Ekelfernsehen Für eine Handvoll Bohnen

Die RTL-Dschungel-Show "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" setzt neue Tiefpunkte in der deutschen TV-Geschichte. Abgehalferte B-Promis hoffen auf Ruhm - und offenbaren ihre Sucht nach der Droge Aufmerksamkeit.

Von Von Hans-Jürgen Jakobs

Früher war es in Zeitungen gang und gäbe, Fortsetzungsromane zu drucken. Es handelte sich dabei um "erfundene" Literatur. Heute liefert die Realität - oder das, was das Fernsehen dafür hält - die besten Geschichten, und so sind die Boulevardblätter seit Tagen voll mit irgendwelchen Aufmachern über eine armselige Dschungel-Show auf RTL, die sich Ich bin ein Star - Holt mich hier raus! nennt.

Daniel Küblböck aus Eggenfelden bei der Begegnung mit 3000 Kakerlaken

(Foto: Foto: AP)

Dabei sitzen bloß neun abgehalfterte Stars der Entertainment-Branche meist gelangweilt im australischen Urwald und lassen Mutproben über sich ergehen, die dieser Gruppe der Verzweifelten mehr Essen sichern sollen als die von RTL gewährte Reis-Bohnen-Portion.

Man sieht also: Gottlieb Wendehals mit Schwabbelbauch; Daniel Küblböck, die quiekende Brillenschlange der Fernsehtropen; Susan Stahnke, apathisch gewordene Beinahe-Hollywood-Legende; Costa Cordalis, der gemütliche Griechenkäfer; Caroline Beil, die bösmaulige Zicke; Lisa Fitz, die zur Walküre gereifte Kabarettistin; oder Carlo Tränhardt, der Waschbrettbauch-Seniorenstenz.

König des Dschungels und Eierdiebin

Diese B-Prominenten hoffen auf das große Comeback, das Künstlern in Großbritannien und USA widerfahren ist, die ähnlichen Shows sehr lebendig und mit gut dotierten Verträgen entkamen. Und so spielen alle mit beim Ekelfernsehen: Daniel ließ sich mit 30.000 Kakerlaken überschütten und hielt den Kopf ins "Terror-Aquarium" mit Aalen und Spinnen, worüber er für die tz zum "König des Dschungels" wurde.

Frau Beil wiederum klaute, mit Sirup beschmiert, Straußen-Vögeln im Gehege deren Eier, die daraufhin an ihr herumhackten - was bei Bild zur "bösen Verletzung" wurde, obwohl die Eierdiebin recht munter wirkte. Als Moderatorin von Blitz auf Sat 1 war sie Abartiges gewohnt.

"Das sind Leute, die die Droge Aufmerksamkeit brauchen", sagt Medienpsychologe Jo Groebel, der sich nach Küblböcks Spinnenpanikattacke an "Folter" erinnert fühlte - dabei handelt es sich wohl nicht um einen Fall für Amnesty, sondern für die Seelsorge.

Katholiken fordern Absetzung der Show

Die Katholische Elternschaft Deutschlands und Bayerns Familienministerin Christa Stewens forderten die Absetzung, Tierschützer nannten die Inszenierung "ethisch verwerflich", und die Medienwächter sagten für Mitte Februar eine Überprüfung zu - wo doch schon am nächsten Dienstag die Zuschauer beim Finale ihren Helden wählen.

RTL hat also allen Grund zur Freude, denn reflexartige Medien-Begleitung beschert beste Quoten: Am Dienstag schauten 7,18 Millionen dem Lendenschurz-Treiben zu, ein Marktanteil von 33,3 Prozent.

Weltweit haben gleichgelagerte Formate bereits seit Jahren effektvoll Instinkte angesprochen - Schadenfreude und Voyeurismus, ja sogar Sadismus, machten dieses Reality-TV zum Erfolg. Vor allem, wenn sich ein paar prominente Nervensägen blamieren und nicht mehr - wie in früheren Insel-Shows - Unbekannte.

Auch rufen Zehntausende für 49 Cent die Minute bei RTL an, um einen der Camp-Bewohner für Aufgaben zu wählen. So gibt es für den Bertelsmann-Sender keinen Grund für eine Debatte über Menschenwürde: Was die Leute im Dschungel machten, sei "ihre eigene Entscheidung, ihre eigene Verantwortung. Sie können ja jederzeit gehen", sagt ein Sprecher. Das stimmt - und doch zeigt der Sender mit seinen Spielchen, dass in 20 Jahren Privatfernsehen in Deutschland der absolute Tiefpunkt noch nicht erreicht, sondern weiter gesucht wird.

Das Lager in der Wildnis kommentieren sarkastisch der mönchische Komödiant Dirk Bach und die talkshow-gehärtete Sonja Zietlow, die nach Witzchen immer wieder den Blick freigeben auf eine Bühne, die Frau Stahnke im Einteiler zeigt, schwimmend im Urwald-Tümpel.

Gewichtsverluste bei den Damen

Die Versuchsanordnung erinnert an "Dogville", den gesellschaftserklärenden Film von Lars von Trier, in dem eine Stimme aus dem Off beständig die Szenerie einer pervertierten Lebensgemeinschaft erklärt, und aus der am Ende ein Hund überlebend hervorkriecht. Bei RTL geht es um Gewürm und um lauter Verlierer, die aus dieser Sache nicht mit einem besseren Image heraus kommen.

Letzte Nachricht aus dem Camp: Caroline Beil soll vier Kilo, Susan Stahnke drei Kilo abgenommen haben. Und Susanne Böhm liebt ihren Werner alias Wendehals weiter, obwohl Millionen Zuschauer dessen Fettbauch sahen. Polonaise im Busch: Es darf gelacht werden.