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Beutekunst:Die letzte Brücke

Deutsch-russische Eisenzeit-Ausstellung

Exponate für die "Eisenzeit"-Ausstellung im Berliner Museum für Vor- und Frühgeschichte vor dem Transport nach Sankt Petersburg.

(Foto: Janine Schmitz/dpa)

Die deutsch-russischen Beziehungen sind auf dem Tiefpunkt. In Sankt Petersburg läuft eine Ausstellung mit Beutekunst aus Deutschland - und mit deutschen Leihgaben. Bringt die Kultur Annäherung?

Von Silke Bigalke und Sonja Zekri

Corona hat ja auch Vorteile. Es bietet beispielsweise in heiklen Lagen guten Ausreden. Dass zur Beutekunst-Ausstellung "Eisenzeit" in Sankt Petersburg keine politische Delegation aus Deutschland anreiste, lässt sich mit der Pandemie schlüssig erklären. Zur Vorgängerschau "Bronzezeit" hatten sich Kanzlerin Angela Merkel und der russische Präsident Wladimir Putin noch in Sankt Petersburg getroffen - wenn auch zähneknirschend.

Das war 2013. Seitdem hat Russland die Krim annektiert, der russische Oppositionspolitiker Alexej Nawalny wurde vergiftet, das deutsch-russische Verhältnis ist auf einem noch tieferen Tiefpunkt. Aber jedes Fernbleiben erklärt sich derzeit durch das Virus.

Die Corona-Verluste waren hoch, ausgerechnet im deutschen Kulturjahr in Russland. Die Romantik-Ausstellung "Träume von Freiheit" der Moskauer Tretjakow-Galerie und der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden wurde verschoben, ebenso die gemeinsame Europa-Ausstellung des Berliner Gropius-Baus mit der Tretjakow-Galerie. Ob "Eisenzeit" eröffnen würde, stand noch wenige Wochen vorher in den Sternen. Wäre sie abgesagt worden, Russlands Nationalisten hätten es nicht bedauert. Europa, Freiheitsträume, Westkontakte halten sie für überflüssig, ja schädlich.

Wenn wir so etwas machen können, denken wir nicht an Nawalny, sagt ein Forscher

"Eisenzeit" ist nach den "Merowingern" 2007 und der "Bronzezeit" die dritte Ausstellung mit Exponaten aus deutschen Museen und Beutekunst aus russischen Museen. Die deutschen Kooperationen kann man resignativ finden oder sogar als Legitimierung der unerträglichen russischen Gewaltpolitik. Deutsche Weicheierei, wieder mal. Man kann sie aber auch mit den Augen der Wissenschaft betrachten, und dann verschiebt sich einiges. Anton Gass ist Archäologe im Museum für Vor- und Frühgeschichte, aus dem die meisten Beutekunst-Objekte der "Eisenzeit"-Schau stammen. Er sieht vor allem Möglichkeiten: den Zugriff auf Objekte, deren Verbleib jahrzehntelang nur einer Handvoll sowjetischer Experten bekannt war und nicht gezeigt oder erforscht wurden. Sich der gemeinsamen "Eisenzeit"-Ausstellung zu verweigern, sagt Gass, das wäre, "als würden wir unsere eigene Geschichte vernichten".

Deutsch-russische Eisenzeit-Ausstellung

Viele der 1600 Exponate stammen ursprünglich aus deutschen Museen.

(Foto: Janine Schmitz/dpa)

Und die russische Gewaltpolitik? Ein Forscher formuliert es drastisch: "Wenn deutsche Wissenschaftler mit russischen Kollegen, sagen wir, die Auswirkungen der Meeresspiegelschwankungen für den griechischen Schwarzmeerraum untersuchen, dann denken sie nicht an Nawalny."

"Eisenzeit" ist in Sankt Petersburg in der Manege untergebracht, der einstigen Reithalle dieses riesigen Palastkomplexes. In grauen Glasvitrinen liegen Urnen und Krüge, Fibeln und Halsketten, Tierfiguren und Pfeilspitzen, meist aus Grabkammern. Räumlich umspannt die Ausstellung ein Gebiet von Spanien bis zum Uralgebirge und zeitlich eine kleine Ewigkeit, beinahe das gesamte Jahrtausend vor Christus.

