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Elektronische Musik:Entspanntes Verhältnis zum Exzess

Maya Jane Cole

Man kann davon ausgehen, dass Maya Jane Coles um ihre exzeptionelle Rolle als Frau auf dem Feld der elektronischen Musik weiß.

(Foto: liaison artists)

Maya Jane Coles schafft mit ihrem neuen Album eine Genre-Fusion im Pop.

Die Kategorie der Nationalstile im Pop war noch nie besonders sinnvoll. In der globalisierten Welt aber ist sie völlig hinfällig. Chansons werden heute in Berlin und in Paris geraunt, melancholischer Hip-Hop kommt aus Schweden und aus Kalifornien, und Techno-Tracks hört man nicht an, ob sie in Berlin oder im Hinterland von Kalabrien zusammengeschraubt wurden. Man könnte die Kategorie Nation im Pop also getrost entsorgen, gäbe es da nicht England.

Denn hört man das Album von "Nocturnal Sunshine" der Londoner Produzentin Maya Jane Coles, wird nach wenigen Takten klar, dass es nur von der Insel kommen kann. Und das liegt nicht daran, dass der Text zu "Down By The River" in artikuliertem Londoner Akzent gesungen wird (übrigens von der Sängerin der argentinischen Band Catnapp). Vielmehr ist es die düstere elektronische Musik von Nocturnal Sunshine, die eine eindeutige englische Sound-Signatur hat.

Maya Jane Coles nimmt eine im Pop-Geschäft junge Rolle ein: die des weiblichen Star-DJs. So wichtig Techno und House ab den späten 1980-er Jahren waren, der schwulen Subkultur einen Freiraum zu schaffen, so reproduzierten diese Genres seit ihrer Vermassung in den 1990-er Jahren doch ein traditionelles Geschlechterverhältnis. Natürlich gab es schon früh weibliche DJs, die in der Szene hoch verehrt waren, Shinedoe etwa, Monika Kruse oder Electric Indigo.

Das änderte aber nichts daran, dass bald der alte Rock-Heros in Gestalt des "Gas gebenden" Knöpfchendrehers fröhliche Urständ feierte - und der war nun mal männlich. Das ist er auch heute noch, zumindest was die Topverdiener betrifft. Und doch gibt es seit ein paar Jahren immer mehr Frauen, welche die Rolle hinter dem DJ-Pult einnehmen und dafür gefeiert werden: Nina Kraviz etwa, Heidi und vor allem eben Maya Jane Coles. Man kann davon ausgehen, dass sie um ihre exzeptionelle Rolle als Frau auf dem Feld der elektronischen Musik weiß, sie kollaboriert gerne mit Frauen, etwa mit Kim Ann Foxmann von der queeren Band "Hercules and Love Affair". Noch wichtiger jedoch scheint Coles Verwurzelung in der britischen Rave-Szene zu sein.

Geprägt ist der Sound von karibischer Tradition, Spieltrieb und dem Willen zur Innovation

Was diese auszeichnet, ist ein entspanntes Verhältnis zum Massenexzess. Während die elektronischen Musiker im Rest der Welt schier panische Angst davor zu haben scheinen, dass ihre Musik "prollig" klingen könnte, frönt man in England der Kollektivhysterie: kitschige Tranceflächen, MDMA-Melodien, Trommelwirbel, Quietschestimmen. Das Ergebnis ist oft interessant. Maya Jane Coles' DJ-Sets, etwa der vor kurzem erschienene Fabric-75-Mix, wie ihre Techno- und House-Tracks, sind gemacht für Hallen voll schwitzender Jungraver. Das ist ihre Szene, das merkt man ihrem Style an - tätowiert, Nasenring, gerne pink gefärbte Haare. Aber es geht bei ihrem Sound nicht nur um die: Abfahrt. Er zeichnet sich durch ein eigentümlich düsteren Zug aus, der in der Heimat von Joy Division Tradition hat.

Mit ihrem Projekt "Nocturnal Sunshine" spielt Coles diese Karte aus - und bedient sich dabei eines weiteren englischen Genres: Dubstep. Das besondere an diesem Sound ist, dass er in für Kontinentaleuropäer oft nicht mehr nachvollziehbare Abstraktionen gehievt wird. Nicht so bei Nocturnal Sunshine.

Die Tracks wuchern hier nicht wild, sie sind in traditionellen Strukturen gebändigt. Und doch bedienen sich die langsam hüpfenden Beats, etwa in dem grandiosen "Take me there", oder die amorphen Bässe von "Drive" oder die zerhackten Vocals von "Intergalactic" der komplexen Formensprache von Dubstep, für die sowohl karibische Traditionen im englischen Pop verantwortlich sind wie elektronischer Spieltrieb und der unbedingte Wille zur Innovation. Das alles führt Nocturnal Sunshine vor, ohne es zu forcieren. Herausgekommen ist ein Album, das - es befinden sich auch einige Rave-Nummern darauf - sich wunderbar als Einführung in das englische Verständnis von elektronischer Musik gebrauchen lässt. Und doch ist dieses Album auch noch mehr. Seine eigentliche Qualität liegt darin, dass Maya Jane Coles damit einer ganz speziellen Stimmung ein Denkmal setzt: der traurigen Erhabenheit der letzten Momente in einem schon taggrauen Club.