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"El Camino - Ein Breaking Bad Film":Jesse Pinkman, gut in Business und Marketing

Breaking bad

Jesse Pinkman (Aaron Paul) in "El Camino - Breaking Bad Movie".

(Foto: Ben Rothstein / Netflix)
  • Nach dem legendären Serien-Finale von Breaking Bad hat Regisseur Vince Gilligan die Geschichte für Netflix fortgeschrieben - diesmal als Film.
  • In "El Camino - A Breaking Bad Movie" wird die Geschichte um Walter-White-Handlanger Jesse Pinkman unaufgeregt, aber konsequent weitergesponnen.
  • Der Film läuft seit Freitag auf Netflix.

Ein zottelbärtiger, vernarbter und völlig ausgehungerter junger Mann, der weint und zugleich hysterisch lacht, während er das Gaspedal seines Chevrolet El Camino bis zum Anschlag durchtritt - so ging die legendäre Fernsehserie "Breaking Bad" vor sechs Jahren zu Ende. Jesse Pinkman, dem Drogenkocher und Zauberlehrling des illegalen Methamphetamin-Geschäfts, war nach tausend Gefahren und der Gefangenschaft in den Verliesen einer Neonazi-Gang das Leben zurückgeschenkt worden, und er konnte es selbst nicht fassen. So raste er die nächtliche Staubpiste entlang, während Walter White, sein Mentor, Komplize, Manipulator und am Ende auch Retter, zurückblieb, tödlich verwundet, und zusammenbrach. Schließlich durchschlug Jesses Wagen das Gattertor der Nazi-Farm, sprengte die Ketten in Richtung Freiheit und Erlösung - wenigstens für ihn, dessen Gewissen noch nicht ganz verstummt war.

Es war eines der stimmigsten und wuchtigsten Serien-Finale überhaupt, das sich der "Breaking Bad"-Schöpfer Vince Gilligan da ausgedacht hatte. Der krönende Abschluss einer Erzählung über fünf Staffeln, die das Drogenlord-Potenzial in ganz normalen amerikanischen Durchschnittsmännern ausloten wollte - und dabei doch immer realistisch blieb, präzise in der langsamen Eskalation aller Konsequenzen, in der unerbittlichen Logik des Verbrechens und der tödlichen Ausweglosigkeit für jene, die einmal zu tief hineingeraten waren. Und deshalb konnte man die Nachricht, dass es jetzt "El Camino - A Breaking Bad Movie" gibt, dass Vince Gilligan die Geschichte des befreiten Jesse Pinkman, natürlich wieder von Aaron Paul gespielt, für Netflix fortgeschrieben hat, auch mit einer gewissen Furcht lesen. Manches, was wirklich gelungen ist, sollte man besser nicht mehr anfassen - zu groß die Gefahr, dass man sich selbst noch mal toppen will, dass man den Maßstab verliert und im Nachhinein alles ruiniert.

Breaking Bad El Camino

Ja, er ist es wirklich: Jesse Pinkman (Aaron Paul) konnte seinen Peinigern entfliehen.

(Foto: Ben Rothstein)

Seit Freitagmorgen ist "El Camino" nun auf Netflix abrufbar, und ein Seufzer der Erleichterung ist angesagt. Denn nein, Gilligan hat nicht versucht, eine ganze neue Staffel praktisch in einen Einzelfilm zu packen, ein Feuerwerk aberwitziger Ideen in zwei Stunden Laufzeit hineinzupressen und damit sein eigenes Erzählprinzip zu verraten. Er erzählt einfach konsequent weiter, wie er immer erzählt hat, beginnend mit jener Nacht des gesprengten Gattertors und des rasenden Chevrolet, der dem nachgereichten Film auch seinen Titel gab.

