Elbphilharmonie Ein Problem der Akustik? Oder des Dirigenten?

Wer aber Jaroussky schon an anderen Orten und unter schlechteren akustischen Bedingungen gehört hat, weiß, dass dieser Mann immer so gut singt: androgyn, distanziert und mit einer leichten Drohung in der Tonfärbung, irgendwo zwischen Sadismus und Exzess. Die Akustik Yasuhisa Toyota ändert rein gar nichts an Jarousskys phänomenalem Können. Sie erlaubt es aber dem Konzertbesucher, jede noch so feine Nuance seines Gesangs zu hören. Das allein ist schon grandios. Sollte Toyota etwa einen sehr, sehr großen Kammermusiksaal ertüftelt haben?

Dieser Eindruck drängt sich an diesem dreistündigen Abend immer wieder auf. Leises und Feines ist stets genau zu hören, da gibt es keine Nebel oder Undeutlichkeiten. Zudem gibt der Raumklang seine dunkle romantische Wärme ganz unangestrengt dazu. Am anderen Pol der Lautstärkeskala aber fällt der Eindruck anders aus. Allerdings muss man dazu sagen: Der Kritiker sitzt rechts über dem Orchester, weit oben, fast auf Augenhöhe mit dem in den Saal aus akustischen Gründen eingelassenen Riesenpilz. In dieser Höhe wird man nie von dem synthetisch kompakten, dennoch alle Instrumente erkennbar lassenden Klang umfangen. Der scheint ferner, als es die Musiker unten tatsächlich sind.

Vermutlich, weil die Kontrabassisten dem Kritiker den Rücken zukehren, sind sie nicht deutlich zu hören und klingen zudem gedämpfter als die angenehm präsenten Holz- und Blechbläser des NDR-Orchesters. Für diese wunderbaren Musiker mit ihren dunklen Schattierungen ist dieser Raum mit seiner Vorliebe für sonore Mittellagen ideal.

Elbphilharmonie Der Mann, der die Elbphilharmonie zum Klingen bringt
Elbphilharmonie

Der Mann, der die Elbphilharmonie zum Klingen bringt

Thomas Hengelbrock leitet als Dirigent die ersten Aufführungen in Hamburgs neuem Konzertsaal. Gut möglich, dass der volle Zauber sich nicht sofort entfaltet.   Von Harald Eggebrecht

Problematischer präsentieren sich die Geigen. Die tönen bei Weitem nicht so rund und sonor wie ihre Bläserkollegen. Schnell geraten sie in lauteren Passagen in die Defensive, spleißen auf, wirken hölzern. Und geräuschhaft Gläsernes wie bei Dutilleux, auch das immer und überall zum Kreischen tendierende Piccologeflöte in Beethovens Neunter werden in ihrer Kratzigkeit verstärkt.

Aber ist das ein Problem der Akustik? Oder nicht doch eines des Dirigenten? Hengelbrock betätigt sich an diesem Abend als Allroundtalent, er hangelt sich durch alle erdenklichen Stile und Schulen. Alle Stücke geht er mit einer soliden Hemdsärmeligkeit an. Besondere Finessen, große Steigerungen, magische Momente lässt dieser betont nüchterne Zugriff aber nicht zu. Auch keine großen Klangentladungen.

Die große Frage ist: Wird es gelingen, auch klassikfernes Publikum zu begeistern?

Das tobende Finale von Messiaens "Turangalîla-Sinfonie" ist in seinem Furor durchaus dazu geeignet, jedem noch so großen Konzerthaus das Dach wegzureißen und gleichzeitig den Klang zu transzendieren, ihn in eine mythische Licht- und Sinnschau zu verwandeln. Glücklich, wer das so erlebt hat, denn davon findet sich nichts bei Hengelbrock. Der Klang bleibt Klang und die Lautstärke ist mittellaut. Möglich, dass die Saalakustik die Dynamik nach oben hin begrenzt. Möglich aber auch, dass Hengelbrock und die Seinen noch nicht wirklich entfesselnd laut und tonschön musizieren können.

Das kann erst die Zukunft zeigen. In dieser Zukunft dürfte die Akustik allerdings das kleinste Problem sein. Wie in allen anderen Konzerthäusern wird es stattdessen darum gehen, mehr klassikferne Menschen in die Veranstaltungen zu locken. Und zwar nicht nur in für Junge, Arbeitslose und Asylanten angebotene Konzerte, sondern in das reguläre Programmangebot, für das Namen wie Gardiner und Petrenko stehen, Kremer und Trifonov, Barenboim und Arditti. Das sei, gerade Joachim Gauck muss solche Sätze sagen, ein Gebot der Gerechtigkeit. Schließlich kosten neue Konzertsäle den Steuerzahler viel Geld. Jetzt ist es also an den Hamburgern, ob sie den scheidenden Bundespräsidenten als Gardinenprediger im Sturmregen am Kaiserhöft stehen lassen. Oder ob sie diese Aufforderung ernst nehmen.

Elbphilharmonie "Lieber für Kultur viel Geld ausgeben als für reiche Leute" Bilder

Elbphilharmonie

"Lieber für Kultur viel Geld ausgeben als für reiche Leute"

Sechs Jahre länger als geplant hat ihr Bau gedauert, und am Ende war er zehnmal so teuer: Trotzdem sind bei der Eröffnung der Hamburger Elbphilharmonie alle versöhnt. Die Bilder.