Der neue Werkstoff hatte Europa verändert, denn Eisen war härter und leichter verfügbar als Kupfer. Es machte Rüstungen stabiler, ermöglichte neue Waffen und verbesserte Werkzeuge wie den Pflug. Die wenigsten Exponate sind aus Eisen, man findet bronzene Helme aus Italien, Fibeln aus dem heutigen Deutschland, Trensen aus dem Kaukasus, Goldschätze vom Schwarzen Meer.

Es braucht Fantasie, damit sich die 1600 Gegenstände zur Idee einer Epoche formen. Sie stammen aus einer Zeit, als es keine Staaten, keine Landesgrenzen gab, als Griechenland das zivilisatorische Zentrum Europas war und nördlich davon Stämme zu Völkern heranwuchsen, zu Kelten und Skythen etwa. Allen gemeinsam war ein enormer Bewegungsdrang, der Kampf um Territorien, das Streben nach Wohlstand. Der Motor ihres Fortschritts war das Eisen.

Einzelne Exponate verraten, wie sich die Völker durch Eroberungszüge und Handelsreisen gegenseitig inspirierten. In einem Grabhügel in Bayern fand vor 130 Jahren ein Antiquitätenhändler eine Linsenflasche aus dem 5. Jahrhundert vor Christus. Das Gefäß ist mit Tierfiguren verziert, ein Hund jagt einen Hasen, gefolgt von Hirschen und Wildschweinen. Die Tierdarstellungen zeigen nicht nur Einflüsse aus Norditalien, sondern auch der skythischen Kunst. Die Handschrift der Reiternomaden aus dem heutigen Südrussland fand sich damals auch in Mitteleuropa, vielleicht sogar im bayrischen Matzhausen.

"Kriegsbedingt verlagert" steht auf vielen Schildern, es ist die diplomatische Umschreibung für Beutekunst aus dem Berliner Museum für Vor- und Frühgeschichte, das seinerseits Leihgaben nach Russland geschickt hat. In einer Vitrine ist dies ein Schatz aus einer kleineren Grabkammer im saarländischen Besseringen, entdeckt vor zweihundert Jahren beim Straßenbau. Die Leiche wurde um das Jahr 450 vor Christus vermutlich verbrannt, und die Asche in einer kupfernen Schnabelkanne bestattet. In dem keltischen Grab fand man Teile eines geschmückten Wagens und einen goldenen Halsring mit Blütenknospen in der Mitte, eingerahmt von zwei Vögeln. Die Schätze aus Besseringen wurden nach dem Zweiten Weltkrieg auf drei Museen in beiden Ländern verteilt. Nun hat das Berliner Museum Teile des Zierwagens nach Sankt Petersburg geschickt, der goldene Halsring kommt aus dem Moskauer Puschkin-Museum, die Kanne für die Asche war bereits in Sankt Petersburg. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten kommt zusammen, was zusammengehört.

ACHTUNG: UNBEDINGT VOLLSTÄNDIGEN CREDIT ANGEBEN: Claudia Klein/Staatliche Museen zu Berlin/Museum für Vor- und Frühgeschichte - Bildbeschreibung unter : https://www.preussischer-kulturbesitz.de/newsroom/presse/pressebilder/

Bronzene Maskenfibel aus dem fünften Jahrhundert vor Christus, gefunden bei Berlin.

(Foto: Claudia Klein/ Staatliche Museen zu Berlin)

Der frühere russische Kulturminister Michail Schwydkoj ist Sonderbeauftragter des Präsidenten für internationale kulturelle Zusammenarbeit. Dass die Ausstellung zustande kam, sieht er als Gewinn. "In Russland wird ständig diskutiert: Wer sind wir?", sagt er der SZ: "Es ist für uns sehr wichtig, dass wir Teil eines europäischen Raumes sind." Den Beweis dafür lieferten auch die Artefakte der Eisenzeit.

