"Ekzem Homo" in den Kammerspielen Der Mensch - eine Heimat für Parasiten

Mit erhobenem Zeigefinger: Gerhard Polt (r.) in seinem Stück "Ekzem Homo" in den Kammerspielen München.

(Foto: imago/DRAMA-Berlin.de)

Leben und Streiten mit den Nachbarn - zur Not mithilfe einer Holz-Kalaschnikow: Gerhard Polts "Ekzem Homo" zeigt die Niederungen auf der anderen Seite des Lattenzauns und lässt die Zuschauer lachend, jodelnd und klatschend zurück.

Von Christine Dössel

Am Ende: Jubel. Helle Begeisterung. "Ekzem Homo" löst beim Publikum einen verstärkten Lach- und Klatschreiz aus. Das war abzusehen: Wenn Gerhard Polt und die musizierenden Well-Brüder aus dem Biermoos (formerly known as Biermösl Blosn) ein neues Programm in den Münchner Kammerspielen geben, dann ist das von vornherein Kult. Ausverkauft über Wochen. Die könnten sich da vorne auf der Bühne wahrscheinlich auch durch das örtliche Telefonbuch von Miesbach gstanzln oder ihre tatsächlich ziemlich lasche Feuerwehr-Einlage (Brandschutzschulung bei der Freiwilligen Feuerwehr Hausen samt Vorführung absurder "Worst Case"-Auflagen) noch weiter ausdehnen - das Publikum würde sie lieben und sie liebend beklatschen.

Und sie sind ja auch zum Lieben. Zum Schießen und zum Niederknien. Meister Polt in alter kabarettistischer Menschenfeindgröße, die Brüder Michael, Christoph und Karli Well als satirisch ihn flankierendes Dreigestirn. Zwar nicht mit ungebremster Zugkraft, nicht ohne Absacker im szenischen Fluss (und Biss), aber halt doch: genialisch damisch, witzig, gschert. Und was den Denker Polt angeht: immer wieder auch anthropologisch-philosophisch. Etwa wenn er darüber sinniert, dass der Mensch ein "Zwischenwirt" ist, "eine Heimat für Parasiten, Viren, Bazillen, Versicherungen, Geschäftsleute, Beerdigungsinstitute, Waffenhändler, Religionen und Fußpilze". Um grübelnd anzufügen: "Wer ist Wir? Ich jedenfalls nicht! Wir - das sind die anderen."

Tür an Tür, Vorgarten an Vorgarten mit den "Grattlern"

Um das Ich in der permanenten Konfrontation mit dem Wir der anderen geht es in "Ekzem Homo" generell, sprich: um Nachbarschaft. Zunächst um die Nachbarschaft im engen Sinne, Tür an Tür, Vorgarten an Vorgarten mit den "Grattlern" und Grillern von nebenan. Aber schon auch um das Mitmenschentum im weiteren Einzugsbereich des täglichen (Landkreis-)Lebens, personifiziert durch prototypische Steuerzahler und Steuergeldverschwender. Polt spielt den renitenten Rentner Brezner, der in ungesunder Nachbarschaft zu den drei Well-Brüdern auf der einen und einem gewissen Herrn Merki (dem Schauspieler Stefan Merki) auf der anderen Seite des Lattenzauns lebt.

Polt als Motzer und Moserer vor dem Herrn. Erst kommt er den Nachbarn mit der Grillverordnung, später setzt er eine Drohne ein, und am Ende mäht er den Merki mit einer Holz-Kalaschnikow nieder. Dieser hatte das schon befürchtet: "Um einen anderen umzubringen, muss man ja nicht zwangsläufig religiös sein."

Der Nachbarschaftsstreit ist der lose Rahmen für eine Abfolge satirischer Nummern, die insgesamt mehr Kabarett sind als ein Stück (Regie: Johan Simons). Polt als salbadernder Demokratler, als findiger Mehrwertssteuertrickser, als indischer Aushilfspfarrer in der oberbayerischen Diaspora: ganz große "Kleinkunst", wie Polt das nennt. Hinreißend, wie er den Miesbacher Ex-Landrat Jakob Kreidl imitiert: als spätrömischen Dekadenzler in der Badewanne.

"Schweinsbraten für die Welt"

Die Well-Brüder - seit 2012 ohne ihren großen Bruder Hans - begeistern mit gewohnter Meisterschaft auf allen möglichen Instrumenten, vom Dudelsack über die Quetsche, von der Drehleier und der Bachtrompete bis hin zu Harfe und Kontrabass. Sie wissen ein schlagendes Lied auf "Unsere tapfere Polizei" zu singen, fordern "Schweinsbraten für die Welt" (zur Rettung des Abendlandes) und kriegen auch mal den "Steuerblues".

Absolut hittauglich ist ihr Rap "Scola Bavaria". Hier zum Mitsingen der Refrain: "Cogito ceterum ergo sum/ Gymnasium bavarium macht saudumm/ motherfactum G8 destroiandum/ quod erat demonstrandum!" Darauf folgt ein dummes: "What?" Ein Knaller.

Im Zuschauerraum: selige Gesichter. Es wird tatsächlich immer mal wieder mitgesungen, mitgejodelt. Man meint an diesem fröhlichen Premierenabend, die hohen Sympathiewerte im Parkett direkt spüren zu können. Sie laden den Raum auf mit einer beglückend guten Energie. Mit einem Gemeinschaftsgefühl, wie nur das Theater es erzeugen kann. Es ist in diesem Fall auch ein explizit bayerisches Wir-Gefühl. "Ekzem Homo" speist sich aus der Tradition kritischer brettl- und wortkünstlerischer Hinterfotzigkeit, wie sie schon Karl Valentin in den Kammerspielen betrieben hat.

Stolz keimt da auf - und die Erinnerung an so legendäre Kammerspiele-Revuen von Polt und der Biermösl Blosn wie "München leuchtet" (1984), "Diridari" (1988) oder "Tschurangrati" (1993). Glücklich das Land, das solche Künstler hat. Es macht die Nachbarschaft des politischen und menschlichen Übels sehr viel erträglicher.