Frankfurter Buchmesse Bücher, Fäuste, Illusionen

Bei einer Podiumsdiskussion mit Thüringens AfD-Landes- und Fraktionschef Björn Höcke kommt es auf der Frankfurter Buchmesse zu Tumulten.

(Foto: picture alliance / Frank Rumpenh)

Was man aus dem Buchmessen-Eklat lernen kann? Es ist Zeit, Abschied zu nehmen von der Illusion, das Buch könne nur ein Medium der Zivilisierung und des Brückenschlags sein.

Kommentar von Lothar Müller

Die Bestürzung ist groß. Bei der Frankfurter Buchmesse gab es Schlägereien, von Unbekannten nächtens leer geräumte Ausstellungsstände, Buchpräsentationen, bei denen die Fäuste flogen. "Mit Linken leben" hieß das Buch aus dem Antaios Verlag, dem der thüringische AfD-Abgeordnete Björn Höcke durch seine Anwesenheit die Chance gab, einen Eklat zu provozieren. Das Buch war eine mit heißer Nadel gestrickte Replik auf das bei Klett-Cotta erschienene Buch "Mit Rechten reden". Dieser Titel war programmatisch gemeint, er plädierte für Debatten über das Kleingedruckte statt für Ausgrenzung des politischen Gegners.

Nun, nach dem Eklat, sieht das aus wie ein frommer Wunsch. Ist es aber nicht. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels als Veranstalter der Messe kann Verlagen, die nicht strafrechtlich zu belangen sind, einen Ausstellungsstand nicht verweigern; auch dann nicht, wenn dort Bücher ausliegen, die Björn Höcke gerne liest. Er kann auch nicht jungen Männern in Springerstiefeln den Zugang zur Messe verwehren, ehe sie die Fäuste schwingen. Das gleiche gilt für Mitglieder von Antifa-Stoßtrupps, die es beim Skandieren von Parolen nicht belassen mögen. Hier wie dort muss die Buchmesse das Risiko des Eklats auf sich nehmen, wenn sie sich rechtsstaatskonform verhalten und nicht den bloßen Verdacht zu einem Ausschlusskriterium machen will.

Bücher können Brandbeschleuniger sein, sie können Weltbilder ebenso sehr verengen wie ausweiten

Die im Vorfeld der Messe erhobene Forderung, Verlagen, die der politischen Rechten nahestehen, gar nicht erst den Zugang zur Messe zu gewähren, ist durch den Eklat nicht im Nachhinein bestätigt worden. Wäre der Börsenverein ihr nachgekommen, hätte er den Opfermythos der Ausgeschlossenen, die Rede von der Mainstream-Öffentlichkeit, die unter sich bleiben will, mit neuem Brennstoff versorgt.

In der Bestürzung über die Nähe von Büchern und Schlägern steckt nicht selten eine Illusion, die sehr viel mit den Sonntagsreden der Buchbranche über sich selber zu tun hat. In diesen Sonntagsreden ist das Buch als solches ein Medium der Zivilisierung, des Brückenschlags zwischen den Menschen, ein Instrument der Kultur, das verlässlich der Barbarei entgegenarbeitet. Der Frankfurter Eklat kann dazu anregen, Abschied von dieser Illusion zu nehmen. Denn es mag im Einzelfall zutreffen, dass einem kultivierten Leser ein illiterater Schläger gegenübersteht. Beunruhigender und realistischer im Deutschland des Jahres 2017 ist aber der Fall, in dem auch im Schläger ein Leser steckt.

Zeitungen, Zeitschriften, Bücher können Brandbeschleuniger sein, sie können - auch unterhalb der strafbewehrten Ebene der Volksverhetzung - Weltbilder ebenso sehr verengen wie ausweiten, Stimmungen und Affekte ebenso gut verstärken wie Argumente. Das zeigt sich derzeit in der Öffentlichkeit der Bundesrepublik. Und es zeigte sich, schon ehe die Fäuste flogen, auf der Buchmesse. Der Eklat ist nicht von außen über sie hereingebrochen. Vermeidbar durch Ausschlüsse war er nicht. Schläger kann man festnehmen.

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