, zuletzt gab es eine siebenstündige Dauerlesung in München. Ihre "Winterreise", in der es in Anlehnung an Schuberts gleichnamigen Liedzyklus um Einsamkeit geht, wurde seit 2011 sogar dreißig Mal inszeniert. Auf deutschen Bühnen wird Elfriede Jelinek so oft gespielt wie wenige andere zeitgenössische deutschsprachige Autoren.

Jelinek hat einen Instinkt für akute Themen. Die Wirklichkeit ist die "Vorgesetzte der Autorin"

Das liegt an Jelineks Instinkt für akute Themen. Als der Irakkrieg ausbrach, schrieb sie "Babel", einen Text über Bilder und die Macht, die von ihnen ausgeht, ob das Fernsehbilder sind oder Feindbilder, die Bilder von Abu Ghraib oder die Bilder, die sich Terroristen von Gott machen. Zur Bankenkrise brachte sie eine "Wirtschaftskomödie" über Geld und Märkte heraus, und bereits 2013 beschäftigte sich Jelinek mit der Flüchtlingsthematik. In ihren "Schutzbefohlenen" verweben sich aktuelle Ereignisse um Flüchtlinge, die in einer Wiener Kirche gestrandet waren, mit Zitaten von Aischylos zu einer Art Klagelied, das Flüchtlinge wie der Chor in der antiken Tragödie in eine Öffentlichkeit tragen, die ungern zuhört: "Wir sind gekommen, doch wir sind gar nicht da."

Es geht um die sinkenden Boote von Lampedusa und um die Hassgesänge der besorgten Bürger, um das massenhafte Weggehen und um das große Wegschauen. Und als das Stück im Sommer 2015 von der Wirklichkeit überholt zu werden drohte, hat Jelinek es einfach weitergeschrieben, sozusagen entlang der Balkanroute und ihrer menschenunwürdigen Hotspots. Das literarische Schreiben ist hier nicht nur Leiden an der Welt, sondern wird zu einer Art Chronistenpflicht. Die Wirklichkeit sei "die Vorgesetzte der Autorin, auch wenn sie die kaum je zu sehen kriegt", so Jelinek.

Jelineks Erfolg der vergangenen Jahre hat aber auch mit ihrem Verständnis von Autorschaft zu tun. Beziehungsweise deren Auflösung. Wenn Jelinek für das Theater schreibt, koppelt sie sich von allem ab, was Dramen ausmacht. Sie liefert keine Dialoge, Handlung oder gar Regieanweisungen, sondern einen Text, der eher nach den Gesetzmäßigkeiten eines Musikstücks funktioniert. In dem Motive variiert werden, Angelesenes und Assoziiertes ineinanderfließen, Stimmen aufkommen und abschwellen, eine einzige gewaltige Sprachmelodie. Dann entscheidet Jelinek sehr sorgfältig, wem sie ihre Texte zur Deutung überlässt, und durch den Zugriff von Regisseuren wird das Werk gewissermaßen erst fertiggestellt.

Das Mädchen wurde von der Mutter gedrillt, es sollte Berufsmusikerin werden

Wer Jelinek bearbeitet, hat alle Freiheiten. Jelinek überlässt den Künstlern das Geschriebene wie Rohmaterial, oder wie es in Jelineks Roman "Neid" heißt: "Er ist zur Entnahme frei, der Text, was ich nicht bin." Jelinek-Aufführungen haben Theatergeschichte geschrieben, die monomanischen Sprechchöre von Einar Schleef, das psychologische Einfühlungstheater von Jossi Wieler oder das Diskurspop-Theater von Nicolas Stemann. Die Autorin ist in dieser Konstellation diejenige, die sowohl groß gemacht wird, als auch hinter der Kunst anderer verschwinden kann. Die Regisseure treiben das postmoderne Spiel dann oft noch weiter, indem sie Jelinek selbst auf die Bühne bringen. Als Figur, als Puppe, oder es wird eine Schauspielerin mit den typischen Jelinek-Zöpfen losgeschickt.

Müsste man von Elfriede Jelinek einen Status in den sozialen Medien angeben, würde er "anwesend abwesend" lauten. Die Schriftstellerin ist weg, ihr Schreiben allgegenwärtig.

Diese Ambivalenz zieht sich durch Jelineks Leben. Als Kind machte sie eine musikalische Ausbildung, lernte Klavier, Geige, Bratsche, Blockflöte und Orgel, um Berufsmusikerin zu werden. Wenn Jelinek Klavier übte, riss die Mutter die Fenster der Wohnung auf - die Nachbarn sollten das Talent des Kindes mitbekommen. Und so wurde Jelinek damit groß, ihre Kunst von drinnen im Verborgenen in die größtmögliche Öffentlichkeit draußen zu tragen.

In Jelineks Haus steht noch immer der Steinway, den ihre ehrgeizige Mutter gekauft hatte, um die Tochter zum Wunderkind zu drillen. Die lange und nicht unproblematische Beziehung zur Mutter hat Elfriede Jelinek in mehreren Romanen aufgegriffen, am deutlichsten in "Die Klavierspielerin", die sie selbst einmal als "eingeschränkte Autobiografie" bezeichnete. Der jüdische Vater, der in der NS-Zeit gezwungen wurde, als Chemiker in der Rüstungsindustrie zu arbeiten, und nach dem Krieg an Demenz erkrankte, trat erst in späteren Werken auf. Meistens als rastloser Wanderer, der durch die Welt und die Zeiten geistert, Symbol für die vielen verdrängten Toten und die Schuld der Lebenden.

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