Eklat beim Filmfestival Istanbul Warum ein PKK-Film Ankara Angst macht

Azize Tan, Leiterin des Internatinalen Filmfestivals Istanbul.

(Foto: IKSV)
  • Die türkische Regierung hat beim Internationalen Filmfestival in Istanbul den Dokumentarfilm "Norden" über die PKK aus dem Programm genommen.
  • Als Reaktion ziehen 23 türkische Regisseure ihre Filme aus den Wettbewerbern zurück. Sie erheben den Vorwurf der Zensur.
  • Festivalleiterin Azize Tan hat die Abschlussveranstaltung gestrichen. Sie begrüßt die Protestaktion.
Von Paul Katzenberger, Istanbul

Es kann lang dauern, bis sich nach einem Beben die Erde wieder beruhigt hat. Das merkt im Augenblick auch Azize Tan, die Leiterin des Internationalen Filmfestivals Istanbul. Wie sehr der Boden schwankt, auf dem sie steht, merkt sie daran, dass seit Sonntag ihr Handy pausenlos klingelt.

Tan steht im Zentrum eines Eklats, den kurdische Dokumentarfilmer ausgelöst haben, weil sie eine Entscheidung des türkischen Kulturminsteriums nicht hinnehmen wollen. Stein des Anstoßes: Wenige Stunden vor der Aufführung des Dokumentarfilmes "Bakur" ("Norden") erhielten die Istanbuler Festivalmacher die Anweisung aus Ankara, den Film nicht aufzuführen. Andernfalls drohten rechtliche Konsequenzen.

Die Vorführung der Doku wäre ein Novum gewesen

In der Doku der Regisseure Çayan Demirel and Ertuğrul Mavioğlu geht es um die Ausbildungslager der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK. Filme mit dieser Thematik sind in der Türkei bereits vorgeführt worden, allerdings immer aus Kurdengebieten, die außerhalb der Türkei liegen, etwa im Irak.

Filmstill aus "Bakur": Die Doku behandelt die Ausbildungslager der verbotenen PKK - und den Rückhalt in der Bevölkerung.

(Foto: IKSV)

"Bakur" zeigt hingegen das Verhältnis zwischen Bevölkerung und PKK-Kämpfern auf türkischem Boden auf. Insofern wäre die Vorführung der Doku ein Novum gewesen. Doch dazu sollte es plötzlich doch nicht kommen. Die Regierungsbeamten rechtfertigten das lapidar mit der fehlenden offiziellen Anmeldung des Filmes. Ein entsprechendes Zertifikat sei nicht vorhanden.

Festival- und Filmemachern erschien diese Begründung fadenscheinig. Das angemahnte Papier werde für die eingereichten Filme sonst auch nicht verlangt, hieß es von Seiten des Festivals. Es gilt als Relikt früherer Überwachungspraktiken, und so war schnell von Zensur die Rede.

"Der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte"

Und diese hinzunehmen, dazu sind türkische Kunstschaffende immer weniger bereit. "Es war der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte", sagte Festivalleiterin Azize Tan SZ.de.

Als Zeichen des Protestes nahmen die kurdischen Dokumentarfilm-Regisseure Ömer Leventoğlu und und Ihsan Kacan ihren Beitrag "Berroj" ("Before Dawn") aus dem Wettbewerb - und plötzlich formte sich eine gewaltige Solidaritätswelle: Insgesamt stoppten 23 türkische Regisseure die Vorführung ihrer Werke auf dem Festival. Die Festivalleitung erklärte alle Wettbewerbe für beendet. Die Jury trat zurück. Die Abschlusszeremonie wurde gestrichen - lauter hat es bei einem Festival selten gekracht.

Ginge es nach Mavioğlu, einem der Regisseure des abgemahnten Films, hätte sich das Festival der Regierungsorder schlicht widersetzt und "Bakur" trotz aller angekündigten Repressionen gezeigt. Doch Festivalleiterin Tan hatte Angst vor einer gewaltsamen Zuspitzung der Situation: "Wir wollten nicht, dass plötzlich die Polizei das Kino räumt." Ganz unbegründet ist diese Sorge nicht: Vor zwei Jahren gab es am Rande des Filmfestivals in Istanbul Proteste, dabei kam es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstranten. Die Protestaktion lobte Tan dennoch: "Es geht um mehr als dieses eine Festival, es geht um die Überwindung der Zensur in der Türkei."

Angst vor Machtverlust der Regierungspartei

In einem offenen Brief in türkischen Medien werfen mehr als hundert Filmemacher der Regierung Unterdrückung und Zensur vor und legen zudem den Verdacht nahe, dass hinter dem Verbot des Films politische Gründe stünden. Für Ankara sei es problematisch, dass in "Bakur" gezeigt werde, wieviel Rückhalt die PKK-Aktivisten in den türkischen Kurdengebieten bei der örtlichen Bevölkerung hätten, sagte der kurdische Produzent Mehmet Aktaş SZ.de. "Offiziell wird die PKK immer als terroristische Organisation dargestellt, doch der Film entwirft ein ganz anderes Bild von der kurdischen Freiheitsbewegung."

Der kurdische Produzent Mehmet Aktaş zog seinen Spielfilm "Memories on Stone" aus dem internationalen Wettbewerb zurück - er geht von politischer Einflussnahme aus.

(Foto: mîtosfilm/oh)

Der Kurdenpartei HDP könnte bei den Parlamentswahlen im Juni der Einzug in die Große Nationalversammlung gelingen - diese Sorge treibe die türkische Regierungspartei AKP derzeit um. Im Kern gehe es der Regierung also um die Angst vor einem Machtverlust, glaubt Aktaş: "Da tut man so einiges, einen Film wie 'Bakur' kurzfristig streichen, ist da noch die kleinste Übung." Die Vorführung in Istanbul sei für die Regierung allerdings gar nicht das eigentliche Problem gewesen, sondern der Kinostart. "Wenn dadurch vielen Leute klar wird, dass die PKK ganz anders ist, als es offiziell scheint, dann schadet das der AKP langfristig."