Jesse Pinkman, der stets von Zweifeln geplagt war, darf nicht einfach zum Rambo werden

Natürlich hat das Massaker an den Nazis und der Tod des Drogenlords Walter White landesweit Aufsehen erregt, und natürlich fahnden jetzt alle nach dem entkommenen Jesse. Dessen Freunde Badger und Skinny Pete jedoch sind immer noch da, verpeilt, aber treu, so wie sie seinerzeit ausgestiegen waren, als ihnen die Sache mit dem Dealen zu heiß wurde. Sie verstecken Jesse, der psychisch schwer angeschlagen ist, für eine Nacht, geben ihm Bargeld und ein anderes Auto. Denn nur ein romantisches Outlaw-Märchen würde weiter mit dem auffälligen El Camino durch Amerika brettern - das aber war "Breaking Bad" nie. Hier diktiert auch das Fahndungsnetz der Polizei, was als Nächstes passieren kann, und die Gesetze der Physik sowie der Ehrlichkeit diktieren, dass Walter White wirklich tot ist. Sein Darsteller Bryan Cranston taucht nur in einer Rückblende auf, zu den früheren Zeiten des gemeinsamen Drogenkochens. Damals, nach den ersten großen Erfolgen, wurde die Zukunft besprochen. "Du wärst gut in Business und Marketing", sagt Walter White, und auch, dass es ein Glück gibt, um das er Jesse beneidet: "Du hast nicht dein ganzes Leben gewartet, um etwas Besonderes zu tun."

Ein Satz, der im Gedächtnis bleibt - er fügt der Figur Walter White nichts Entscheidendes mehr hinzu, aber er macht sie noch ein wenig reicher. Und wie es für die Serie typisch war, muss Jesse auch jetzt wieder handfeste und äußerst drängende Aufgaben lösen, allen voran das Problem, dass ihm von seinen ganzen Drogenmillionen kein Cent geblieben ist. Wenigstens 250 000 Dollar braucht er für eine professionelle neue Identität - denn Ed (Robert Forster), der Zenmeister des großen Verschwindenlassens, ist immer noch aktiv. Jesses letzte Hoffnung ist die Erinnerung an seinen toten Nazi-Gefängniswärter Todd und dessen Geldversteck, von dem er nur weiß, dass es sich irgendwo in einer verlassenen Wohnung befinden müsste. So vermischen sich Flashbacks aus seiner qualvollen Gefangenschaft immer wieder mit den Optionen für die Gegenwart, die zunehmend geringer werden, und das alles unter größtem Fahndungsdruck. In der letzten Nacht fehlen nur noch lächerliche 1800 Dollar zur Verheißung des großen Absprungs.

Am Ende fühlt sich "El Camino" exakt richtig an. Denn nein, ein krimineller Großmeister wie Walter White, der einmal die Tiefen der eigenen Finsternis ausgelotet hat - der darf dann nicht einfach von den Toten auferstehen, um neue Spektakel zu entfesseln. Und sein Komplize Jesse Pinkman, der stets von Zweifel geplagt war, der immer jemanden fand, den er retten wollte für ein anderes Leben - der darf dann auch nicht einfach zum Rambo werden, der sich den Weg durch eine Phalanx von Streifenwagen frei schießt.

Und doch war es immer klar, dass hinter dem gesprengten Gatter seine Freiheit liegen muss, vor sechs Jahren genauso wie heute: Jesse kann sich durchschlagen, auf seine ganz eigene Art - manchmal überraschend clever, manchmal mit ein bisschen Dummenglück; manchmal überraschend pazifistisch, manchmal aber doch mit der Todesverachtung eines Mannes, der nichts mehr zu verlieren hat, und zum letzten Duell bereit ist. Und genauso passiert es jetzt, mit einigen schönen Sequenzen, die man dem eigenen "Breaking Bad"-Kosmos in der Erinnerung hinzufügen kann. Vince Gilligan hat keinen Wahnsinns-Film geschaffen, der mit irren Überraschungen aufwartet und sein eigenes Universum sprengt. Dafür aber eine seiner besten Serienfolgen, mit sechs Jahren Verspätung einfach hinten drangehängt. Es fühlt sich so an, als ob seit damals kein Tag vergangen wäre - und das sagt eigentlich alles über die andauernde Kraft dieser großen amerikanischen Erzählung.

El Camino: A Breaking Bad Movie, USA 2019 - Regie und Buch: Vince Gilligan. Kamera: Marshal Adams. Mit Aaron Paul, Robert Forster, Bryan Cranston, Charles Baker. Netflix, 122 Minuten.

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