Rüdiger Safranskis "Einzeln sein":Me, myself and I

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Rüdiger Safranskis "Einzeln sein": Nur für dich bestimmt: Ein Einzelner zu sein, muss man lernen. Zum Beispiel von Kafka? Das schlägt Rüdiger Safranski vor.

Nur für dich bestimmt: Ein Einzelner zu sein, muss man lernen. Zum Beispiel von Kafka? Das schlägt Rüdiger Safranski vor.

(Foto: Patrick Seeger/picture alliance/dpa)

Auch früher war man schon allein. Rüdiger Safranski hat ein paar schillernde Einzelgänger aus der Geschichte zusammengetrommelt.

Von Burkhard Müller

Die gegenwärtige Pandemie hat dazu geführt, dass viele Leute mehr Zeit mit sich selbst verbracht haben, als es sonst der Fall war, und vielleicht haben sie auch darüber nachgedacht, mit wem sie es denn da eigentlich zu tun bekamen. "Allein: In schlechter Gesellschaft", definiert "Des Teufels Wörterbuch" von Ambrose Bierce. Es scheint ein guter Zeitpunkt zu sein für ein Buch wie "Einzeln sein - Eine philosophische Herausforderung" von Rüdiger Safranski.

Als philosophische Herausforderung geht der Autor das Thema freilich nicht an, sondern, wie es seine Art ist, eher in Form des persönlichen Porträts. In 16 Kapiteln sowie mehreren Zwischenbetrachtungen treten neben anderen auf: Martin Luther, Montaigne, Rousseau, Diderot, Kierkegaard, Stefan George, Sartre, Jaspers, Hannah Arendt, Ernst Jünger und, als einzige echte Überraschung, Ricarda Huch.

Rüdiger Safranskis "Einzeln sein": Rüdiger Safranski: Einzeln sein. Eine philosophische Herausforderung. Hanser, München 2021. 285 Seiten, 26 Euro.

Rüdiger Safranski: Einzeln sein. Eine philosophische Herausforderung. Hanser, München 2021. 285 Seiten, 26 Euro.

Der und das Einzelne an ihnen fällt demgemäß recht schillernd aus. Bei den meisten erschöpft sich die Untersuchung darin, wie sie als Individuen, welche sie doch naturgemäß schon immer vorab sind, mit ihrer Umwelt interagieren. Martin Luther mag als Einzelwesen von jenem Gewitter auf offenem Feld überrascht worden sein, das ihm das Gelübde abrang, er müsse ein Mönch werden - ansonsten ist seine Biografie im Kleinen wie im Großen vom Leben im Ganzen und fürs Ganze geprägt. Für Diderot beziehungsweise sein Werk "Rameaus Neffe" ebenso wie für Stendhal dürfte wohl in besonders hohem Maß gelten, dass sich ihr ehrgeiziges, anpassungsfähiges Dasein fast völlig aus ihrem gesellschaftlichen Funktionieren erklärt. Sie gehen sogar derart komplett in ihren sozialen Rollen auf, dass man dies wiederum geradezu als Einzelleistung zu würdigen hat: eine dialektische Pointe, die nicht so recht zündet.

Es ist nie zu spät, ein Einzelner zu sein

Als philosophisches Problem im engeren Sinn erscheint der Einzelne dann erst bei Kierkegaard, Max Stirner und den Existenzialisten des 20. Jahrhunderts. Wenn man die entsprechenden Denker gar nicht kennt, wird man von Safranskis lockerer Darstellung und Paraphrase unter Einschluss reichen anekdotischen Materials womöglich profitieren; andernfalls eher nicht. Ein durchgehendes Konzept, eine starke These, von der die mehr oder weniger willkürliche Reihe aus, nun ja, Einzelfällen, getragen und zu einer erkennbaren Einheit zusammengeschlossen würde, hat Safranski nicht zu bieten. Das Beste sind die zahlreichen Zitate, durch die er seine Protagonisten kennzeichnet. Ein Buch jedoch, dem man dies bescheinigen muss, kann kein wirklich gutes sein.

Als Abschluss wählt er Kafkas Parabel "Vor dem Gesetz" und folgt dem anscheinend unwiderstehlichen Drang, sie zu interpretieren: "Doch wenigstens solange man lebt, ist es nie zu spät für den eigenen Eingang, dafür, ein Einzelner zu sein." Unter den vielen Deutungen, die diese Geschichte über den Mann vom Land und den Türhüter schon gefunden hat, ragt diese durch ihren außergewöhnlich sonnigen Charakter hervor.

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