"Dieser Saal kann unglaublich viel. Künstlerisch ist das natürlich eine große Verantwortung", schwärmte Thomas Hengelbrock vor Kurzem in einem Zeit-Interview. Seit 2011 ist er Chefdirigent des NDR-Elbphilharmonie-Orchesters, das früher NDR-Symphonieorchester hieß. Hengelbrock deutete aber auch an, dass die Musik in diesem Wundergehäuse trotzdem nicht von selbst spielt und sein Orchester nun nicht automatisch das beste der Welt ist.
Nach der feierlichen Eröffnung am Mittwoch wird er an diesem Donnerstag das Programm mit Musik von der Renaissance über Ludwig van Beethoven, Richard Wagner bis zu Rolf Liebermann und Wolfgang Rihm vor einem weniger staatstragenden Publikum zum zweiten Mal präsentieren. Oft garantieren solche mit gewissermaßen hysterischer Erwartungsspannung aufgeladenen, man kann auch sagen, belasteten Eröffnungspremieren nicht die besten Aufführungen. Es kann also gut sein, dass sich erst beim zweiten Konzert der volle Zauber dieses mit so viel Vorschusslorbeeren bedachten Konzertsaals einstellt, also genau das, was Thomas Hengelbrock verspricht: "Am Ende kommt heraus, dass man auf jedem einzelnen der 2150 Plätze hervorragend hört."

Elbphilharmonie:"Lieber für Kultur viel Geld ausgeben als für reiche Leute"
Sechs Jahre länger als geplant hat ihr Bau gedauert, und am Ende war er zehnmal so teuer: Trotzdem sind bei der Eröffnung der Hamburger Elbphilharmonie alle versöhnt. Die Bilder.
Weltweit bei großen Orchestern tätig
Thomas Hengelbrock, 1958 in Wilhelmshaven geboren, zählt zu den renommiertesten deutschen Dirigenten seiner Generation, zu der auch der ganz anders geartete Christian Thielemann, Chef der Staatskapelle Dresden, oder der ähnlich an Innovation und Experiment interessierte Ingo Metzmacher gehören. Der Sohn eines Philosophen und einer Theologin hat sich schon mit 16 Jahren ganz seiner Musikleidenschaft ergeben, indem er die Schule verließ, um bei Christian von der Goltz in Würzburg und Rainer Kußmaul in Freiburg Violine zu studieren.
Er war Konzertmeister der Jungen Deutschen Philharmonie, wirkte im Kölner Kammerorchester und im Concentus musicus bei Nikolaus Harnoncourt mit. Genauso anregend wie die Helden der Alte-Musik-Bewegung waren für ihn seine Assistenzen bei den Komponisten Witold Lutosławski und Mauricio Kagel. 1985 gründete er das Freiburger Barockorchester, 1991 den Balthasar-Neumann-Chor und 1995 das Balthasar-Neumann-Ensemble, mit denen er bis heute zusammenarbeitet. 1995 bis 1999 leitete er die Deutsche Kammerphilharmonie, 2000 bis 2003 die Wiener Volksoper. Außerdem gastiert er weltweit bei den großen Orchestern und an allen wichtigen Opernhäusern. Weniger glücklich verlief sein Engagement bei den Bayreuther Festspielen 2011, wo er die "Tannhäuser"-Produktion schon nach einer Saison wieder abgab.
Der immer jugendlich begeistert wirkende Hengelbrock agiert als Dirigent bewegungsreich, großräumig, oft ohne Taktstock. Er neigt eher zum Antreiben als zu klanglicher Gelassenheit. Die Erfahrungen mit der historischen Aufführungspraxis bringt er fruchtbar in die Arbeit mit dem klassisch-romantischen und modernen Repertoire ein.