Würde die Schau nach Deutschland kommen, würde die Beutekunst sofort beschlagnahmt

Der Ermitage-Direktor Michail Piotrowski schickt eine Videobotschaft. "All diese kapitalistischen Gespräche darüber, wem was gehört, sind für die Kultur und Wissenschaft wichtig, aber für die Wissenschaft ist die Wissenschaft noch wichtiger." Und obwohl gerade die "kriegsbedingt verlagerten Objekte" von anderem zeugen, beschwört Piotrowski die Kultur als überzeitlichen, überpolitischen Schutzraum, unangetastet von unappetitlichen Regimen oder aktuellen Zerwürfnissen: "Wenn alle Beziehungen zerbrochen sind, arbeiten Museen und Kultur als Brücke. Die internationale Lage ist schlecht. Die Kulturbrücke muss als letzte gesprengt werden."

Seit den Neunzigerjahren gilt das russische Beutekunstgesetz, das die "kriegsbedingt verlagerten Objekte" als Entschädigung für die Verbrechen der Deutschen im Zweiten Weltkrieg zu russischem Eigentum erklärte. Und doch scheint Bewegung möglich zu sein. In der Nacht zum Dienstag ist Irina Antonowa gestorben, die als Direktorin des Moskauer Puschkin-Museums jahrzehntelang über Beutekunst nicht einmal sprechen wollte. Der Berliner Archäologe Gass beobachtet bei seinen russischen Kollegen seit Längerem schon einen neuen Blick. Sie betrachteten es zwar als ihre Aufgabe, die Stücke aus Deutschland zu betreuen, aber auch als Bürde. Die russischen Sammlungen zur Vor- oder Frühgeschichte stammten aus Sibirien, der Ukraine, dem Kaukasus. Was nach dem Krieg aus Berlin gebracht wurde, oft ohne Funddokumentation, gehörte jedoch zu Ausgrabungen in Mittel- und Westeuropa. Wenn die Exponate nicht wie jetzt in Sankt Petersburg mit den Komplementärstücken aus Deutschland vervollständigt werden, bleiben sie einfach: Dinge.

Man kann die "Eisenzeit"-Ausstellung also als Fortschritt betrachten. Eine Lösung ist sie nicht. Ermitage-Direktor Piotrowski spielt das Problem herunter. Vieles sei ohnehin bereits zurück in Deutschland, sagt er, und in der Tat hat die Sowjetunion an DDR-Museen vieles zurückgegeben. Der Rest werde sich "von selbst lösen".

Dabei ist für die "Eisenzeit"-Ausstellung schon der nächste Schritt unmöglich: die Reise nach Deutschland. Würde die Schau in Berlin gezeigt, würde die Beutekunst sofort beschlagnahmt, denn Deutschland hat seinen Anspruch nie aufgegeben. Nicht einmal ein Umweg für die gemeinsame Ausstellung ist denkbar, etwa eine Präsentation in einem Nachbarland. Das Selbstbild deutscher Museen als geplünderte Opfer lässt sich indes nicht mehr aufrechterhalten. Man weiß nur zu gut, dass auch die Trophäen deutscher Kolonialherrschaft verschleppt und verschwiegen wurden. Auch dieses Kulturgut fremder Völker lagert teils unerforscht oder unausgepackt in den Depots.

2021 jährt sich der deutsche Überfall auf die Sowjetunion zum 80. Mal. Und doch ist das Gedenken an den Vernichtungsfeldzug in seiner beispiellosen Dimension vor allem im Westen Deutschlands erbärmlich unterentwickelt. 27 Millionen Tote, die geplante Vernichtung ganzer Städte, die geplünderten Museen und Kirchen, die Ruinen der Zarenschlösser bei Leningrad, das alles waren Folgen einer Ideologie, die den "Untermenschen" erst die Kulturfähigkeit und dann das Lebensrecht absprach. Die russische Unnachgiebigkeit in der Beutekunstfrage war lange Zeit nicht nur, aber auch eine Reaktion auf diese deutsche Geschichtsverweigerung. 2021 könnte das Jahr großer Gesten werden. Wenn Deutschland es will.

© SZ/jhl
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