Große Komponisten Das Original-Genie als Kontrollfreak

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Die Musikkritikerin Eleonore Büning schreibt einen "Musikverführer" über Ludwig van Beethoven und seine Spätwirkung bis zu Stockhausen und den Beatles.

Von Wolfgang Schreiber

Als "eine ganz ungebändigte Persönlichkeit" hat ihn Goethe 1812 im böhmischen Teplitz kennengelernt. Nun steht Beethoven vor unserer Tür, medial gebändigt: Nächstes Jahr wird er 250, die Musikwelt rüstet zum Appell. Was hat der kultisch Verehrte aus Bonn noch Dringliches zu sagen? Kann seine Musik, seine Person, uns noch Staunen, Überwältigtsein abzwingen? Lässt sich das "Original-Genie" beschreiben? Mehr als das Gemälde aus einem Guss macht ein Porträt aus Mosaiksteinen das Beethoven-Bild anscheinend flexibler, farbiger. Und was als Rundfunkreihe zu hören war, eignet sich zum Lesen, fehlt nur das "Schmiermittel" für Texte: Musik.

Der Farbreichtum von Eleonore Bünings "Musikverführer" beginnt mit den Kapitelüberschriften, lauter Zitatfunden. Etwa: "Da ist das Werk, sorgt um das Geld" - Beethovens Umgang mit den Verlegern und sein Finanzgebaren erscheinen als "ein schönes Durcheinander". Oder "Nichts als Trommeln, Kanonen, Menschenelend", das zielt auf des Komponisten einzige Oper "Fidelio" und sein politisches Denken. "Veränderungen über einen Deutschen" überprüft, wie sich Beethoven im Spiegel der Dichter fokussiert, verbreitert, verformt, verflüchtigt hat. "Mein Engel, mein Alles, mein Ich" zeigt Beethovens tragischen Kampf um die Frauen, besonders die "Unsterbliche Geliebte", die bis heute auf dem Feld endloser Vermutungen ein Phantom geblieben ist.

Beethoven "komponierte in Gedanken, unhörbar, unsichtbar und ununterbrochen

Die Autorin und Musikwissenschaftlerin mit Dissertation über Beethoven, lange Jahre Musikredakteurin der FAZ, fragt im Vorwort, "warum wir von Beethoven so erschüttert werden" - und verweigert eine klare Antwort. Weder gehe es ihr um letzte Wahrheiten noch um "Aufklärung über die Wirkungsmacht des 'Mythos' Beethoven". Eleonore Büning will lieber über seine großen oder kleineren Werke geredet haben, über die "Voraussetzungen ihrer Entstehung", über ihren Erfolg oder Misserfolg sowie das Phänomen der "Spätwirkung".

Büning versteht es, mit Wissen und journalistischer, stilistischer Geistesgegenwart geradezu lustvoll zu prunken. Und die Lust entsteht durchaus beim Leser, der sich ja einem "Musikverführer", wie sich das Buch nennt, anvertraut hat.

Da mag es manchen überraschen, dass Beethoven ein Musiker gewesen sein soll, der sich als "Kopf-Komponist" identifizieren lässt. So heißt heutzutage das kultivierte Schimpfwort für musikalische Dünnblütigkeit. In der Tat, Beethoven "komponierte in Gedanken, unhörbar, unsichtbar und ununterbrochen, wo er ging und stand, ob tags oder nachts. Auch in den Ferien. Er dachte in Musik". Dazu benötigte er seine "Skizzenbücher", die er immer mit sich trug, die er aus Sorge, einen Einfall oder eine Idee zu verlieren, hortete - ein "Kontrollfreak ... mit seinem Sammelwahn".

Büning räumt aber auch viel Raum und Zeit ein für historische, musikalische, ästhetische Beobachtungen und Assoziationen quer durch die Musikgeschichte. Mit Blick in die Sinfonien, Konzerte und Ouvertüren, Sonaten und Variationen, die Trios und Quartette fügt sie den Komponisten in die Musikgeschichte ein: Beethoven und die Ursachen, Bach, Haydn, Mozart, sowie Beethoven und die Folgen, Schubert oder Schumann. Dabei hat sie die Pianisten und Dirigenten gestern und heute im Visier, mit all ihren denkbar ungleichen Auffassungen und Interpretationen.

Im vorletzten Kapitel ist dann "höchste Zeit für einen Kassensturz", mit der finalen Frage: "Wie stehen unserer Beethovenaktien heute? Steigen oder fallen sie? Sind sie nach wie vor stabil?" Über dem Kapitel steht geschrieben: "Roll over Beethoven" - es geht mit dem Komponisten der Neunten von Kubrick über Stockhausen bis zu den Beatles. Und doch hat kaum jemand Beethoven intuitiv so stark erfasst wie der um eine Generation ältere Zeitgenosse Goethe in Weimar: "Zusammengeraffter, energischer, inniger habe ich noch keinen Künstler gesehen. Ich begreife recht gut, wie der gegen die Welt wunderlich stehen muss".